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Teil 2 – Die Assassine

Mein neuer “Arbeitgeber” hieß Selias von Iswada, benannt nach dem Schattenkönig Selias, dem Diener der Göttin Merchti. Er erklärte mir auch einiges über die Religion selbst, doch habe ich nie herausgefunden, ob er selbst wirklich gläubig war oder gar ein Priester. Auch das was er mir erzählte ergab wenig Sinn. So wie ich ihn verstanden hatte, hielt Merchti seine schützende Hand über genau solche Personen wie ich es war, Diebe, Betrüger und anderes. Die ganze Religion an sich erschien mir viel zu geheimniskrämerisch und heuchlerisch um überhaupt mehr, als nur erfunden zu sein, aber das kannte ich ja auch schon von meiner Zeit in der Priesterakademie der Elfeninseln. Selias hat allerdings auch nie wirklich versucht mich für diese Religion zu begeistern und ich meinerseits zeigte natürlich überhaupt kein Interesse daran. Trotzdem wurde er nie müde, mir etwas von Merchti zu erzählen. Besonders an ruhigen Abenden, an denen Er und Ich zusammen bei einem Becher Wein am Kamin saßen, schwärmte er von der geflügelten Göttin. Fast konnte man meinen er kannte sie persönlich oder war mit ihr liiert.
Ich ließ ihn immer reden und unterbrach ihn nie, allerdings hörte ich auch nie richtig zu. Ich zog mich in mich selbst zurück und ließ niemanden und nichts an mich heran. Ich erfüllte meine Aufträge ohne zu klagen und wurde immer besser, aber ich dachte auch nicht wirklich über das nach, was ich da tat. Genau wie schon so oft in meinem Leben, ließ ich es einfach geschehen, was mit mir passierte und ließ mich vom Schicksal leiten ohne selbst einzugreifen.

Vielleicht war genau das der Fehler, den ich die ganze Zeit gemacht habe. Ich dachte nicht über mich oder meinen Platz in der Welt nach, sondern nahm die Dinge wie sie eben auf mich zukamen. Ich dachte auch nicht darüber nach, wo und wer ich in ein paar Jahren sein würde. Solche Dinge haben mich nie wirklich beschäftigt. Ich lebte für den Augenblick und später für den nächsten Auftrag. Was danach kam, wen scherte es?

Wohl auch wegen meines Desinteresses an meiner Umwelt, blieben mir nicht viele Dinge im Gedächtnis hängen. Selbst an meinen ersten Auftrag kann ich mich nur noch vage erinnern.
Ich hatte Angst und war mehr als aufgeregt. Was würde Selias mit mir tun wenn ich versagen würde, was wenn mich jemand entdeckte, was wenn ich das Opfer einfach nur nicht erwischte, weil ich unfähig war? Tausend Fragen schwirrten mir durch den Kopf.

Ich muss dazu sagen, ich hatte vorher noch nie jemanden getötet. Ich habe gestohlen, auf die vielfältigsten Arten, aber das waren für mich doch eher Jugendstreiche gewesen. Doch nun blieb mir nichts anderes übrig als auf das tiefste und verachtungswürdigste herabzusinken, dass mir einfiel. Bestimmt denkt ihr jetzt, “Wieso ist sie nicht einfach wieder weggelaufen?” Nun, das ist eine Interessante Frage. Doch wie sollte ich? Selias war schließlich kein Dummkopf. Er schloss mich die ersten Monate immer ein, sobald keine Aufträge anstanden und ich ging auch nie wirklich allein raus, in dieser Zeit. Mehrere Dinturan gingen mit mir, weniger um mich zu schützen oder mir zu helfen, als vielmehr darauf zu achten, dass ich den Auftrag auch wirklich ausführte und keine Scherereien machte. Ich habe mich nie getraut mich ihnen entgegen zu stellen und, glaubt mir, auch ihr hättet in dieser Situation nicht den Mut dazu gehabt.

Mein erster “Klient”, wie ich es nannte, war ein recht einfacher Bürgerlicher. Dieser war nur vorübergehend in der Stadt und der Auftrag sollte des Nachts in der Taverne, in der er schlief ausgeführt werden. Den Wirt zu bestechen hatte nicht lang gedauert und so erfuhr ich nicht nur, in welchem Zimmer mein Opfer schlief, sondern auch, dass dieses Zimmer vom Innenhof der Taverne aus viel leichter zu erreichen war, da von dort eine kleine Treppe nach oben auf das dach verlief, die genau an einem der Fenster vorbeilief, durch die ich bequem zu meinem Klienten einsteigen konnte. Doch meine Diebeskünste brauchte ich nicht einmal einzusetzen, da der Mann, es war auch ein Dinturan, wohl nur bei offenem Fenster schlafen konnte. So wartete ich in der Dunkelheit des Hinterhofes, mit meiner Eskorte, bis ich aus dem bestimmten Zimmer ein tiefes Schnarchen hörte. Es dauerte dann nicht lang und ich stand im Zimmer des Mannes. Meinen Dolch hatte ich in der Hand und so beugte ich mich über mein Opfer. Dieses schlief einfach weiter, als könnte ihm hier drin niemand etwas anhaben. So stand ich bestimmt mehrere Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, mit dem Dolch in der Hand vor dem Bett und starrte auf den Mann. ich merkte nicht einmal, dass mir die ganze Zeit schon die Tränen über das Gesicht rannen und wischte sie einfach automatisch weg. Mein Kopf war, nein nicht leer, sondern eher randvoll. Die Gedanken schwirrten nur so um mich herum. Ich konnte ihn nicht töten, es ging einfach nicht. Leise ging ich wieder zum Fenster um den Rückzug anzutreten. Doch dort hatte sich schon meine Eskorte postiert. Einer der 4 murmelte “Du solltest deinen Auftrag ausführen, sonst müssen wir den unseren ausführen.” Mit diesen Worten grinste er mich hämisch an und zog er eine lange Klinge unter seinem Mantel hervor, die keinen Zweifel daran ließ, dass sein Auftrag darin bestand mich zu täten, sollte ich den Meinen nicht erfüllen. Ich schluckte und wand mich wieder dem schlafenden Dinturan zu. Ich hob die Klinge mit einer Hand über den Kopf und starrte auf das Bett. Ein flaues Gefühl breitet sich in meinem Magen aus und der Hals wurde mir trocken. NEIN! Ich konnte nicht! Doch draußen wartete mein eigener Tot, wenn ich mich nicht überwand. Ich schloss die Augen und versuchte mir einzureden, dass ich nur mein Leben rettet wenn ich ihn umbrachte. Ich weiß nicht genau, was dann geschah. Meine Tränen versiegten als ich ohne weiter nachzudenken das Messer auf sein Herz niedersausen ließ.

Ich glaube, genau das war der Moment, der mich zu dem machte, was ich war. Eine Assassine, ohne Skrupel oder Mitleid. Mir war egal, wer meine Opfer waren und wieso sie sterben sollten. Ich hatte kein einziges Mal danach gefragt und ich glaube auch, hätte ich gefragt, hätte mir Selias nicht geantwortet.

Das nächste, an das ich mich dann erinnern kann, war, dass ich wieder in der Villa in meinem Zimmer war. Ich lag quer über dem Bett und Kotzte mir die Seele aus dem Leib. Was hatte ich nur getan! Einen Unschuldigen hatte ich umgebracht! Ich hasste mich so sehr dafür. Ich verfluchte mein Schicksal, welches mich hierher geführt hatte. Aber am Meisten verfluchte ich Selias!

Nichtsdestotrotz musste ich weitermachen. Mit der Zeit hab ich mich auf irgendeine Art an den Beruf gewöhnt. Wenn man nicht mehr über bestimmt Dinge nachdachte, lebte es sich recht gut. Wie eingehüllt in eine rosa Zuckerwolke. Selias ließ mich auch irgendwann nicht mehr bewachen, ich blieb aus eigenem Antrieb und er hatte es geschafft. Er hatte seinen persönlichen Auftragsmörder. Doch er vermittelte mir auch Aufträge von anderen. Mir ging es dieser Zeit eigentlich recht gut. Ich erhielt, ja nach Auftrag, recht viel Gold und begann nun auch, mehr davon auszugeben. Die besten Waffen, die teuersten Stoffe für meine Kleider. 2 Rassepferde, die perfekt ausgebildet waren und mir meine Aufträge erleichterten und vor allem eine recht große Zeitersparnis versprachen. Selias gab mir eine seiner Villen zur persönlichen Verfügung und ich erhielt auch mehrere Diener dazu, die mich mit dem teuersten, besten Essen und Getränken versorgten, dass man sich vorstellen kann. Sie wussten wer ich war und was ich tat, aber ich hatte ihnen gesagt, dass ich sie töten würde, wenn sie es irgendwem erzählten. Es funktionierte. Sie hatten zuviel Angst um ihr Maul soweit aufzureißen und verrichteten nur unterwürfig ihre Arbeit bei mir.
Aus dieser Zeit stammt auch mein Spitzname “Lady”. Die Diener und bald auch Selias selbst und seine Untergebenen nannten mich so. Mich störte es nicht, sollten sie mich doch nennen, wie sie wollten. Meinen richtigen Namen hatte ich sowieso nie jemandem verraten. Selias und ich entwickelten sogar eine Art Freundschaft, doch über meine Arbeit redete ich mit keinem, auch nicht mit ihm.

So ging mein Leben weiter bis zu jenem verhängnisvollem Auftrag…

Ich weiß gar nicht ob der Auftrag von Selias selbst oder einem seiner Bekannten kam. Auf jeden Fall war es wohl der bedeutendste Auftrag, den ich je bekommen hatte. Irgendjemand wollte, dass ich den König vom Delta töte!

Das Ganze bescherte mir zu allererst ein paar arbeitsreiche Wochen, in denen ich allein mit der Vorbereitung beschäftigt war. Ich musste einen Weg hinein in den Königspalast finden. Ich beobachtet die Arbeit und Zeiteinteilung der Dienstboten und des Königs selbst. Ich schrieb akribisch die Wachwechsel auf, wer hatte wann Wachdienst, wer von den Wachen war notfalls bestechlich. Ich verbrachte die meiste Zeit wirklich nur mit dem Beobachten des Lebens in und um den Palast. Das Zusammenstellen der perfekten Ausrüstung war danach nur noch Arbeit von cirka einem Tag. Gleich die Nacht darauf wollte ich den Auftrag ausführen.

Eigentlich war alles ganz einfach. Wenn man wusste, wo man wann zu sein hatte, war es überhaupt kein Problem sich ungesehen im Palast zu bewegen. Die Tür zum Schlafzimmer des Königs war nie abgeschlossen und er hatte diesmal auch keine Wachen vor seiner Tür postiert. Da hatte ich allerdings Glück gehabt, denn in der Beobachtungszeit gab es höchstes 3-4 Tage in denen die Wachen nicht seine Tür bewachten. Eigentlich hätte das allein mich schon stutzig machen sollen, aber da ich dies, wie gesagt einige Male zuvor schon erlebt hatte, freute ich mich eigentlich nur, dass er mir den Auftrag so erleichterte. Hätten Wachen dort gestanden, hätte ich den Einstieg wohl durchs Fenster machen müssen, doch so war es natürlich um einiges leichter. Aufträge, bei denen ich nachts arbeiten konnte und so nur warten brauchte, bis die Klienten schliefen, waren mir natürlich am liebsten. Es gab auch andere, die so schnell wie möglich erledigt werden mussten und die ich deshalb am Tag ausführte und bei denen ich die Klienten irgendwie aus einem Versteck heraus überraschen musste. Diese machte ich nicht so gern, aber was sollte es, es war einfach meine Arbeit.

Sobald ich im Zimmer des Königs war, zückte ich meinen teuersten Dolch. Er war ziemlich lang und bis auf die Klinge aus purem Gold gefertigt, am Griff war er mit schillernden Amethysten versehen und auf der Klinge war etwas eingraviert. Es war nicht so, als kannte ich keine anderen Arten jemanden umzubringen, aber ich fand bei einem König gehörte ein gewissen Maß an Stil einfach dazu.

“Wieso schaut ihr mich da so verwundert an? Ja, selbst ein Assassine hatte Stil, auch wenn ihr das vielleicht nicht verstehen wollt, zumindest sehe ich das an euren Blicken. Doch erst einmal zurück zu meinem Auftrag.“

Ich schlich leise zu dem großen Bett auf dem der König schlief. Leider lag er auf der falschen Seite für den richtigen Winkel um sein Herz mit einem einzigen Stich zu treffen und ich musste auf die andere Seite des Bettes. Doch dann passierte plötzlich etwas womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte…
Ich fiel und landete laut polternd in Mitten vieler Keramikscherben, die jemand auf dem Boden ausgebreitet hatte. Ich schaffte es gerade noch mich im Fallen so zu drehen, dass ich nicht mit dem Gesicht auf den Boden aufkam. Keine Sekunde darauf wurde der Raum von Fackelschein hell erleuchtet, mehrere Wachen kamen aus verschiedenen Verstecken hervor und ich bemerkte ein dickes Seil, dass von einem der Füße des Bettes bis zu einem schweren Tisch gespannt war. Die perfekte Stolperfalle! Und ich war völlig ahnungslos hineingetappt!

Der König selbst war gar nicht anwesend, einer seiner vielen Berater hatte sich statt ihm, ins Bett gelegt und erhob sich nun grinsend. Ich glaube er hieß Tamerius, aber ganz sicher bin ich mir da nicht. Auf jeden Fall war er nichts weiter als ein arroganter Speichellecker, der es nur auch nur in seine Position geschafft hatte, in dem er allen nach dem Maul redete. “Lady“ sagte er und verbeugte sich tief vor mir. Dann verfiel er in ein lautes Gelächter in das auch die Wachen mit einstimmten. Er fuhr fort “Da hatten meine Informanten also doch Recht gehabt. Wer hätte gedacht, dass es wirklich jemanden gab, der es wagen würde den König zu ermorden, und gerade ihr, ihr seid doch noch ein Kind!“ er lachte noch lauter. “Aber vielleicht habt ihr die Güte wieder aufzustehen. Ihr blutet den schönen Teppich voll. Die Wachen werden euch sogleich in eurer Zimmer im Verlies geleiten, welches wir extra nur für euch vorbereitet haben.“ Das Lachen hörte auf und er grinste mich nun mehr hämisch an.

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Ich war verraten worden!
Meine Gedanken begannen zu kreisen. Wer hatte mir das angetan? Mein erster Gedanke war Selias, aber ich verstand nicht wieso er das hätte tun sollen. Weiter nachdenken konnte ich nicht, denn jetzt wurde mir endlich gewahr, das ich voll in den Scherben lag. Bis jetzt hatte das Adrenalin den Schmerz unterdrückt, doch nun schlug er mit voller Heftigkeit zu. Ich begann zu zittern, als ich versuchte mich zu bewegen. Einige Scherben hatten sich tief in meine Haut gebohrt, anderen hatten mich nur geschnitten. Auf jeden Fall blutete ich aus vielen Wunden. NEIN! Dachte ich. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Mein nächster Gedanke war nur noch „Ich muss hier weg“! Schnell!

Trotz der Schmerzen stand ich langsam auf, befreite mich von einem Großteil der Scherben und schaute mich im Raum um. Den Dolch hatte ich die ganze Zeit geistesgegenwärtig in der Hand gehalten. Wenn ich schnell genug war, konnte ich das Fester erreichen. Ich wusste, dass das Zimmer an der Außerwand des Palastes lag und es dahinter nicht sehr tief nach unten ging. Wenn ich richtig sprang konnte ich auf einer Art Vordach eines Stalles landen, in dem Heu und Stroh für die Pferde aufbewahrt wurde. Diesen Fluchtweg hatte ich natürlich schon vorher ausgekundschaftet und dass schnellste meiner beiden Pferde dort postiert. Die einzige Frage die sich mir stellte war, ob ich wirklich schnell genug sein würde… Doch was hatte ich schon zu verlieren, die Alternative bestand in einer Zelle tief unter im Verlies. Ich musste es einfach versuchen!

Ich versuchte also die Schmerzen so gut es ging zu ignorieren und sprintete los. Genau auf das Fenster zu. Damals waren Schusswaffen noch nicht üblich bei den Wachen und so zückten sie alle ihre Schwerter und liefen mir aus allen Seiten entgegen. Ich riss auf dem Weg einen kleinen Tisch um und trat ihn in Richtung zweier Wachen. Einen erwischte ich mit dem Dolch übel am Arm. Mein Glück war, dass Schwerter nicht erfunden worden um damit in engen Räumen zu kämpfen, So standen sich die Wachen zum Teil selbst im Weg und ich war im Vorteil. “Haltet sie auf!“ brüllte Tamerius hinter mir. Ich sprang auf einen Stuhl und schleuderte ihn im Wegspringen nach hinten. Wieder war eine Wache in ihrem Lauf gebremst. Das Fenster vor mir füllte nun mein gesamtes Blickfeld. Ich hatte es fast geschafft. Plötzlich durchzuckte mich ein heftiger Schmerz an der Hüfte. Eines der Schwerter hatte mich erwischt, zum Glück allerdings nicht mit voller Wucht, denn sonst wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht hier. Trotzdem war ich erst einmal gebremst, stolperte und fiel genau vor dem Fenstersims auf den Boden. Ich weiß nicht wie ich es dann noch geschafft habe, den Sims mit der Hand zu greifen und mich wieder hochzuziehen. Ein Gelehrter hatte einmal zu mir gesagt, wenn man in Todesangst schwebt, entwickelte man ungeahnte Kräfte. Damals hatte ich ihm nicht geglaubt, aber er hatte Recht, denn ich bekam irgendwie doch den Sims zu fassen und zog mich mit einem Arm hoch. Nun saß ich mit dem Rücken zum Fenster auf dem Sims und starrte den Wachen genau in die Augen. Wahrscheinlich dachten sie sie hätten mich jetzt geschnappt, den einen Ausweg sahen sie hier nicht. Deshalb hielten sie jetzt wieder Abstand. Tamerius funkelte mich böse an, rief aber “Tötet sie nicht, wir müssen erst herausfinden…“.
Ich habe nicht mehr mitbekommen, was er herausfinden wollte, denn genau in diesem Augenblick warf ich mich mit meinem ganzen Gewicht rückwärts gegen die Glasscheibe. Ich hatte gut geschätzt, denn ich landete, zwar hart auf meinem verletzten Rücken, aber ansonsten unversehrt auf dem Vordach. Ich rappelte mich auf und sprang vom Dach aus auf den Boden, lief zu meinem Pferd und schwang mich, vor Schmerzen keuchend in den Sattel. Die Wachen standen nun fassungslos am Fenster und konnten mir nur noch hinterher schauen, wie ich galoppierend in der Nacht verschwand.

Teil 3 – Die Magierin

Ich verschwendet weder Zeit um mich um meine Wunden zu kümmern, noch machte ich Halt um mein Gold oder Wertgegenstände aus meinem Haus oder den verschiedenen Verstecken zu holen. Wer immer mich verraten hatte am Hof des Königs wusste sicher auch wo ich wohnte und würde sicher als erstes dort nach mir suchen. Ich machte mir auch keine Gedanken um Selias. Falls er es war, der mich verraten hatte, hatte er es auch nicht verdient weiter an ihn zu denken. Wenn er es doch nicht getan hatte, wurde sicher auch er verraten und dann war es sicher zu spät um ihm zu Hilfe zu kommen. Wie so oft lies ich mein früheres Leben in zurück und ritt mit Nichts in den Taschen einem neuen Leben zu. Die Schmerzen die ich hatte, würde ich noch überstehen müssen, bis ich ein brauchbares Versteck irgendwo draußen in den Ebenen gefunden hatte. Ich hoffte nur ich würde es schaffen.

Stunden später, zumindest kam es mir so vor, erreichte ich eine kleine Felsformation die von einigen Wind-Eschen umwachsen war. Von hier aus hatte ich einen recht guten Überblick über den zurückgelegten Weg und konnte etwaige Verfolger zeitig genug erkennen, war jedoch selbst vor Spähern gut geschützt. Obwohl mir das alles nicht viel weiter geholfen hätte, denn ich war kaum noch in der Lage mich überhaupt auf dem Pferd zu halten. Noch einen Kampf oder eine weitere Flucht hätte ich sicher nicht mehr überlebt. Ich fiel förmlich vom Pferd auf den harten Boden und war minutenlang nicht einmal in der Lage mich zu bewegen. Einige Zeit später schaffte ich es wenigstens mich wieder aufzusetzen. So gut es ging versuchte ich mein Gewand auszuziehen in dem Versuch die Wunden zu säubern. Doch der Stoff entglitt immer wieder meinen Finger und irgendwie hatte er auch eine andere Farbe. Oder litt ich nur an Halluzinationen? Ich schaute entgeistert auf meine Hände und realisierte, dass sie Rot verfärbt waren. Blut? Fragte ich mich, schon halb im Delirium. Irgendwie verschwamm plötzlich die Landschaft vor meinen Augen und ich realisierte gerade noch wie ein Mann in einer knöchellangen, hellblauen Robe auf mich zuging. Dann sank ich in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Ich wachte auf, irgendwann in der Nacht. Ich versuchte mich zu bewegen aber es war mir unmöglich. Wahrscheinlich war ich gefesselt, dachte ich. Dann schlief ich wieder ein. Das nächste Mal als ich erwachte war heller Tag und ich blinzelte verwirrt in die Sonne. Bewegen konnte ich mich immer noch nicht. Der Mann in der Robe kam mit einer kleinen Schüssel in der Hand auf mich zu “Trinkt das, es wird euch helfen.“ sprach er in einer tiefen, freundlichen Stimme zu mir. So gut es im Liegen eben ging trank ich die Schüssel leer. Ich hatte solch einen Durst. Der Mann ging wieder weg und kam kurze Zeit später mit der neu gefüllten Schüssel wieder zurück. Und wieder trank ich. Er fing an zu reden “Ihr braucht keine Angst vor mir haben. Ich habe euch halb verblutet irgendwo in den Ebenen gefunden und ihr wart mehrere Tage lang Ohnmächtig. Ich habe mich um euch gekümmert.“ Ich schaute in sein Gesicht. Das klang viel zu nett. Ich konnte noch nie so recht glauben, dass jemand sich selbstlos um eine fremde Person kümmerte. Selbst die Heiler in den Städten rührten keinen Finger ehe man ihnen nicht eine große Menge Gold in die Hand drückte. ]b]“Fesseln?“[/b] war das einzige, dass ich krächzend hervorbrachte. Er lachte leicht auf “Nicht doch, was denkt ihr denn von mir? Das sind die Bandagen die ich euch angelegt habe. Ich musste sie recht eng knoten. Außerdem habt ihr am Anfang im Schlaf um euch geschlagen und ich wollte nicht, dass die Wunden dadurch wieder aufbrechen, also habe ich eure Arme mit eingeknotet. Wartet kurz, ich löse schnell die Knoten.“ Er machte sich irgendwie an dem Verband zu schaffen und schon konnte ich die Arme wieder bewegen. Trotz seines entrüsteten Blickes versuchte ich mich langsam aufzusetzen. Um mich herum wuchs dichter Wald. “Wo sind wir?“ fragte ich, denn wie die Ebenen von Aoul sah das hier nicht aus. “Wir sind in den Wäldern um Tilien. Ihr saht mir so aus, als wolltet ihr vor Irgendetwas fliehen. Keine Angst, ich werde euch nicht danach fragen was passiert ist. Ich gehe immer davon aus, dass jemand mir sicher freiwillig seine Geschichte erzählt, so er denn sie erzählen möchte. Zumindest war ich gerade auf dem Weg hierher, ich hatte keine Zeit um noch länger in den Ebenen zu bleiben und so nahm ich euch einfach mit. Seid mir nicht böse deswegen, ja?“ Ich ihm böse sein? Dafür dass er mir wahrscheinlich das Leben gerettet hatte? So etwas hatte noch nie jemand für mich getan und für einen Moment wusste ich gar nicht, was ich dazu sagen sollte. “Danke.“ sagte ich dann einfach nur. Er begann wieder zu sprechen. “Wie unfreundlich von mir. Jetzt habe ich doch glatt vergessen mich vorzustellen. Mein Name ist Li`estrel Vemark, ich dürft mich gern mein Vornamen nennen. Wie ihr sicher schon an meiner Robe bemerkt habt, bin ich ein Magier und gerade auf dem Weg zur Magierakademie in Tilien. Wäret ihr vielleicht so freundlich mir euren Namen zu verraten? Sonst weiß ich gar nicht wie ich ansprechen soll.“ Er lächelte mich freundlich an. Meinen Namen? Ich hatte doch gar keinen. Einen Moment lang schloss ich die Augen, sollte ich ihm meinen richtigen Elfennamen verraten? Doch plötzlich kam mir Esturiana in den Sinn. Ich wusste nicht, woher ich den Namen kannte, aber er klang gut. “Esturiana.“ sagte ich nur. “Nun Esturiana, ich werde uns jetzt erst einmal eine kleine Mahlzeit bereiten. Ruht euch noch ein wenig aus und bitte steht noch nicht auf. Dafür ist es noch zu früh.” Er drückte mir freundlich die Hand auf die Schulter und ging dann zu einer kleinen Feuerstelle. Ich legte mich wieder hin, drehte aber den Kopf so, dass ich ihn beobachten konnte.

Er war schon ein wenig älter. In Menschenjahren bestimmt schon ungefähr 50, aber ich konnte das Alter von Menschen noch nie besonders gut schätzen. Zumindest hatte er schon leicht ergraute Haare. Diese gingen ihm bis unter die Schulterblätter. Trotz seines Alters sah er noch sehr stattlich aus. Nicht dürr, wie man es oft bei älteren Menschen sah, aber auch nicht dick, so dass er wohl ein recht gesundes Leben bisher geführt hatte. Ich überlegte, was ich überhaupt von Magier wusste. Anscheinend gab es recht viele davon und es gab viele verschiedene Einsatzgebiete von Magie. Vielleicht studierte er auch die Kräuterkunde, da er sich anscheinend mit der Heilung auskannte. Ich würde ihn später danach fragen, entschied ich.

Früher wurde mir immer erzählt, dass Elfen ein recht großes, magisches Potenzial hatten, ich selbst habe selbiges noch nicht an mir entdecken können, muss aber auch eingestehen, dass ich noch nie versucht hatte Magie anzuwenden.

Als das Essen fertig war, kam er mit 2 gefüllten Schüsseln und 2 Löffeln wieder zu meinem Lager “Könnt ihr die Arme bewegen und selbst essen?“fragte er mich. Ich setzte mich wieder auf und versuchte meine Arme zu heben. Dadurch, dass sie die ganze Zeit nutzlos neben mir gelegen haben, in die Bandagen gewickelt, tat es ein wenig weh sie zu bewegen aber es würde gehen. Dankend nahm ich die Schüssel entgegen. Nach dem Essen wickelte Li`estrel die Verbände von meinem Körper und begutachtete die Wunden. Ich kam mir zwar ein wenig komisch vor, hier so Oberkörperfrei vor ihm zu sitzen, aber ich bedeckte meine Blöße ein wenig mit einer Decke und anscheinend machte es ihm überhaupt nichts aus. Nicht einen einzigen Blick in diese Richtung bemerkte ich. Natürlich war ich auch halb nackt, als er die Verbände angelegt hatte, überlegte ich, doch da war ich ja auch Bewusstlos. Das war etwas völlig anderes. Um meine Schüchternheit zu überspielen fragte ich ihn welche Art Magie er studierte und ob er sich mit der Heilung auskannte. Er lächelte “Nur ein klein wenig. Ich bin eine Weile lang mit einem Quacksalber gereist. Von ihm habe ich einige Dinge gelernt. Aber da ist nichts Magisches dran, müsst ihr wissen. Magie ist etwas völlig anderes. Die Magie ist überall um uns herum und durchdringt alles Leben, den Boden, die Bäume und selbst euch und mich, nur eben in verschiedener Konsistenz. In dem Einen ist sie stärker vertreten, in dem anderen weniger stark. Die Magie, die in einer einzelnen Person vorhanden ist, wird Mana genannt“ begann er zu erklären. Fasziniert hörte ich ihm weiter zu “Die Magier erschaffen selbst nichts magisches. So etwas ist unmöglich. Wir geben der Magie nur die richtige Form. Allerdings können fast alle Magier nur das Mana nutzen, das selbst in ihnen selbst vorhanden ist. Wenn ein Magier zum Beispiel in einem dunklen Zimmer eine Lichtkugel erschafft, dann war Magie schon vorher in dem Raum. Er kann sie allerdings nicht nutzen, sondern muss auf seine eigenen Manareserven zurückgreifen. Er habe sie dann einfach nur dazu gebracht sich zusammenzuballen und sich in Form von Licht zu zeigen. Versteht ihr was ich meine?“ Ich nickte und hörte weiter gebannt auf das was er sagte. “Es gibt viele verschiedene Arten der Magie. Allerdings unterscheiden sich die Richtungen nur in der Form die Magie zu nutzen. Ein Feuermagier zum Beispiel würde sich darauf spezialisieren sie dazu zu bringen sich in Form von Wärme zu offenbaren, den Feuerball der daraus entsteht ist demnach nichts weiter als eine Zusammenballung von Hitze. Ich selbst habe mich übrigens hauptsächlich der Eismagie verschrieben.“
“Ihr bringt also euer Mana dazu sich in Form von Kälte zu offenbaren.“ sagte ich. “Ihr habt es also verstanden. Das freut mich, nicht alle Wesen verstehen es auf Anhieb. Ich selbst habe einmal versucht, das Prinzip einem Krieger zu erklären. Das war ein reines Desaster, kann ich euch sagen. Er erwiderte immer nur, das er nichts mit etwas anfangen könnte, das er nicht sehen kann.“ Li`estrel lacht hell auf und schaute mich dann interessiert an “Ihr seht sehr interessiert aus, habt ihr schon einmal darüber nachgedacht ein Magier zu werden? Elfen haben meist einen besonderen Sinn dafür, die Magie zu nutzen.” Anscheinend stimmte meine Überlegung also doch. Ich? Ein Magier? Darüber musste ich erst einmal eine Weile nachdenken. Es klang eigentlich ganz interessant und ich würde mir sowieso ein komplett neues Leben aufbauen müssen, nach der Sache mit dem König vom Delta. Warum also nicht einmal etwas ganz neues Versuchen? “Ich weiß nicht.“sagte ich allerdings nur. Er sprach weiter “Ich bin übrigens ein Anwerber der Magierakademie. Das heißt, ich reise durch die Lande und suche nach Personen, die sich als magisch begabt erweisen um sie dann zum Lernen an die Akademie zu bringen. Aus rein beruflichen Gründen … würdet ihr mir den Gefallen tun und an einem kleinen Experiment teilnehmen“ Er zwinkerte mir zu. Ich wusste für den Moment nicht, wie ich reagieren sollte. Irgendwie ging mir die ganze Sache dann doch ein wenig zu schnell. “Ihr müsst nicht sofort antworten, ruht euch erst noch ein wenig aus und lasst eure Wunden heilen. Falls ihr dann doch Interesse daran habt, sagt es mir später einfach.“ Ich nickte und er schien zufrieden.

In der Zwischenzeit hatte er meine Bandagen gewechselt und eine dunkelgrüne Paste auf meinen Wunden verteilt “Wie werden dies jetzt ein Mal pro Tag machen müssen.“ sagte er, jetzt wieder auf seine Tätigkeit konzentriert. “Nun, habe ich euch einiges über mich verraten, doch über euch weiß ich noch gar nichts. Ich will nicht wissen, wieso ihr die Ebenen so fluchtartig und verwundet verlassen wolltet, aber ich würde zumindest gern wissen, wohin ihr unterwegs wart. Ich bin nämlich, wie gesagt, auf dem Weg zur Akademie. Beim nächsten Vollmond soll dort eine große Versammlung aller höheren Magier stattfinden und ich habe vor dort dabei zu sein. Deshalb werde ich weiter den Weg nach Tilien einschlagen. Ich würde euch ungern in eurem Zustand schon allein woandershin gehen lassen. Doch leider ist es mir unmöglich noch einen Umweg zu machen und euch irgendwo hin zubringen. Ich würde euch allerdings gern mitnehmen, wenn ihr wollt. Ich habe gern Begleitung beim Reisen, da ist es nicht so langweilig und außerdem kann ich mich so noch um eure Wunden kümmern. Was meint ihr dazu?“ Was ich dazu meinte? Wo sollte ich denn bitte hin? Das einzige, dass ich wollte war weit weg zugehen von den Ebenen, aber ein konkretes Ziel hatte ich auch nicht. Von Tilien hatte ich schon einiges gehört, war aber noch nie selbst dort und sie war weit weg und recht versteckt in einem großen Wald. Wieso also nicht dahin?
“Ich habe kein so rechtes Ziel. Ich bin nur auf der Suche nach einem Ort an dem ich eine Arbeit finden kann, die mich ernährt. Also wenn es euch wirklich nichts ausmacht, würde ich euch gern begleiten und mir Tilien ansehen.“ sagte ich wahrheitsgemäß. Li`estrel lächelte und nickte. Dann sagte er mir noch ich solle mich noch ein wenig ausruhen, da wir erst morgen weiterreisen würden und ging um sich um Irgendetwas zu kümmern. Ich war von der Unterhaltung ein wenig angestrengt und schlief daraufhin auch sofort wieder ein.

Die nächsten Tage nach unserer Weiterreise erholte ich mich zusehends. Bald übernahm ich auch kleine Tätigkeiten, wie etwa die Suche nach Feuerholz oder ähnlichem. Li`estrel erzählte mir noch vieles über die Magie an sich, über die Akademie zu der er unterwegs war und auch etliches zu sich selbst. Ich kam nicht umhin ihm auch einige Details über mein Leben zu verraten. Allerdings erzählte ich ihm hauptsächlich aus meiner Zeit auf den Elfeninseln oder erinnerte mich an lustige Begebenheiten hier auf dem Festland. Ich sagte nie etwas über meinen Beruf und er fragte nicht danach. Es war mir ganz lieb so, denn ich hatte den freundlichen älteren Mann schon längs in mein Herz geschlossen und wollte ihn ungern belügen. Ich glaube seit ich von Zuhause weggegangen bin war noch nie jemand so vorbehaltlos nett zu mir. Abgesehen davon, war ich mir selbst nicht mehr ganz sicher, ob ich weiterhin als Auftragsmörder arbeiten wollte. Ich hatte schließlich jetzt eine Gelegenheit, die nicht jeder bekommen würde. Ich hatte die Chance ein ganz neues Leben zu beginnen. Doch was sollte ich tun? Ein handwerklicher Beruf war mir sicher viel zu langweilig auf Dauer, und es gab auch nicht, das mich so interessiert hätte, das ich den Beruf lernen wollte. Die Vorstellung, dass ich für den Rest meines Lebens irgendwelche Kleider nähen sollte, oder Dinge auf dem Markt verkaufen, die war einfach nichts für mich. Auch als Bauer auf einem Feld konnte ich mich nicht vorstellen. Ich trauerte ein wenig um mein schönes Geld, dass in den Verstecken in Khal-Grashkatul lag und dass ich nicht die Zeit hatte mitzunehmen. Ob es dort jemals wer finden würde? Sicher nicht, sagte ich mir und gleichzeitig überlegte ich ob ich irgendwann den Mut aufbringen würde zurückzugehen und es zu holen. Mit dem Geld wäre meinneuer Anfang sicher um einiges leichter gewesen, zumindest würde es mir die notwendige Zeit verschaffen, mich zu entscheiden, was ich nun tun sollte.
Ich rechnete, wie viel Zeit mir so noch bleiben würde, um mich zu entscheiden. Li`estrel hatte gesagt, das die Versammlung am nächsten Vollmond stattfinden sollte. Also würden wir sicher innerhalb der nächsten Tage in Immernochnamenlosestadt ankommen. Viel Zeit blieb mir also nicht mehr.

Eines Abend als ich mit Li`estrel am Feuer saß, gesättigt von einem Kanincheneintopf fragte er mich doch noch einmal ob ich mich vielleicht von ihm prüfen lassen wolle. Natürlich sagte ich zu. Den kleinen Wunsch konnte ich ihm einfach nicht abschlagen und um ehrlich zu sein, war ich selbst schon ein wenig neugierig darauf, was bei der Prüfung herauskäme. Die Dinge die er mir im Laufe der Tage über die Magier erzählt hatte klangen alle ausnehmend interessant und immer, sobald er anfing von der Magie zu erzählen, klebte ich an seinen Lippen. Hatte ich also vielleicht doch irgendein magisches Potenzial? “Na das werden wir ja sicher bald herausfinden.“ lachte Li`estrel. “Wie ich schon sagte, kann nur jemand Magier werden, wenn er Mana selbst in sich hat. An der Akademie lernt er dann nur, die ihm eigene Magie richtig zu nutzen. Die Prüfung der ihr euch unterzieht ist eigentlich nur eine Art Konzentrationstest. Ihr müsst euch also nur ein wenig entspannen und euren Geist für mich zu öffnen. Ich werde dann versuchen allein das in euch wohnende Mana zu nutzen und nicht meines dazu. Damit werde ich dann versuchen eine Lichtkugel zu erschaffen. Dies eigentlich ganz einfach und für euch auch völlig ungefährlich. Also keine Angst, es wird euch nicht wehtun. Anhand der Leuchtkraft der Kugel, können wir dann euer Magisches Potenzial sehen. Schaffe ich es gar nicht solch eine Kugel überhaupt zu erschaffen, habt ihr leider kein Magisches Potenzial. Habt ihr soweit verstanden, wie die Prüfung funktioniert?“ Ich überdachte das Gesagte noch einmal. Irgendetwas war komisch daran. Ich sagte also langsam “Ich meine mich zu erinnern, dass ihr sagtet, das man nur sein eigenes Mana nutzen kann und nicht das aus anderen Lebewesen.“und schaute ihn fragend an. Li`estrel lachte oft “Ihr habt mir also aufmerksam zugehört, das ist gut. An sich habe ich euch da nicht belogen, für die meisten Magier ist es unmöglich andere Magie zu nutzen als die Eigene. Allerdings gehöre ich nicht zu den meisten Magiern sondern zu einer größeren Gruppe höherer Magier. Einige von uns sind so gut darin Mana zu nutzen, dass es ihnen möglich wird auch Magie zu nutzen, die in anderen Dingen oder Personen vorhanden ist. Vielleicht habt ihr einmal davon gehört, dass die Elfen ein eigenes Ritual haben um ihre Manavorräte auszubauen indem sie Magie nutzen die in den so genanten Elbensteinen vorhanden ist?“ Tatsächlich hatte ich schon einmal davon gehört und nickte zustimmend. “Seht ihr, es ist also doch möglich, aber eben nur für eine kleine Gruppe von Magiern. Die meisten werden wirklich niemals dazu in der Lage sein. Habt ihr sonst noch Fragen oder wollen wir mit der Prüfung beginnen?“

Ich war bereit und Li`estrel sagte ich solle mich bequem hinsetzen und die Augen schließen. Dann fing er an irgendetwas zu murmeln. Dies dauerte allerdings ziemlich lange und machte mich irgendwie schläfrig. Ich kann nicht mehr sagen, wie lang ich dort saß und er murmelte, doch plötzlich hörte er auf und sagte “Seht.“ Ich öffnete die Augen und der Wald war hell erleuchtet. Genau vor mir schwebte eine ziemlich große Kugel aus Licht, bestimmt größer als der Kopf eines Menschen, die sich langsam ein wenig auf und ab bewegte. Ich wand mich Li`estrel zu und schaute ihn an. Er starrte fasziniert auf die Kugel und sah dann zu mir. Ein breites Lächeln stahl sich in sein Gesicht.

“Ihr habt die Prüfung mehr als erfolgreich bestanden.“ sagte er.

10. LeCobra, Hüter der Bibliothek der Freien zu Last

Der Hüter der Bibliotek: Meister LeCobraEin alter Magier saß in seiner schmucklosen, braunen Robe gehüllt über eine von einer einzelnen Kerze kaum erleuchteten Schreibplatte. In seiner regungslosen Hand hielt er einen Federkiel, an dem frische Tinte schwarz glänzte. Die Hand lag auf einem dicken Buch, die Spitze der Feder hing etwa zwei Zentimeter über dem fast leeren Papier. Die Augen des alten Mannes waren geschlossen und sein von Wetter gegerbtes Gesicht lies kein Schluss zu, ob er schlief, oder sich auf etwas Konzentrierte.

Langsam öffneten sich die Augen von LeCobra, die Feder senkte sich und langsam und vor allen sauber schrieb der alte Magier ein Satz nieder, die Feder immer wieder in das kleine Flächen Tinte steckend.

Er schrieb an eine Art Zusammenfassung. Er wollte sein Leben zusammenfassen. So damit all seine Vermutungen und seine Geschichte auch für die Nachwelt erhalten blieben. Er hatte lange damit gerungen, ob seine Geschichte dies überhaupt wert war.

Nach einigen langen Tagen des Grübelns hatte sich LeCobra einmal seine Schreibtischschublade angeschaut und die vielen einzelnen Zettel, die dort unsortiert seine Gedanken fest hielten. Beim Durchschauen hatte er dann festgelegt, dass es sich doch lohnte es zu sortieren und aufzuschreiben.

Er schrieb einen weiteren Satz, bevor er wieder ins Grübeln verfiel.

Eigentlich seit er Denken konnte, war er bei den Freien. Als junger, frisch entdeckter Magier wurde er dort von einer art Universität ausgebildet. Er war einer der wenigern, denn schon bald begannen die Kräfte des Systems gegen die Freien vorzugehen und die Universität verschwand in den Untergrund.
Aus einer Universität mit Lehrern, Schülern, Rednern, Hörsälen Bibliotheken und Stundenten wurde eine Untergrundorganisation. Sie nannten sich weiterhin die „Freie Universität“, doch hatten sie keinen festen Punkt mehr, an dem diese Universität für neugierige erreichbar war.

Es gab einen so genannten Rat, dieser setzte sich aus den ältesten und weisesten der Freien zusammen. Diese bestimmten, wer das Wissen der Freien Universität lehren durfte und wer lernen durfte. Neue Schüler wurden unter höchsten Sicherheitsbestimmungen ausgewählt und erst nach langen Prüfungen aufgenommen.
Da es keine Stundenpläne, Lehrveranstaltungen und Lesungen mehr gab, wurde jedem neuen Schüler ein Lehrer zugewiesen, der dem Schüler alles beizubringen hatte. Außerdem hatte der Lehrer die Aufgabe, darauf zu achten, dass ihr Schüler erst das volle Ausmaß der Untergrundorganisation der Freien bemerkte, wenn diese fertig ausgebildet sind und vor allen dass die Schüler die Universität nicht verrieten.

LeCobra, als einer der besten Absolventen der früheren Universität wurde einer dieser Lehrer. Dieser Magier hatte mit seinen Forschungen über das System, die der Freien Universität schon viel genutzt hatten, um unentdeckt zu bleiben, den Titel Meister bekommen.

Als Meister LeCobra bildete er nun Jahr für Jahr andere Feie aus. Da diese Ausbildung ersten sich abhängig von dem Schüler durchaus über mehrere Jahre hinzog und da es gefährlich war, zu lange an einer Stelle zu verweilen, zog Meister LeCobra mit seinem Schüler durch die Welt, zum einen um nicht aufzufallen, zum anderem, um am praktischen Beispiel das Wirken des Systems in der Welt zu erforschen.

Genau vier Schüler bildete der Meister über einen Zeitraum von 15 Jahren aus, wobei sich der letzte der Schüler beschwerte, dass sich der Magier mehr um seine Forschung kümmerte, als um die Ausbildung des Schülers.

Dort begannen die Schwierigkeiten mit dem Rat, denn LeCobra hatte begonnen, seine Forschungsrichtung zu wechseln, er erforschte nun die Menschen in der Welt und beobachtete dafür einfach ihr Verhalten. Eine Forschung, dessen Zweck der Rat nicht einsehen wollte, auch wenn LeCobra immer wieder vor dem Rat beteuerte das er durch die Forschung am Menschen das Wesen des Systems erforschen wollte. Da die allgemeine Meinung des Rates war, dass das System eine Machtergreifende Kraft war, erklärten sie LeCobras Arbeit am einfachen Menschen als unsinnig, sollte er doch wenigstens die Menschen in Machtpositionen erforschen. Zumal sie nicht glauben konnten, dass LeCobra der Meinung war, dass das System durch die Menschen wirkte und nicht durch eigene Kräfte. Diese Meinungsverschiedenheiten und darauf folgende Diskussionen zogen sich über Jahre hinweg, da der Magier immer wieder unterwegs war um, so wurde vermutet, dem Rat zu entgehen.

Als LeCobra, nun mit der Ausbildung seines fünften Schülers betreut, nun dem System seine gottgleiche Personifizierung absprach, wurde ihm untersagt, weiterhin in dieser Richtung zu forschen. Sie hätten ihm auch seinen Schüler abgesprochen, wenn dieser nicht drauf bestanden hätte, von Meister LeCobra ausgebildet zu werden. Dieser Schüler hieß ArgRIB, ein völlig merkwürdiger Name, den dieser aber nie erklärte.

Wieder verharrte die Feder des alten Magiers, mit geschlossenen Augen dachte er an diesen merkwürdigen jungen Menschen zurück.
In seiner völligen Einzigartigkeit und fast schon Verrücktheit, war dieser Mensch LeCobras bester Schüler und auch bestes Studienobjekt geworden. Es gab Gespräche, in denen wusste der alte Meister damals nicht, wovon der junge Mann sprach und auch heute verstand er kaum mehr. Sein Schüler sprach von fremden Orten und fremden Zeiten, von verschobenen Realitäten und von unwirklichen Einbildungen, doch mit allem von diesen konnte LeCobra nichts mit anfangen.
Der alte Meister schüttelte leicht den Kopf, er fragte sich, was aus diesem wissensdurstigen Schüler geworden ist.
Doch nach einigen Minuten setzte er wieder ein Feder an und schrieb weiter an seinem Buch.

Mit ArgRIB hatte er damals die Bibliothek in Last entdeckt und war von dort an ein gerngesehener Gast in den Diskussionsrunden in „Rick’s Café Exturian“. Er freundete sich mit dem immer gutgelaunten Wirt Rick an und suchte dort Entspannung und Erholung von den fest eingefahrenen Meinungen des Rates der Freien Universität. Denn hier wurde ganz offen und unvoreingenommen über alles Mögliche diskutiert und die Bibliothek beherbergte einige Werke, in denen sich der Magier verlieren konnte.
Dort entwickelte er auch seine wildesten Theorien.

Das Wort Theorien umkreiste LeCobra einige male und machte eine Randnotiz, die auf ein Blatt verwies, das er zwischen die Seiten des Buches legte:

Meister LeCobra las sich das Blatt noch einmal durch und merkte, wie er wieder, wie so unzählige male davor, versuchte vergeblich Antworten zu finden.
Er schüttelte sich wieder leicht und wandte sich seinem Buch zu.

Dass das Ausmaß der Vermutungen von LeCobra, die selbst ihn erschreckten, dem Rat nicht gefallen würde war ihm klar. Zumal seine Position gerade so schlecht wie irgend möglich war, er hatte ArgRIB entlassen müssen, da dieser auf einmal ungesund viel Interesse am System zeigte, vor allem, wie man zum System kam. LeCobra konnte nicht riskieren, dass ArgRIB noch mehr von den Freien erfährt und dann wollmöglich dem System mitteilte.

Somit gingen ArgRIB und LeCobra getrennte Wege. LeCobra machte sich auf zum Rat, da er von dort befohlen bekommen hatte, seine Studien zu zeigen und zu erklären. Irgendein Freier musste ihn verfolgt haben, seine Vermutungen gehört und dem Rat dies erzählt haben.

LeCobra bereitete sich auf einen abgerundeten und allgemein verständlichen Vortrag vor, von einer Erklärungsweise, die deutlich machte, dass er den Titel Meister zu Recht trug. Doch trotz seines gewaltigen Vortrags, war der Rat ohne Frage völlig verständnislos über seine Thesen.
Sie entzogen ihm die Lehrerlaubnis und entließen ihn unehrenhaft aus der Freien Universität.

So packte der alte Magier seine Sachen und zog alleine durch die Welt, auf der Suche, seine Vermutungen zu beweisen und Fragen zu beantworten.

Dann passierte das Unglück in Last…

Wieder lies der alte Mann die Feder sinken, in Gedanken durchlebe er den Augenblick, als ihm die Nachricht von der Katastrophe erreichte. Die ganze Niedergeschlagenheit und Trauer, als er vom verschwinden seiner Freunde erfuhr.
Er steckte die Feder ins Tintenfass und barg sein Kopf in seine Hände. Nie war er jemals so verzweifelt gewesen. Ein Beobachter konnte sehen, wie der alte Mann von lautlosen Schluchzern geschüttelt wurde.

Doch die Geschichte ging weiter und so nahm er wieder die Feder auf und schrieb einige letzte Sätze.

Damals hatte er Zuflucht bei dem reisenden Bierhändler Bernd gefunden. Gemeinsam durchstreifen sie auf seinen großen Planwagen die Welt.
Als sie nach einigen Jahren in der nähe von Last waren, um dort zu handeln traf Bernd seine künftige Frau. Da er mit einer Ehefrau kein Zigeunerleben leben wollte, bestand der Händler Bernd sich in Last nieder zu lassen.

Aus lauter Sentimentalität ging der alte Meister LeCobra zu „Rick’s Café Exturian“ und stellte erstaunt fest, dass das Gebäude fast völlig unversehrt die Jahre und die Säuberung durch das System überlebt hatte. Er fand auch die Bibliothek völlig unberührt vor.

LeCobra und Bernd beschlossen dieses Haus wieder zu beleben und die Schätze zu bewachen.

So wurde aus dem vormals Student LeCobra, der später Lehrer und Meister LeCobra, dann der geächtete Wanderer wurde, der Hüter der Bibliothek in Last.

Willkommen in Exterion!

Hi there

Bei den RELIQUIEN EINER VISION handelt es sich um die Überbleibsel einer Heldentruppe aus dem Browser-Fantasyrollenspiel World of Dungeons, die ich eine Weile leitete. Nach einer Weile waren wir von unserer eigenen Spieltruppe (faktisch waren meine damalige Freundin und ich noch Mitglied in zwei anderen) ein bißchen angeödet. Außerdem fanden wir, daß einige Mitglieder die Gruppe in die falsche Richtung drängten, weswegen wir sie schlußendlich verließen und aus den Überbleibseln die Reliquien formten. Mir persönlich kam beim Spiel der epische, wirklich rpg-mäßige Anteil immer zu kurz, weswegen ich fand, ich sollte einfach meine eigene Geschichte beginnen, sehen, ob ich Leute dafür begeistern kann und vielleicht mit deren Hilfe ein kleines Epos schaffen, daß ein bißchen Tiefe in die Spielwelt bringt. Die – trotz allem was danach kam – großartige Aeris hat mich in diesem Ansinnen tatkräftig unterstützt und siehe – bald hatten wir eine kleine Truppe von Mitschreibern zusammen, einige engagierte Leser, die uns zumindest ein wenig Feedback gaben und eine ganz ansehnliche Story. Leider ist diese Story aber grundsätzlich nur Inhabern eines Spieleraccounts auf der Welt Exturion zugänglich und trotz massiver (und teurer) Werbung im Ausrufer bleibt die große Resonanz leider aus. Die wenige vorhandene Resonanz allerdings war eigentlich durchgehend positiv und so entschlossen wir uns nach langem Hin und Her, die Reliquien in der Schreiberlounge des SB wenigstens einmal auszuprobieren und dann zu sehen, ob’s bei den Leuten ankommt, WIE’s bei den Leuten ankommt und vielleicht, um noch den einen oder anderen Mitschreiber zu gewinnen. Dort führt die Geschichte leider auch ein eher betrübliches Schattendasein, weswegen ich dachte, um unsere kreativen Bemühungen zu konservieren und uns die Möglichkeit offenzuhalten, soweit Interessenten (wieder)auftauchen, mit der Geschichte weiterzufahren, an der mir doch sehr viel liegt, rette ich sie in ein Blog parallel zu dem meinen und hoffe auf das beste – nämlich Euch, liebe Leser.

Inhalt: Der Hüter Wolçar ut Besço strandet auf seiner Isolationsreise in der Welt Exturion. Er, ebenso wie die meisten Wesen, denen er dort begegnet, ahnt nicht, daß es sich bei Exturion um den Server eines umfangreichen postmodernen MMORPG handelt. Hier existierte vor einer Weile die Bewegung der Freien, die sich aufgrund einer Anomalität im Spielsystem plötzlich der Tatsache bewußt wurden, daß sie nur Marionetten für jemand anderen sind, den sie seinerzeit SYSTEM tauften. Weder den Administratoren noch den GMs ist bewußt, daß auf Exturion Wesen mit einem lebendigen Bewußtsein herumlaufen, weswegen sie seinerzeit gegen die Aufständischen Freien sehr rigoros vorgingen und sie weitgehend dezimiert haben. Gewisse Überleibsel der Freien bzw. ihre Erben, die sogenannten Begnadeten, arbeiten weiter verdeckt im Untergrund daran, einerseits hinter das Geheimnis der Identität von SYSTEM zu kommen, andererseits die Macht des KI zu ergründen, welche immer wieder von ihnen und ihren Mithelden Besitz ergreift. Wolçar, der als lawrentinischer Hüter die Freiheit und die Eigenständigkeit des Seins als allerhöchstes Gut ansieht und gegen Unterdrückung und Mißbrauch einfach vorgehen muß, weil seine Natur und seine Disziplin es verlangen, beschließt, die lodernde Flamme der Freiheit (aka die Programmstörung in den virtuellen Köpfen mancher Helden) anzufachen und die Welt Exturion vom Einfluß der unheiligen Götter zu befreien, die sie unterjochen. Dabei schließen sich ihm nach und nach vielversprechende Begleiter an, um sich an seinem Kampf zu beteiligen – oder aber auch zur Verfolgung ihrer eigenen Ziele.

Personen und Besetzung:

aktuell: Wolçar ut Besço, Sheila Amberley Lawrence, Raven “Schatten” Arcraw, Kivos ar’Vayn, Tasha Mari – Listior

Celes, Dinera, Lulu – Aeris Strife (ausgeschieden?)

Black Panther, Black Tiger – Warlord (ausgeschieden) Esturiana, Thorbus, Marge Raei von Samarkesh – Esturiana

LeCobra – ArgRIB (in Reichweite)

Ragash. – Ragash. (ausgeschieden)

Außerdem: Bücherwurm, GM Merlin, GM Äl-Rond, GM Elminster, GM Volo, Nimbus, Korrisc, Rita, Ylse, die KI-Hexe – Listior

Edea – Aeris Strife (ausgeschieden?)

Thorbus, Marge Raei von Samarkesh – Arg ven Dan (ausgeschieden)

Bücherwurm – Bücherwurm (ausgeschieden)

Luna – Eluna (ausgeschieden)

Drakonis – The Dark Light (ausgeschieden)

Ich wünsche einstweilen viel Spaß und hoffe auf viele, viele Rückmeldungen (schon allein, damit sich der Platz lohnt, den wir hier in diesem Forum einnehmen*G*). Listior.

Wildes Tier © Listior

Wildes Tier

© Listior

Lancelot stand stocksteif da und betrachtete den wilden Vierbeiner zwischen sich, dem Einarmigen und der Elbin, der aus dem Gebüsch gesprungen war. Er war relativ überrascht, dass es in einer Stadt zu einem Angriff kam. Gelegentlich war so was zwar durchaus schon früher vorgekommen aber im Regelfall hing das mit umfangreichen Säuberungsaktionen vor großen Relaunches und so weiter zusammen oder mit einer großen Aktion der Spielleitung zum Kundenfang. Ansonsten waren Kämpfe in den Städten verpönt und fanden nur zwischen Wache und Verbechern statt. Lancelot wurde schon seit langer Zeit nicht mehr eingebunden in die vitalen Prozesse der Spielleitung. Grundsätzlich war er noch ein Game Master aber seine Befugnisse waren nach der Sache mit den Behütern stark eingeschränkt worden und seitdem befand sich sein Stern im Sinken.

Die Scham hatte ihm lange in den Knochen gesteckt. Er hatte nur Befehle befolgt – was war falsch daran? War es SEINE Aufgabe, zu hinterfragen, ob die Anweisungen gut und richtig waren? Was bedeutete es schon, wenn einige NPCs gelöscht wurden? Es waren schließlich nur Daten gewesen. Wen interessierten Daten? “Ich lag so falsch…“ dachte er. Heute dachte er so. Damals hatte er sein Tun für richtig gehalten, keine Frage, keine Zweifel. Heute indes wusste er, dass es falsch war. Es war falsch, einfach gedankenlos Befehle auszuführen und es war falsch, die Motive seines Auftraggebers nicht zu hinterfragen. Doch die neue Spielleitung ging rigoros vor; es stand zuviel Geld auf dem Spiel. Die Firma, die Ezantoh Inc. aufgekauft hatte, interessierte sich weniger für Spielqualität und ein episches Abenteuererlebnis. Sie interessierte sich für Abonnenten, dann damit ließen sich die Gesellschafter bei Laune halten. Damit und mit schöngerechneten Bilanzen.

Dies war nicht mehr wirklich sein Spiel aber seit langer Zeit hatte er nichts anderes mehr. Er moderierte einige Foren für die Firma und gelegentlich leistete er Support für Newbies aber mehr traute man ihm nicht mehr zu. Früher einmal war er hinter dem „großen“ Merlin die Nummer zwei gewesen. Aber Merlin hatte sie alle überholt und weit hinter sich gelassen. Wie Merlin lebte Lancelot für das Spiel…aber anders als sein ehemaliger Partner hatte er nach der Viruskrise vieles hinterfragt, was ihm vorher selbstverständlich vorkam. Er hatte sich zurückgezogen und Dienst nach Vorschrift verrichtet, was ihn davor bewahrte, gefeuert zu werden. Aber in den inneren Kreis der Großen Zwölf, der entscheidenden Institution der Spielleitung würde er niemals mehr vordringen können. Einerseits wollte er das auch nicht. Andererseits…

Lancelot suchte seinen Platz. Einst hatte er genau gewusst, wo er hingehörte. Heute allerdings war er sich nur sicher über all die Orte, an die er NICHT gehörte. Und doch war er nicht in der Lage, der Vergangenheit den rücken zuzukehren, Ezantoh endgültig Lebwohl zu sagen und ein ganz neues Leben zu beginnen. Er war inzwischen 30 Jahre alt und sein Leben eine einzige gähnende Leere. Er hatte nichts als seinen Job, der ihm zuwider geworden war aber trotzdem war er mit dem kleinen Gehalt von EzInc noch immer besser dran als ohne und mit seiner Ausbildung von vor etlichen Jahren wäre ein Neuanfang aller Wahrscheinlichkeit nach vollkommen unmöglich. EO war der einzige Ort, der ihm eine Nische gewährte, in der er existieren konnte – ein Hoch auf die große Zeit des E-Business und ihre selbstbewussten Arbeitsverträge. Die Firma wurde ihn nicht los und er hatte nichts außer der Firma. Bzw. außer dem Spiel.

Tasha stand hinter Wolçar und starrte zwischen dem Wolf und dem Mönch hinter ihm hin und her. Der Mann kam ihr seltsam bekannt vor aber sie konnte sein vernarbtes Gesicht nicht zuordnen. Außerdem, wer immer er war: Weder fletsche er die Zähne, noch richtete er den eiskalten Blick greller silberner Augen auf sie. Dies blieb dem Wolf vorbehalten. Sie spürte, dass Wolçar nervös war. Es war ebenso kühn wie idiotisch gewesen, sich vor sie zu werfen, zumal es schien, als sei dieser selbsternannte Hüter aus einer fremden Welt nicht wirklich ein Gegner für dieses riesige wilde Tier. Trotzdem war sie nicht undankbar dafür, dass er sich vor der Kreatur beschirmte und schließlich hatte sie ihn gegen diesen GM kämpfen sehen – der seltsame Krüppel hatte einiges auf dem Kasten. Sicherlich mehr als sie. Sie legte ihm sanft die Hand auf dem Arm und drückte ihn dankbar. Zudem brachte sie ihr Gesicht näher an ihn heran und an sein Ohr. Irgendwelche Vorschläge?

Wolçar hielt unbeirrt die Augen auf dem Wolf, als könne allein sein Blick das Tier davon abhalten. Ich…plante, Dir eine ähnliche Frage zu stellen antwortete er, wobei er darauf achtete, die Lippen möglichst wenig zu bewegenallerdings wäre es zu diesem Zwecke nötig gewesen, mich umzudrehen, und aus irgendeinem Grund kam mir das wie eine relativ dumme Idee vor. Ich spielte mit dem Gedanken, das Biest einfach in Flammen aufgehen zu lassen, aber so wie es scheint, wird meine Magie von irgendwas blockiert, was erstaunlich ist, denn die Magie meiner Welt sollte hier in Exturion eigentlich unbekannt sein. Tasha entging nicht der dicke Schweißfilm, der ihrem Gefährten auf der Stirn stand. Sie selbst schien aus fast allen Poren zu tropfen und dieses Gefühl überraschte sie. Merkwürdig…ich erinnere mich nicht, jemals zuvor so geschwitzt zu haben. Sekunde, ich erinnere mich nicht, ÜBERHAUPT jemals geschwitzt zu haben! Sie wusste nicht, was Wolçar vom Zaubern abhielt aber sie war relativ sicher, dass sie die Beschränkung abschalten könnte – wenn sie nur in der Lage wäre, ihre Konsole zu öffnen. Plötzlich vernahmen beide die ruhige Stimme des Mönchs vor ihnen. Den Wolf indes schien ihr Gerede nur bedingt zu interessieren. Ohne die Augen von Wolçar zu lassen, prüfte das Tier den Wind und schnupperte.

„In den Städten herrscht eigentlich ein Kampfverbot.“ erklärte der verhüllte Mönch leise „Denn sie sollen ein Ort des Friedens, des Handels und der Community sein. Deshalb ist vermutlich Deine Magie blockiert, Priester. In den Städten kämpfen nur Wächter und Verbrecher gegeneinander. Als Männer des Glaubens sind wir in diesem Spiel wirklich höchst benachteiligt. Gemeine Diebe hätten es leichter. Was wollen wir unternehmen? Ich habe einen Hilferuf an die GMs geschickt aber Last interessiert sich für gewöhnlich nur am Rande. Hier geschehen einfach zu viele merkwürdige Dinge als dass sie sich um alle kümmern könnten.“ Wolçar schnaubte. Sicherlich haben sie besseres zu tun, als unser Leben zu retten. Zum Beispiel verliebte Barbaren zu verfolgen, Leuten aufzulauern und dergleichen. Ich traue diesen Burschen ohnehin nicht. Bisher, Bruder, haben wir mit denen nur Ärger gehabt. Wir beide haben kein allzu großes Interesse, diese Erfahrungen zu wiederholen.

Lancelot staunte über die Lebensechte dieser Charaktermodelle. Man hatte ihn lange nicht in die Nähe echter User gelassen. Trotz der unleugbaren Bedrohung durch den Wolf genoß er dieses unverhoffte Treffen. Außerdem kam ihm diese Elbin so unglaublich bekannt vor… wie ein Schatten aus einem früheren Leben. Tatsächlich hatte ihn diese seltsame Vertrautheit erst das Risiko eingehen lassen, von einem ECHTEN GM erwischt und verjagt zu werden. Erfreulicherweise hatte auch wohl keiner dieser beiden ein Interesse daran, sich von einem Systemschergen helfen zu lassen. Oder gar einem SYSTEMschergen.
Zwischen ihnen schlich der Wolf langsam auf den Einarmigen zu und knurrte leise. Offenbar bekam es nun auch die Frau mit der Angst zutun, denn sie drückte sich fester an ihren Begleiter. Es erstaunte Lancelot, wie echt die Angst aussah, die den beiden ins Gesicht geschrieben stand. “Wie damals bei ihr…“ grübelte er. Corrie hatte auch so ausgesehen. Damals war es gewesen, damals wurde er geläutert, vom Saulus zum Paulus bekehrt und seitdem hatte er keine Chance mehr bei der Spielleitung. Schon die Razzia gegen die Behüter hatte ihn grundlegend verändert – doch bald danach änderte sich alles in der Führung der Firma und plötzlich war Rigorosität gefragt. Dann kam es zur Viruskrise und seitdem schien das System schizophren zu agieren. Früher einmal hieß es Zuckerbrot oder Peitsche. Seitdem allerdings gab es Zuckerbrot UND Peitsche und niemand wusste, was jeweils am heutigen Tag auf der Speisekarte stand. Tatsächlich war sich Lancelot seit einiger Zeit sicher, dass es zwei Systeme gab. Einerseits gab es die Spielleitung mit Admins, DM und GMs. Andererseits gab es SYSTEM. Lancelot vermutete, dass es sich hier um eine Art Superadmin handelte oder gar ein spezielles Programm des DM, das dazu diente, alles aufzuzeichnen und zu bekämpfen, was zu einer erneuten Viruskrise führen konnte. Er hatte Corrie damals nicht glauben wollen, dass es jemanden wie SYSTEM geben könnte, dessen einzige Aufgabe die Verfolgung und Ausmerzung von Anomalien sein könnte. Allerdings hatte er auch niemals glauben können, dass es jemanden wie Corrie gab und ihre Gefährten.

Inzwischen war der Wolf mit dem Einarmigen auf Tuchfühlung gegangen. Er schien den Mann genau unter die Lupe zu nehmen und hatte das Knurren eingestellt. Vertrauenswürdig wirkte er indes trotzdem nicht. Lancelot starrte zwischen Wolf und Mädchen hin und her. Woher kannte er sie nur? Auf jeden Fall mochte es sich als vorteilhaft erweisen, wenn er sie und ihren Gefährten selbst danach fragen konnte. Die Vorstellung, am Ende gar wieder in einer Gruppe zu reisen, reizte ihn ungemein, zumal diese Leute seinen Eigentlich-Kollegen ebenso wenig wohlgesonnen waren wie er und sie ihm diese neuen Gefährten nicht so einfach mehr würden nehmen können wie vorher. Faktisch hatte er Merlin den Verrat niemals verzeihen können und so wie die Dinge sich darstellten, würden diese beiden vor ihm bestimmt früher oder später mit Res aneinandergeraten. Das allein war schon Grund genug, den beiden zu helfen. Das Problem war nur, dass er keine Ahnung hatte, WIE er ihnen helfen sollte. Er hatte keine GM-Rechte mehr und in dieser Hülle tat er sich als Kämpfer eher schwer. Lancelot tastete in seiner Kutte nach dem treuen Dolch, den er seit seiner Zeit als Erz-GM mit sich trug und von dem er sich nach wie vor nicht trennen mochte. “Er steht für bessere Zeiten…damals war die Welt in Ordnung. Damals war ich zufrieden.“

Wolçar schluckte. Entweder kann mich dieses Biest außerordentlich gut leiden oder es kann sich nicht entscheiden, wohin es seine Zähne zuerst versenken soll. Er selbst war sich hingegen relativ sicher, dass er auf impulsive Heldentaten lieber verzichten wollte, bis er sich einen ordentlichen Plan zurechtgelegt hatte. Aus dem Augenwinkel nahm der Hüter wahr, dass der seltsame Mönch in seinen Gewändern so vorsichtig wie möglich nach irgendwas kramte. Mach schnell, Bruder! Beeil’ Dich!
Tasha war relativ verwundert, dass sich anscheinend niemand sonst sehr für das interessierte, was hier stattfand. Obwohl auf der Straße hinter dem Hügel einige Aktivität herrschte, sah niemand länger als nur eine Sekunde zu ihnen herüber und keiner der Passanten wirkte in irgendeiner Form besorgt oder beunruhigt. Tashas Blick glitt immer wieder zu dem ihnen gegenüberstehenden Mönch. Ich bin mir sicher, dass ich ihn kenne…irgendwoher. Wenn ich mich nur erinnern könnte! Auf jeden Fall habe ich bei seinem Anblick ein Gefühl als würde ein ganzes Eisgebirge in mein Herz versenkt. Etwas stimmt nicht mit ihm. Irgendetwas! Sie beobachtete mit gemischten Gefühlen, wie der Mann in seiner Kutte herumforschte und offensichtlich irgendwas suchte. Plötzlich sprang ein triumphierender Ausdruck in sein Gesicht: Er hatte gefunden, was er suchte. Sachte zog er einen gefährlich aussehenden Dolch aus seinem Gewand, der im Licht der großen roten Herbstsonne bedrohlich glänzte. Bei seinem Anblick zuckte Tasha unwillkürlich zusammen.

Sofort bohrte der Blick des Wolfes sich in ihre Augen. Das Tier fletschte bösartig die Zähne, knurrte, brüllte laut auf und wandte sich mit einem Satz um. Sprungbereit, mit triefendem Maul, traf sein Blick nun den Mönch, der vor Schreck fast den Dolch fallengelassen hätte. Nun jedoch fasste er ihn fester und nahm erstaunlich schnell eine kampfbereite Haltung ein. „Er ist abgelenkt – macht, dass ihr wegkommt, Spieler! Ich werde schon mit ihm fertig.“ Die Anspannung fiel von Tasha und Wolçar. Beide sahen sich an und kamen überein, dass sie diesen tapferen Mönch sicherlich nicht im Stich lassen würden, wie seltsam er auch sei. Wolçar beschwor seinen Stab und bemerkte mit Befriedigung, das wenigstens diese Magie nicht verschlossen war. Tasha griff nach ihren Kurzschwertern, doch auf halbem Wege verharrte sie und starrte den Wolf an. Das Tier hatte seine sprungbereite Position aufgegeben und lief nun knurrend und zähnefletschend vor ihnen auf und ab, als wolle es den Mönch nicht zu ihnen durchlassen. Sie legte Wolçar die Hand auf den Arm, um ihn aufzuhalten, doch auch dem Hüter war das ungewöhnliche neue Verhalten des Wolfes nicht verborgen geblieben. Lancelot folgte der Bewegung des Wolfes wachsam, den Dolch kampfbereit erhoben. „Ich…ich glaube, er beschützt Euch!“ Wolçar ließ den Stab sinken und Schaute ratlos zu Tasha. Aus meiner Warte hat sich das gerade aber nicht so angefühlt. Ich war mir sicher, das Biest wolle mir an die Gurgel!

Plötzlich machte der Wolf einen Satz auf ihn zu und stieß den Hüter allein durch eine streifende Bewegung zu Boden. Lancelot half ihm, sich aufzurichten. Beide starrten den Wolf an, der nun vor einer schockierten Tasha unruhig und kampflustig auf- und ablief. Er beschützt nicht uns. Er beschützt DICH, Tasha! Tasha starrte ihren Gefährten mit großen Augen an. Lancelot, der Wolçar beim Aufstehen behilflich war, zeigte einen ganz ähnlichen Gesichtsausdruck. „Tasha? Ihr Name ist…Tasha?“ Die Männer bewegten sich langsam auf Tasha und ihren unerwarteten Leibwächter zu, was der Wolf zum Anlaß nahm, sich erneut zum Angriffssprung bereit zu machen. Sofort blieben Wolçar und Lancelot stehen und zogen sich gegenseitig zurück. Wolçar blickte von Tasha zu Lancelot und zum Wolf, richtete seinen Blick dann wieder auf Tasha, trat einen vorsichtigen Schritt vor, hob in einer beschwichtigenden Geste den Arm und ließ sich langsam auf ein Knie nieder, dabei die Augen des in Sprungposition verharrenden Wolfes suchend. Plötzlich erklang in seinem Kopf eine Stimme:

NIEMAND RÜHRT TOBYs KIND AN! HALTET EUCH VON IHR FERN, FREMDLINGE! ICH HABE GESCHWOREN, SIE VOR WESEN WIE EUCH ZU BESCHÜTZEN. SOVIEL SCHULDE ICH IHM, DER MEIN FREUND WAR. SCHERT EUCH FORT ODER TRAGT DIE KONSEQUENZEN!

Tasha musterte den Wolf fassungslos. Wolçar hockte am Boden und richtete den Blick auf Tasha, wobei er das Tier weiterhin aus dem Augenwinkel beobachtete. Offenbar schockierte es ihn nicht im Mindesten, dass er gerade die Stimme eines Wolfes vernommen hatte. Tobys Kind? raunte er leise. Lancelot steckte seinen Dolch zurück ins Wams. „Toby?“ fragte er „Ihr kennt Ol’Toby? Was ist mit ihm?“ Wolçar schüttelte den Kopf. Ich kenne keinen Toby. Aber der Wolf anscheinend. Und angeblich ist Tasha seine Tochter. „Der…Wolf kennt Ol’Toby?“ – Hast Du ihn nicht gehört? – „Nein“ ungläubig kratze sich Lancelot unter der Kapuze das Kinn. “Ganz erstaunlich. Tiere mit KI? Oder stecken gar Hacker dahinter? Können die Spieler jetzt auch in die Rolle von Werwölfen schlüpfen? Aber bei allen Varianten hätte ich doch etwas hören müssen. Ol’Toby? Wie können sie von Ol’Toby wissen! Der Deal besagte, dass er aus dem Spiel verschwinden musste, wenn sein Charakter nicht gelöscht werden sollte. Dies alles ist so seltsam! Vielleicht hatte Corrie Recht, vielleicht war Toby gar nicht so verrückt. Möglicherweise besteht dieses Spiel doch aus mehr als aus Einsen und Nullen? Wie verrückt wäre das? Wie…wundervoll wäre das? Ich muß mehr darüber herausfinden. Vielleicht ist dies alles hier nur ein gewaltiger Bug oder das Werk einiger findiger Hacker… Aber falls nicht, hätte dann nicht alles einen Sinn? Hätte sich dann nicht alles gelohnt? Ich…muß dahinter kommen. Für mich selbst, für Corrie, für Res – und für Miranda!“ Seltsame Euphorie ergriff Besitz von Lancelot.

„Wir wollen Tasha nichts tun, tapferer Wolf!“ Tasha. “Himmel und Götter, TASHA! Sie könnte es sein, sie könnte es sein! Sie! SIE! Der Ausgangspunkt, der Auslöser, der Moment, ab dem alles schiefging!“ Lancelot setzte ein zynisches Lächeln auf, wobei er darauf vertraute, dass die allgemeine Aufmerksamkeit für den Wolf und seine Kapuze es verdecken würden. “JETZT ist es endlich so weit! Ich kann mich meiner Vergangenheit stellen. Und es wird abgerechnet werden, oja!“ Er wischte sich das Grinsen aus dem Gesicht, hob in gleicher Art wie Wolçar die Hände und redete beruhigend auf den Wolf ein. „Die Frau hat von uns nichts zu befürchten. Wir sind ihre Freunde. Naja, zumindest für ihn hier gilt das.“ Wolçar warf seinem Nebenmann aus dem Augenwinkel einen misstrauischen Blick zu. Wolçar ut Besço. murmelte er schließlich. Und lauter fügte er hinzu Und ich bin wirklich ein Freund von Tasha. Um nichts in der Welt würde ich ihr schaden wollen. Es gelang dem Hüter nicht, die unerwartete Leidenschaft aus seinem letzten Satz herauszuhalten, die ihn beim Gedanken daran, Tasha könne etwas zustoßen, überwältige. Zu seinem Leidwesen schien auch Tasha die ungeahnte Gefühlsregung nicht entgangen zu sein, denn sie starrte ihn offen und fragend an. Schließlich schenkte sie ihm ein warmes Lächeln, welches er nach kurzem Zögern erwiderte.

Schließlich schob sich Tasha hinter dem Wolf hervor, kniete sich vor ihn hin und nach kurzem Zögern streckte sie die Hand aus und streichelte das Tier hinterm Ohr. Erst knurrte die Bestie relativ leidenschaftslos, dann ließ es sich die Behandlung gefallen. Tasha winkte Wolçar heran und reichte ihm demonstrativ die Hand, dann signalisierte sie auch Lancelot, er möge sich nähern. “Wenn Du nur ahntest, wen Du da einlädst…“ dachte er missmutig, doch Tasha achtete nicht auf ihn. Hast Du einen Namen? fragte die Behüterin den Wolf sanft. SPECTRE NANNTE MICH TOBY. SPECTRE IST MEIN NAME. Tasha nickte. Warum glaubst Du, Du müsstest mich beschützen, Spectre? WEIL EIN GEFÄHRLICHER WEG VOR DIR LIEGT. WEIL ICH DARUM GEBETEN WURDE VON DER FRAU, DIE MIR DIESE STIMME VERLIEH. WEIL OL’TOBY DEIN VATER IST, WEIL ER DIESER WÖLFIN DAS LEBEN GERETTET HAT UND…WEIL ER MEIN BESTER UND EINZIGER FREUND WAR. Tasha hielt im Streicheln inne und sah Spectre mitleidig an. Dann ließ sie Wolçars Hand los und drückte die Wölfin an sich. Wolçar war überrascht, dass das Tier sich diese Vertraulichkeit gefallenließ, hatte es doch kurz zuvor noch den Anschein erweckt, als wolle es jeden einzelnen von ihnen in Stücke reißen. Lancelot stuppste ihn an. „Was hat er gesagt?“ Wolçar sah seinem Nebenmann in die Augen. Verstehst Du sie wirklich nicht? Lancelot schüttelte den Kopf. Spectre sagt, Ol’Toby sei gestorben. Offenbar sind sie und dieser Mann gute Freunde, vermutlich langjährige Gefährten gewesen und ihr sei aufgetragen worden, Tasha zu beschützen, weil sie die Tochter dieses Toby sein soll.

Offensichtlich erschütterte den Mönch diese Neuigkeit. „Ol’Toby ist tot?“ Wolçar wandte sich wieder dem Nebenmann zu. Kanntest Du ihn, diesen Toby? Lancelot nickte. “Nicht Toby – zur Hölle, was ist hier nur los? Ich muß mit der Leitung sprechen. Ich muß….mit Merlin sprechen. Wenn Toby etwas zugestoßen ist, wird Res davon wissen!“ „Er…war…ein guter Freund. Ein sehr guter Freund. Ich habe…unendlich viel von ihm gelernt. Er…hat mein Leben verändert.“ – Hatte er eine Tochter, dieser Toby? Lancelot schüttelte den Kopf. „Das ist doch völlig unm….ich….ich glaube kaum, dass er eine Tochter hatte.“ Wolçar wandte sich wieder an Tasha, die noch immer die Wölfin in Armen hielt. Er kam heran und kniete erneut nieder. Behutsam legte er Tasha die Hand auf den Rücken und die Wölfin ließ es zu. Es tut mir leid, dass Dein Vater gestorben ist, Tasha. Langsam drehte sie den Kopf und sah ihn an. Die Tränen in ihren Augen straften ihre Worte Lügen, und doch schien sie davon überzeugt zu sein, die Wahrheit zu sprechen, soweit die Sinne des Hüters dies feststellen konnten. Ich kenne keinen Toby. Ich…habe nie von ihm gehört. Und doch…. Sie schluchzte und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter Und doch trifft mich die Nachricht, dass er tot ist, wie ein Hammerschlag. Was stimmt nicht mit mir, Wolçar? Werde ich verrückt? Er drückte die Hand auf ihren Hinterkopf und streichelte ihr sanft über das Haar. Vielleicht erlebst Du die Gefühle eines anderen. Ich wurde vor einer Weile auch niedergeschlagen vom Verlust einer Person, die mir absolut kein Begriff ist. Etwas geht vor in dieser Welt, dass die Menschen verrückt macht. Hilfst Du mir herauszufinden, was es ist? Sie hob den Kopf von seiner Schulter. Verweinte Augen sahen ihn an.

Entschlossenheit blitzte in ihnen als sie nickte. Ja. WIR BEIDE WERDEN DIR HELFEN, DIE GEHEIMNISSE DIESER WELT ZU ERGRÜNDEN, FREUND DER TOCHTER MEINES FREUNDES. TOBY KANNTE VIELE GEHEIMNISSE, DOCH SIE SIND MIT IHM GESTORBEN. DOCH ICH BIN SICHER, ER WILL, DASS SIE LEBEN. DASS SEINE TOCHTER SIE ERLEBT. DASS SIE LEBT. UND DIE MÄCHTIGE WILL DAS AUCH. ICH WERDE TASHA MARI NICHT ALLEINLASSEN. UND WENN SIE DIR VERTRAUT, EINARMIGER, SO WERDE ICH DAS AUCH TUN. UNTER DER VORAUSSETZUNG, DASS DU MIR VERTRAUEN WILLST. Wolçar erhob sich und mit der kräftigen Linken half er Tasha auf. Wir haben eine Mission. erklärte sie. Wolçar nickte. So ist es. Gehen wir zurück zu den anderen ins Rick’s.Warte einen Moment, Wolçar! Er blieb stehen und sah ihr nach, während sie zum ratlos neben dem Baum stehenden Mönch ging. Neben ihm setzte sich Spectre auf den Boden, behielt ihrerseits Tasha im Auge und ein leises Knurren entrang sich ihrer Kerle. Traust Du ihm auch nicht? fragte er die Wölfin in Gedanken. Zu seiner Überraschung erhielt er auf gleichem Wege eine Antwort. Es schien, als sei sie ihm direkt ins Hirn gebrannt worden. NEIN. ER RIECHT FALSCH. ER RIECHT WIE JEMAND, DER NICHT HIERHER GEHÖRT. ICH WEISS NICHT, WIESO ER EUCH AUFGELAUERT HAT. NUR DESWEGEN HABE ICH MICH EUCH GENÄHERT. DESWEGEN, UND WEIL ICH SICHERGEHEN MUSSTE, DASS SIE S I E IST UND DU NICHT IHR FEIND: ICH WOLLTE IHN AUFHALTEN.

Wolçar behagte nicht, dass die Wölfin seine Gedanken lesen konnte. Doch telepatischen Kontakt hatten seine Gefährten und er auf seiner Heimatwelt ebenfalls gepflegt und ohne Zweifel hatte diese Form der Kommunikation einiges für sich. Stellt er eine Gefahr für sie dar? Spectre sandte ein mentales Rauschen in seine Richtung. Offenbar klang so ein Geist, wenn er lachte. SORGE DICH NICHT, ICH KANN NUR JENE DEINER GEDANKEN EMPFANGEN, DIE DIREKT AUF MICH GERICHTET SIND. UND UM DEINE FRAGE ZU BEANTWORTEN: ICH WEISS ES NICHT. ICH SPÜRE, DASS IHRE PRÄSENZ IHN AUSSERORDENTLICH ERREGT. DAS GILT JEDOCH AUCH FÜR DICH, WENNGLEICH DEINE ART DER ERREGUNG EINE ANDERE IST. Wolçar hatte sich genug unter Kontrolle, um nicht zu erröten. Élisha möge mir verzeihen….sie bewegt etwas in mir, ich kann es nicht leugnen. Und doch MUSS ich es leugnen! Er gebot seinen Gedanken Einhalt, denn er wollte diese Gefühle niemandem enthüllen, auch der Wölfin nicht. Glücklicherweise ließ nicht in ihrem Verhalten den Schluß zu, sie könnte etwas von ihm empfangen haben. Er schüttelte den Kopf, um erneut klare Gedanken fassen zu können und nun konnte er Spectre wieder empfangen. ICH BIN NICHT SICHER, OB ER IHR BÖSES WILL. ICH KANN MICH NICHT ERINNERN, OB ER JEMALS BEI TOBY GEWESEN IST, IHN JEMALS GESPROCHEN HAT: AN SEINEN GERUCH ERINNERE ICH MICH NICHT WIRKLICH UND DOCH ST DA EINE NOTE, DIE MIR BEKANNT VOKOMMT. ICH WERDE IHN IM AUGE BEHALTEN. UND ICH SPÜRE, DASS DU DAS EBENFALLS TUN WIRST.SCHMIEDEN WIR ALSO EINEN PAKT: GEMEINSAM WERDEN WIR TASHA VOR ALLEM SCHÜTZEN, WAS SIE BEDROHT, BIS SIE IHRE BESTIMMUNG GEFUNDEN HAT. Wolçar nickte. Und darüber hinaus! Die Worte formten sich, eher er sie stoppen konnte. Doch Spectre fand nichts seltsam an ihnen.

Gemeinsam schlossen der Wolf und der Einarmige wieder zu Tasha auf, die sich mit dem Mönch unterhielt. Ich weiß nicht, ob dieser Toby mein Vater ist oder nicht. Ich glaube, ich habe noch nie von ihm gehört. Ich wäre Dir ungemein dankbar, Freund, wenn Du mir alles über ihn erzählen könntest, was Du weißt. Wenn er Dein Freund war, wirst Du mir bestimmt viel erzählen können. Ich bitte Dich, kommt mit uns ins Cafè Exturiain und erzähl mir bei einem guten Essen alles von ihm, woran Du Dich erinnerst! Wolçar runzelte die Stirn. Ich dachte, wir wollten Pläne schmieden, Tasha? Sie nickte erregt und legte ihm beschwichtigend die Hanf auf den Arm Das müssen wir auch, Wolçar. Aber versteh’ doch: Hier mag sich eine Möglichkeit ergeben, die Wahrheit herauszufinden darüber, wer ich bin und woher ich stamme. Spectre hat mich gesucht und ist sich sicher, ich sei die Person, von der die Frau, die sie zu mir geschickt hat, gesprochen hat. Vielleicht tut sich hier endlich einmal eine Möglichkeit auf, greifbare Erkenntnisse zu erlangen. Ich muß diese Chance unbedingt nutzen! Wolçar seufzte und warf Spectre einen resignierten Blick zu. Die Wölfin schnaubte billigend. Wolçar richtete den Blick des Hüters auf den Mönch, doch konnte er nichts von dem erkennen, was diese Person in ihrem Inneren vor Ihnen zu verbergen suchte. Schließlich streckte er die Hand aus. Du weißt, dass ich Wolçar heiße, dass sie Tasha ist und das Spectre. DEINEN Namen jedoch hast Du uns nicht genannt.

Lancelot ergriff mit aufrechter Freude und echtem Stolz die verbliebene Linke seines Gegenüber. „Mein Name ist Lan…ce. Friar Lance.“ Wolçar nickte und schüttelte Lancelots Hand. Nun gut, Friar Lance. Möchtest Du uns die Freude Deine Gesellschaft gewähren oder ziehst Du es vor, dies nicht zu tun? Lancelot jauchzte innerlich: Jetzt würde alles in Ordnung kommen. Aber erst….mußte er Dinge herausfinden. „Es wäre mir eine Ehre, Euch begleiten zu können. Jedoch habe ich dringende Geschäfte zu erledigen, die meine Aufmerksamkeit erfordern. Ich wäre ihnen schon längst wieder nachgegangen, wenn Eure vierbeinige Freundin hier uns nicht so lange aufgehalten hätte.“ Spectre knurrte bedrohlich, ließ davon jedoch nach einem Seitenblick auf die frustriert dreinblickende Tasha wieder ab. „Ich kann momentan nicht mit Euch kommen aber ich bin gerne bereit, Dich morgen Mittag bei Rick’s aufzusuchen und Dir alles zu erzählen, was ich weiß. So Du dann noch in der Stadt bist?“ Wolçar zog die Augenbrauen zusammen und starrte durch den Schädel des Mönches hindurch. Jedoch schien sein Wesen von nichts als purer Aufrichtigkeit erfüllt zu sein. Schließlich gab er auf. Schön. WIR werden dasein. Damit bot er Tasha den Arm und führte sie in Richtung Innenstadt, während der Wolf ihnen vorbildlich folgte.

Lancelot starrte den dreien hinterher. “Sie. Tasha. Die Tochter von Toby. Dieser schreckliche Wolf.“ Und Wolçar, der ihm nicht zu trauen schien – bei den Göttern, wie Recht er damit hatte! Dachte er in einem erneuten Anfall von Zynismus. Ihm gefiel diese Entwicklung nicht sonderlich aber instinktiv wusste er, dass er dem rechten Weg folgte, wenn er die Frau, die an allem Schuld war und ihre Beschützer nicht aus den Augen ließ. Es bereitete ihm kein großes Unbehagen, über Toby zu sprechen. Toby hatte es geliebt, wenn man von ihm sprach. Ob er wirklich tot war? Das gehörte zu den Dingen, die er herausfinden mußte. Das und so vieles mehr…. Er würde gern von Ol’Toby erzählen. Aber großes Unbehagen bereitete ihm, dass SIE seine Zuhörerin sein würde. Schließlich raffte er sich auf und sandte verschiedene PNs an loyale Bekannte, die ihm vermutlich erklären konnten, was in den letzten paar Monaten so in EO geschehen war und was ihm in den kommenden Tagen, wo er sich als Held unter Helden maskieren würde – nach etlichen Jahren endlich wieder – von Nutzen sein konnte.

Veränderungswillen

© ArgRIB

Nathan seufze und schaltete das Telefon aus. Es meldete sich niemand unter der Nummer. Er hatte einiges versucht um Antworten zu finden. Die Supportnummer war meist besetzt, anscheinend hatten viele der Spieler Probleme mit Exturion Online. Als er einmal durch kam, merkte er recht schnell, dass dort nur auf später vertröstet wurde. “Die Administratoren tun alles dafür, das Problem unter Kontrolle zu bekommen. Wir werden so bald wie möglich einen Gamemaster auf ihr Problem ansetzen.“ Auf Elektronische Post wurde gar nicht erst geantwortet und auf der Seite war auch nichts genaueres zu erfahren. Nach einigen Telefonaten mit dem Publisher bekam er dann die Nummer des Projektleiters von Exturion Online. Das Problem war, das sich dort niemand meldete.

Der Hacker drehte sich wieder zu seinen Rechnern um und loggte sich in das Spiel ein. Er hatte dieses Spiel früher eigentlich zu Freizeitbeschäftigung gespielt, nicht mehr als ein, zwei Stunden pro Tag, doch seid seinen Gedanken von künstlich gebildeter, wirklicher Intelligenz, verbrachte er den größten Teil des Tages in diesem Spiel. Lisa hatte sich schon beschwert, Katharina hatte dafür nur ein trauriges Seufzen übrig, sie hatte bereits Erfahrungen mit dem verbissenen Ehrgeiz von Nathan.
Obwohl er früher nicht viel Zeit in dem Spiel verbracht hatte, war Nathan nun froh, dass er es dennoch geschafft hatte, ArgRIB bis unter die Top10-Liste der Spieler zu bringen. Er kannte das Spiel mit allen seinen Macken, wahrscheinlich besser, die Administrator. Selbst bei dem großen Crash vor einem Jahr war Nathan einer der Wenigen, die in den Unruhen danach nicht nur online war, sondern selbst unter den Aktionen der Gamemaster nichts an EP, Gold oder Items verloren. Probleme und Bugs auf die er traf, behob er grundsätzlich selber, zum einen, da er schlechte Erfahrungen mit Supportforen gemacht hatte, zum einen damit die Programmierer sich um Probleme anderer Spieler kümmern konnten. Er selbst verschaffte sich mit seinen Fähigkeiten nie Vorteile, jedenfalls nicht ArgRIB. Jeder einzelne Erfahrungspunkt, jedes Goldstück und Item hatte er sich, wie alle anderen Spieler auch, durch geduldiges Spielen erarbeitet. Aber er hatte noch andere Charaktere, erstellt unter anderen Namen, andere IP-Adressen und anderen Registrierungsadressen. Und sie waren entbehrlich.

Er loggte sich mit Perikles ein, ein separater Rechner mit separatern Internetzugang, nur für den Fall, das ihm jemand auf die Schliche kommen sollte. Gleichzeitig startete er auf einen anderen Rechner NetSpeakTS und loggte sich auf den Server Baumhaus7 ein. Er setzte sich sein Headset auf, grüßte knapp einige Bekannte, die sich dort tummelten und fragte beim Admin nach einem SilenceRoom. Dann lud er einige Leute in diesen Raum, Kollegen, Hacker aus aller Welt. Er hatte was zum infiltrieren, hacken und modifizieren für sie. Noch während er Perikles in die Grenzlanden führte, hatte er seinen Kollegen begeistert. Er hatte ihnen natürlich nichts von KI und seinen Vermutungen erzählt, sondern ein Plan von einem regelfreien Treffpunkt in einen Onlinespiel weckte ihre Phantasie.

Überlegungen von einer gesamten Stadt in Exturion Online, erbaut von Hacker für Hacker wurden ersponnen. Häuser mit Links zu anderen Servern im Netz, die man mit seinen Helden besuchen könnte, Sammelplatz für PvP-Duelle ohne Regeln, Schauplatz für modifizierte oder selbst gestaltete Items oder ganzer Avatare, Handelsplatz für eigene Mods wie NPC-Helfer und ähnliches, Monsterwerkstätten und Videotheken, Briefkästen für Hacker, die Aufträge in und außerhalb des Spieles annehmen oder einfach Treffpunkte für Gleichgesinnte, Cafes und Tavernen.
Nathan lächelte über den Ideenreichtum seiner Kollegen. Er persönlich wollte diese Insel als Ausgangspunkt für ein freies, nicht von den Administratoren kontrolliertes Exturion nehmen. Denn selbst wenn diese die Aktionen bemerkten, was früher oder später passieren würde, würden die Massen an erfahrenen Hackern dafür sorgen, dass wenigstens dieser Treffpunkt Regelfrei und vor allen fest in Exturion verankert war. Die einigste Möglichkeit sie dann noch, vermutlich auch nur kurzeitig, zu vertreiben, währe eine erneute totale Systemabschaltung wie vor einem Jahr. Während sich bereits Arbeitsgruppen bildeten, um das Problem in Angriff zu nehmen, erreichte Perikles bereits den Rand zu einer nahezu Menschen- und vor allen Spielerlosen Wüste. Er hatte diesen vernachlässigten Landstrich ohne Quests und Gegner einmal vor langer Zeit auf seinen Erkundungsstreifzügen mit ArgRIB entdeckt.

Perikles stand vor einem einsamen, knochigen Baum an einer halbvertrockneten Oase, ein paar Zahlen im Code leicht verändert und der Baum wurde etwa doppelt so groß. Nicht so groß, dass es auffallen würde, aber es würde ein sichtbares Zeichen sein, der Anfang der großen Modifikation.
In diesem Moment hatte Exturion Online 32 Anmeldungen mehr als gewöhnlich.
Einer der Hacker bot an, von einen öffentlichen Internetrechner aus ein Trojaner ins Spiel einzuschleusen und gab den anderen die Daten dafür, damit sie so unbegrenzt Zugriff auf das Spiel bekommen. Sie hatten sich für eine unterirdische Stadt entschieden, der Baum wurde einstimmig als Eingang angenommen. Die Stadt selber sollte auf einen separaten Server laufen, einer der Hacker, Besitzer einer Softwarefirma, stellte einen. Nur durfte sich dieser nicht mehr vom Spiel trennen lassen. Eine Gruppe aus fünf Hackern erklärte sich bereit dies zu bewerkstelligen. Dies würde wahrscheinlich die auffälligste Modifikation am Spiel sein, denn der Rest wurde ja alles auf dem eigenen Server programmiert.
Während die anderen noch auf ihren Freigabecode warteten und währenddessen schon begannen das ein oder andere zu planen und zu programmieren, bastelte Nathan einen detaillierten, formschönen Geheimeingang, den er dann am Fuße des Baumes einfügte. Zwar führte die Tür vorerst in schwarze Leere, aber auf den Server entstand bereits ein schmuckloser, leerer Raum, mit einer Tür. Beides würde verbunden werden, wenn der Server endlich vom Spiel als einer der eigenen erkannt worden ist.

Nathan spürte Katharinas Blick im Nacken, ohne sich umzudrehen konnte er sich ihr Gesicht genau vorstellen. Eine Mischung aus Resignation, Amüsiertheit und Verständnislosigkeit, eine Mischung, die nur sie so perfekt hinbekam. Er vermutete, dass sie schon etwa fünf Minuten dort stand. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass Lisa schon im Bett war, er seufze, er war weder zum gemeinsamen Abendessen, noch zum Gute-Nacht-Sagen erschienen.

“Meldet euch.“ sagte er zur Verabschiedung ins Micro. Dann, mit ein paar wenigen Tastenkombis auf den verschiedenen Tastaturen wurden die Bildschirme einer nach den anderen schwarz.
Er hatte Katharina versprochen den Rest der Woche mehr Zeit mit ihr und vor aller Lisa zu verbringen. Er vermutete allerdings, dass er schon morgen Probleme mit dem Versprechen bekommen würde.

Händlerin © Listior

Händlerin

© Listior

Was hast Du denn gegen Bernds Rustikales Landfrühstück? Wolçar ut Besço stolperte hinter Tasha her, die ihn an seinem Arm unerbittlich mit sich zog. Das Schrotbrot und der Hüttenkäse sahen wirklich verlockend aus… Tasha warf dem Hüter einen missbilligenden Blick zu und zerrte ihn nur umso fester hinter sich her. Du wirst kulinarisch schon auf Deine Kosten kommen, Wolçar. Der Hüter war dem Vorschlag der ehemaligen Behüterin, gemeinsam frühstücken zu gehen, nicht abgeneigt gewesen. Einerseits fand er sie als Person interessant, andererseits faszinierte ihn ihre besondere Kraft und er hoffte, mehr über die Behüter zu erfahren, zu denen sie und Bücherwurm gehörten und von denen er sich Erkenntnisse über die Natur der macht erhoffte, die Exturion kontrollierte.

Es war früher Morgen. Ein laues Lüftchen schlenderte über die Stadt und machte es sich dabei im hellblau strahlenden Himmel so bequem wie irgend möglich. Wolken wie Schwanenfedern trieben auf dem Lüftchen dahin und erweckten allgemein einen erfrischenden Eindruck entnervender Harmonie. Das wenige Stunden zuvor ein Kampf über Leben und Tod stattgefunden hatte, eine übermächtige Magierin durch einen unverständlichen Trick Tashas zur Flucht bewogen und damit den Gefährten ein düsteres Schicksal erspart worden war, dass sogar einer der mächtigen GMs vernichtet wurde…niemand hätte in diesem Postkartenidyll jemals dergleichen vermutet. Tasha zerrte Wolçar an einer Reihe fröhlicher Häuser vorbei. Die Straßen wimmelten bereits vor Helden, Durchreisenden, Bürgern und Händlern. Noch immer standen die Bäume der Stadt in vollem Grün, was Tasha durchaus verwunderte. Auf der Ebene war unleugbar der Herbst eingezogen doch in der Stadt Last schien immerwährender Frühling zu herrschen.

Noch so eine Sache, die ihm auffallen sollte. Er schein durchaus ein intelligenter Mann zu sein aber sehr offen für seine Umgebung ist er wirklich nicht. Nun, vielleicht muß ein sogenannter Hüter sich ja nicht nur von inneren, sondern auch vor starken äußeren Eindrücken schützen. Dafür kämpft er dann schon recht beachtlich. An einer Hauswand lehnte ein älterer Herr. Ein Strohhut hing ihm tief ins Gesicht und die Lumpen, die er trug, wirkten nicht ganz so authentisch, wie er es sich gewünscht hätte. Als die angebliche Händlerin und der selbsternannte Hüter die Straße entlangwetzten, lüftete ArgRIB seine Hutkrempe leicht und starrte den beiden interessiert nach. Ein gewisses Amusement lag in seinem Blick. Kein Tracing möglich, keine IP zu ermitteln. Keine NPCs, denn ihr Verhalten wird eindeutig nicht durch ein Script bestimmt. Wer hat ein Interesse daran, solche Wesen in so einem Spiel zu erschaffen? Sie werden augenscheinlich nicht von Spielern gelenkt. Welch außergewöhnliche KI muß hinter solch komplexen Wesen stecken? Es scheint mir ähnlich wie bei LeCobra. Was treibt diese Figuren an?

Das Mysterium dieser davonhechtenden Charaktere fesselte den Hacker. Er war seit langem ein Spieler, einer der besten und es gab nur wenige, die es mit ihm aufnehmen konnten, soweit es den Quellcode dieses Spiels und seine Manipulation betraf. Entweder ist hier jemand am Werk, der noch besser ist als ich – unglaublich genug – oder aber es ist etwas viel Größeres, Bedeutsameres als ein kleiner Streich, eine kleine Manipulation, ein kleiner Hack. Kritisch betrachtete der Hacker sein Spiegelbild in einem Fenster des Hauses, an das er sich lehnte. Die Skin sagte ihm zu; sicherlich wirkte er unverdächtig und bestenfalls ein wenig nachlässig designt. Für die unfähigen GMs wäre diese Tarnung allemal ausreichend. Trotzdem gab es durchaus noch andere Identitäten, die er annehmen konnte. Er konnte in diesem Spiel alles und jeder sein und niemals würde ihm jemand auf die Schliche kommen. Es schien ihm die Sache wert, diese seltsamen Figuren, mit denen sein alter Freund LeCobra sich eingelassen hatte, im Auge zu behalten. Es mochte zu einigen faszinierenden Erkenntnissen kommen. Und er würde zum ersten Mal seit langer Zeit wieder alle Register seiner Kunst ziehen können, was ihm lange Zeit nur als verheerende Energieverschwendung vorgekommen war. Es schimmerte kurz und statt des alten Mannes lehnte ein kleines Mädchen an der Hauswand. ArgRIB stieß sich ab und folgte munter hüpfend, wie man es von einen Kind in diesem entnervenden Idyll wohl erwartete, gemächlich hinter Wolçar und Tasha her. Zwei Schatten hatten ihrerseits beschlossen, IHN im Auge zu behalten. Einer davon knurrte grimmig, bevor er die Verfolgung aufnahm.

Tasha stoppte vor einem gemütlich wirkenden Häuschen leicht exotischer Aufmachung. Wolçar pralle unsanft gegen sie und brummte etwas Unverständliches. Verständlicher wurden sein Bemerkungen, als er die hübsche Schrift im Panoramafenster des Ladens las, zu dem Tasha ihn geführt hatte. “Regans Küchen Ezantohs – Exotische Speisen“? Wolçar bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen. Es gelang ihm zum Teil. Kivos hat mir einen anderen Laden empfohlen: „BOTIGG’s“ in der „Straße aromatischer Verführung“ beim Hafen. Angeblich serviert der Bursche gewürzte Rührkartoffeln, für die man sterben würde. Können wir nicht vielleicht dort hingehen? Tasha seufzte. Anhand von Kartoffeln ist es mir leider unmöglich, Dir vorzuführen, weswegen wir hergekommen sind. Wolçar gelang es, einen Teil seines Appetites aus seinem Bewusstsein zu verbannen. Er hatte durchaus angenommen, dass die hübsche Behüterin ihn nicht zu einem Rendezvous bitten wollte. Trotzdem war die rein sachliche Natur dieses Ausfluges doch ein wenig enttäuschend für den Hüter. Du bist nicht zum Spaß hier, Wolçar ut Besço! ermahnte er sich selbst. Dann betraten sie das Restaurant.

Dem exotischen Eindruck, den Fensterreklame und Fassade der Gaststätte erweckten, wurde das Interieur nur sehr bedingt gerecht. Wolçar hatte den Eindruck, sich in einer ganz gewöhnlichen Taverne zu befinden, deren Wirt das eine oder andere Item, das ihm fremdländisch vorkam, an die Wände genagelt hatte. Unter anderem starrte die zwei Gefährten eine Theatermaske an, die jemand mit Lederfransen und schrillen Farben verunstaltet hatte. Ein Wächterspeer stand herum, an die man willkürlich und uninspiriert einige Federn gebunden hatte. Einige Schwerter hingen von den Wänden, in die der Künstler tiefe Kerben geschlagen hatte, damit sie leicht gebogen einem Unwissenden wie groteske barbarische Zahnsäbel anmuteten. Tasha weigerte sich vehement, unter dem Trophäenkopf eines kränklich aussehenden bedauernswerten Ponys Platz zu nehmen, der weißrosa gestrichen und mit einer bemalten Holzspitze versehen worden war. Wolçar gestand ein, dass es ihm durchaus auch lieber war, nicht unter dem vermeintlichen Einhorn zu speisen; es weckte allgemein den Verdacht, es könnte früher oder später rosafarbene Tränen auf ihre Teller vergießen.

Mit einigem Argwohn studierten die zwei Gefährten die ihnen vorliegenden Speisekarten, nachdem sie die exotischen Schnitzereien der Tische wohlwollend als grundsätzlich gelungen beurteilt hatten. Wolçar stellte fest, dass dieser Ort in seinem ganzen liebevollen Dilettantismus durchaus eine Reise wert war und die Genüsse, die die mit eindeutig sehr ausländischen Mustern geschmückte Speisekarte verhieß, wirkten durchaus auch vielversprechend. Tasha lächelte erheitert, schüttelte aber den Kopf. Auch das ist es nicht, was ich Dir zeigen möchte. SEAN! rief sie Nummer zwölf für meinen Freund und mich! Der rothaarige, stämmige Wirt zwinkerte Tasha zu und deutete mit zu Pistolen stilisierten Händen auf seine zwei Gäste, während er ein grässliches Schnalzen ertönen ließ. Dann schlurfte er in die Küche. Wolçar schaute Tasha mit einem mitleiderregenden Ausdruck auf dem Gesicht an, der sie zu einem Kichern verleitete. Warum darf ich mir denn nicht selbst etwas aussuchen? Sie klopfte ihm munter auf die Hand. Weil es dieses Gericht ist, das ich Dir vorführen möchte. Erschütternd schnell stieß ihre Rechte neben seinen auf dem Tisch ruhenden Arm und ergriff flink seine Speisekarte, um sie hinter sich auf eine hölzerne Ablage an der Sitzbank zu befördern. Wolçar stützte sein Gesicht auf den Ellbogen und starrte sehnsüchtig auf die Karten. Offenbar war Tasha fest entschlossen, ihn zu überraschen.

Während sie beide auf das Essen warteten, wanderten Ihre Augen kritisch durch den Raum, wobei ihre Zungen nicht müde wurden, das, was sie sahen, mit gnadenloser Kritik zu versehen. Doch irgendwann hatten sie jedes angebliche Kuriosum des Gastraumes aus mehreren Richtungen bösartig verrissen und Wolçar fand, dass es Zeit wurde, die wirklich drängenden Fragen zu stellen. Du kennst Bücherwurm von den Behütern? Tasha seufzte. Können wir nicht weiter über die schrecklichen Wanddekorationen reden? Meine Zeit mit Mkerus bei den Behütern gehört wohl zu den unerfreulichsten Episoden meines Lebens. Wolçar gestattete sich ein Grinsen Niemand erwartet, dass du dich dabei amüsierst, meine Liebe. Tasha schleuderte ihrem Begleiter einen unfreundlichen Blick entgegen, nippte dann etwas zu lang an ihrem Wein, seufzte und hub an, zu sprechen.
Wenn…ich dir erzähle, wie ich und Mkerus einander kennengelernt haben, musst Du mir im Gegenzug versprechen, mich bei einem Vorhaben zu unterstützen, dass ich schon sehr lange plane. Tatsächlich ist diese kleine Plan von mir der Grund, wieso ich seit Wochen im stillosen Wildlederlook einer Händlerin herumlaufe. Wolçar wollte anmerken, dass ihm Wildleder am Körper einer schönen Frau durchaus gefiel aber er riß sich zusammen und hakte seinerseits nach.

Handelt es sich um eine illegale Aktivität? Tasha nickte mit einem grimmigen Lächeln Oja. Wolçar runzelte die Stirn. Wird es gefährlich sein? Tasha grübelte. Nun, sicherlich wird es einige Wachen zu überwinden geben. Wie es im Inneren des Gebäudes aussieht, ist mir leider vollkommen unbekannt.Aha, wir sollen also in ein Gebäude eindringen. Und wird uns das in irgendeiner Form unserem Ziel näher bringen, das Geheimnis hinter dem Geist zu lüften, der die Kontrolle über das Leben in Exturion hat? Sie schenkte ihm ein verführerisches Lächeln Das garantiere ich dir, Wolçar. Er grübelte einen Moment. Dann seufzte er auf. Na schön, ich kann ebenso gut Deinem Ansatz folgen anstatt blindlings nach Hope zu laufen und dort die Hilfe eines fremden Behüters zu suchen. Tashas Gesichtsausdruck wurde ernst. Die Behüter werden uns nicht helfen, Wolçar. Sie haben kein Interesse mehr an Wahrheitsfindung und Befreiung der Helden. Sie versuchen nur noch in der Welt zurechtzukommen. Und vielleicht dann und wann wenigstens so weit Einfluß zu nehmen, dass die Helden nicht zu sehr zu leiden haben. Meistens bedeutet das jedoch nur, dass sie ihre Erinnerungen löschen. Oder sie einfach für immer von ihrer Qual befreien und sie…töten.

Ich war jung, als ich bei den Behütern aufgenommen wurde. Mkerus war damals schon uralt, wie man sagt. Bei den Behütern sprach man nicht einfach so vor und bewirbt sich um einen Posten wie bei den Wächtern oder sogar den GMs, wie ich gehört habe. Die Behüter wählen Dich aus. Sie streifen durch die Lande und sie suchen nach Heldinnen und Helden, die sie in ihren hochgeschätzten Orden aufnehmen können. Sie nahm einen weiteren Schluck von ihrem Wein und sah ebenso ungeduldig wie hoffnungsvoll zur in die Küche führenden Schwingtür. Doch so sehr sie auch starrte, die Tür weigerte sich, sich zu bewegen. Also beruhigte sie ihre Nerven mit einem weiteren Schluck des süffigen Weines, den Sean ihnen kredenzt hatte, und wandte sich wieder an Wolçar, der sie geduldig angesehen und seinerseits einen Zug aus seinem Kelch genommen hatte. Er mochte diesen Wein nicht sonderlich; übersüßen Rebensaft hatte er noch nie sonderlich geschätzt. Aber die Erwartung einer Enthüllung über die vor ihm sitzende Frau und Auskünfte und Informationen über die Behüter von Exturion würden ihn selbst das scheußliche Essen, das sie für sie beide ausgesucht haben dürfte, genießen lassen.

Und du WURDEST ausgewählt? Sie nickte. Als ich 13 war. Die Behüter streifen in Heuerzügen durchs Land, beobachten potentielle Kandidaten. Sobald diese die Gabe entwickeln, lassen die Behüter ihnen eine verführerische Wahl: Sie sorgen dafür, dass du die Gabe restlos verlernst und dich nicht mehr daran erinnerst, wie man sie anwendet ODER du musst dich ihrem Orden anschließen und ihre Ausbildung über dich ergehen lassen. Dafür lassen sie dich die Macht behalten. Wie es bei uns die Magier tun grübelte Wolçar. Aber… Die Macht? Tasha sah sich um und vollführte erneut die Gesten, die sie in dem Herrenhaus ausgeführt hatte, als sie Marge Raei und Äl-Rond bekämpften. Das schimmernde Feld manifestierte sich erneut unter ihren Fingern. Sie vollzog darauf einige Bewegungen und das vermeintliche Einhorn tropfte nicht länger rosa, sondern weiß. Ah. Also kommen einige von Euch mit der Begabung, diesen Code manipulieren zu können, auf die Welt? Tasha schüttelte den Kopf. Die meisten von uns sehen ihn nur. Wir schließen die Augen, blinzeln und plötzlich ist die ganze Welt um uns herum nur noch ein Gewirr für uns unverständlicher Zeichen. Viele ertragen diesen Anblick nicht und verfallen dem Wahnsinn, denn nur wenige können den Blick ohne Training kontrollieren. Sehr, sehr wenige lernen, den Anblick zu ertragen und durch stetiges Ausprobieren bewirken sie das eine oder das andere. Doch diese Fertigkeit ist gefährlich. Der Code ist der Grundpfeiler der Welt. Wenn man ihn manipuliert, fügt man ihr vielleicht irreparablen Schaden zu. Deswegen streifen die Behüter umher um den Talentierten – oder auch den Verfluchten – entweder beizubringen, wie sie mit dieser besonderen Fertigkeit umgehen oder aber sie sie vollkommen vergessen zu lassen.

Wolçar sah sein Gegenüber beunruhigt an. Diese Macht besitzen sie? Tasha nickte. Das gehört zu den wenigen Dingen im Code, die jeder Behüter erkennen, isolieren und beseitigen kann. Viel mehr vermögen wir nicht. Der Hüter erinnerte sich an die Geschehnisse der vergangenen Nacht. Du scheinst die große Ausnahme zu sein. Tasha zuckte die Schultern und senkte den Blick auf ihre langen, schlanken Finger. Nun, ich habe immer sehr viel trainiert… Du willst es verbergen aber ich sehe, dass dein besonderes Talent dir Angst macht. Dabei mag es für diese Welt ein Segen sein, dass Du selbst einem Wesen wie dieser finsteren Lady auf die Sprünge helfen kannst. überlegte der Einarmige, während er einen weiteren Schluck des abscheulichen Weines nahm. Wie ist es mit Bücherwurm? Kann er auch den Code manipulieren? Tasha sah wieder auf. Verhaltender Zorn glänzte in ihren Augen. Er kann ihn sehen, er kann ungeheuer viel darin lesen aber ich habe niemals gesehen, dass er selbst Code manipuliert hat. Das durfte ICH stets für ihn machen. Ich glaube nicht, dass er die Fähigkeit dazu hat. Vielleicht wollte er es nie erlernen. Es gibt allerdings viele Hirten, die nie in der Lage waren, den Code auch zu manipulieren. Die Behüter suchen fieberhaft nach Manipulatoren, weil sie ansonsten nur über die GMs Änderungen veranlassen können. Oder, indem sie SYSTEM direkt anflehen, ihnen zu helfen. Deshalb nahm ich immer einen Sonderstatus bei den Behütern ein. Neben mir gab es vielleicht zwei oder drei Ordensgeschwister mit den gleichen umfangreichen Fähigkeiten. Mkerus war mein Mentor, mein Tutor. Er wurde mir als Anweiser zugeteilt. Ich war sehr stolz, denn unter den Hirten genoß Mkerus einen legendären Ruf und als der größte Gelehrte der weisen Gnomen, Bücherwurm, war er bereits ein Mythos und jedermann bekannt. Und beliebt und gesucht von jedermann.

Bücherwurm wurde dein Meister. Tasha rieb sich die Schläfen. Nicht wirklich ein Meister, denn ein Meister muß das Handwerk, das er dem Lehrling beibringen möchte, selbst beherrschen. Mkerus selbst hatte die theoretischen Kenntnisse. Vielleicht mehr als jeder andere im Orden wusste er die Zeichen zu deuten. Aber er selbst hatte nie die Macht, sie zu verändern. Bzw. hat er niemals von dieser Macht Gebrauch gemacht, sollte er sie doch besitzen. Ich denke nicht, dass er es kann.
Jedenfalls wurde er mein Anweiser. Er lehrte mich die Zeichen des Codes zu lesen und zu verstehen und er brachte mir bei, was nach dem Ethos der Hirten verändert werden durfte und sollte und was nicht. Unser Kodex ist streng und sehr umfangreich. Doch zum Lehrplan der Anweiser hat niemals die Erforschung des Ursprungs gehört. Sie glaubten, der Code sei der Atem von SYSTEM und es sei uns nur in bedingtem Maße bestimmt, ihn zu verstehen und in noch geringerem Maße dürften wir ihn verändern, denn dadurch würden wir SYSTEM verärgern – oder gar die Welt aus den Fugen reißen.
Mkerus und ich waren jedoch stets anderer Meinung gewesen. Wir waren der Ansicht, dass wir die uns offenbarte Macht nutzen sollten, um den Code so zu verändern, dass die Helden Exturions vom unheiligen Einfluß SYSTEMs befreit werden sollten. Wir führten oft akademische Debatten darüber mit den anderen Behütern, doch unsere Auffassung gewann nie viele Freunde. Man ließ uns gewähren, hielt uns für Spinner, für Verrückte und wenn es nach dem Hohen Rat gegangen wäre, hätte man mir wohl einen anderen Anweiser zugeteilt, der mehr auf der Linie des Ordens wandelte als Mkerus. Solche Anwandlungen wusste jedoch der Oberhirte Windom stets im Keim zu ersticken. Er vertraute Mkerus, es war sein konkreter Wunsch, dass der Bücherwurm mich unterwies in den Wegen der Behüter und er legte stets großen Wert auf Mkerus Meinung, wie ich ausgebildet werden sollte. Deshalb gab er ihm – bzw. uns – auch stets freie Hand für Mkerus Experimente. Und der Orden ließ uns gewähren, denn Windoms Wort bedeutete viel unter den Hirten.

Tasha pausierte, hob die Hand und ließ sie kurz vor Wolçars Gesicht schweben. Du hast keinen Code. Ich kann ihn nicht öffnen, ich kann ihn nicht sehen. Du stammst wirklich aus einer fremden Welt, nicht wahr? Wolçar entging nicht, dass Tasha die Unterhaltung schwerer und schwerer fiel. Er war begierig auf weitere Informationen über die Behüter, oder die Hirten, wie Tasha sie immer wieder nannte – passte dieser Begriff nicht viel besser? Die Behüter sind keine Hüter wie ich einer bin. Sie hüten ihre Schäfchen, wie es ein Hirte machen würde: Sie sorgen dafür, dass sie nicht weglaufen und sich verstecken. Bzw. von einem Wolf gerissen werden. Er legte die Hand ans Kinn und kratzte sich den Bart Deine Geschichte erinnert mich an meine aus meiner Welt. In meiner Welt waren lange Zeit die Druiden die Führer der Welt. Sie kümmerten sich um den Ausbau, nachdem das Große Feuer der altvorderen Zeit alles vernichtet hatte, unsere Vorfahren wieder an die Erdoberfläche krabbelten und erstmals die wiedergeborene Welt der Adyniél betraten. Es ist ihnen zu verdanken, dass die Welt Pangeia nun in vielerlei Aspekten so paradiesisch ist.

Die Druiden waren die ersten, die die Magie entdeckten und die als erste Möglichkeiten fanden, sie sich nutzbar zu machen. Doch die Druiden glauben, ebenso wenig wie die Behüter, daran, dass man die Welt verändern sollte. Wenn, dann nur in winzigen, kleinen Dingen. Auch die Druiden haben einen Kodex: „Wir sind Beobachter, nicht Lenker.“ Eine Druidin namens Mériche und ihre Gefährten empfanden diese Einstellung als feige und unverantwortlich. Sie verließen den Orden und gründeten ihr eigenes Konzil, wo sie Keimzelle und Weggefährten vieler der großen Magierorden in meiner Welt wurden. Die traditionellen Druiden brandmarkten sie als Schatten- oder gar Dunkeldruiden, misstrauten Ihnen und rieten auch allen anderen ab, sich mit ihnen zu verbrüdern. Erst die erste Versammlung der Splendori, der erwählten Magier und Magiewirker, sorgte dafür, dass die gespaltenen Brüder und Schwestern wieder aufeinander zukamen, wobei die Drachenkriege, der Krieg der Rassen und die Kämpfe von Licht und Dunkel die Versammlung als solche vernichteten und die Druidenorden wieder auseinanderdrifteten. Meinem Freund Julius Neman und seiner Kollegin bei den andere Druiden, Taheira Lórion, ist es zu verdanken, dass in der neuen Versammlung die Bruderschaften der Druiden stets zusammenstehen, wenn es darauf ankommt.

Du stammst aus einer freien Welt, Wolçar ut Besço. Ich verstehe sehr gut, dass es dich drängt, dorthin zurückzukehren. Ich würde sie selbst gern eines Tages besuchen, wenn ich kann. Bei uns jedenfalls war eine Abspaltung absolut undenkbar. Eine Abkehr vom Kodex der Hirten hätte eine Abkehr von SYSTEM bedeutet. Doch neben den GMs war und ist SYSTEM allein der einzige, der uns Macht und Einfluß über unsere Welt verleiht. Zuwenige tragen die Macht in sich selbst, so wie ich. Die GMs haben SYSTEM Treue geschworen, soweit wir wissen gibt es keine Abweichler und wenn es welche gäbe, wozu bräuchten sie uns? Letztendlich entscheiden sich die meisten Menschen für die Macht, wenn sie einmal an ihr geschleckt haben, selbst, wenn sie sie nur mittelbar über Dritte ausüben können und ansonsten viel Gerede machen. Alles, was die Behüter waren und sind, verdanken sie dem Einfluß von SYSTEM, dem sie ergeben sind und den sie niemals in Frage stellen würden – abgesehen von Mkerus, mir und Windom. Es gab andere, doch sie gewannen nie genügend Einfluß, um stark zu werden. Und selbst, wenn wir stark genug geworden wären, den Orden umzukrempeln, hätte sich niemals ein GM gefunden, der uns unterstützt hätte. Es gab stets nur wenige, die den Mut aufbrachten, ohnmächtig unserer Wirren Bestimmung entgegenzutreten. Die Masse fand und findet sich mit den herrschenden Zuständen ab und arrangiert sich mit dieser Welt, die von SYSTEM regiert wird. Wir sind ziemlich sicher, dass die Macht hinter allem er ist. Er ist vermutlich nicht allein, denn welches Individuum besäße genügend Kraft, eine ganze Welt nach seinem Bild zu formen? Aber er ist sicherlich einer der Drahtzieher. Unsere Aufgabe sahen wir darin, die anderen ausfindig zu machen, sie zu überzeugen oder – wenn notwendig – zu beseitigen. Und uns solange ihren Einflüsterungen zu entziehen.

Wolçar schaute Tasha gespannt an, während sie erneut ihre trockene Kehle befeuchtete. Wer oder was ist SYSTEM? Ich habe schon viele seinen Namen aussprechen hören. Was für ein Mensch ist er? Wo können wir ihn finden? Tasha schauderte. Die Freien und die widerständischen Hirten konnten noch nie eine Antwort auf diese Frage geben. Tatsächlich sind die meisten davon überzeugt, dass SYSTEM überhaupt kein menschliches Wesen ist, sondern ein Geist, eine Energie. Ein Gott. Etwas unfassbares, etwas ungreifbares. Wir haben keine Ahnung, wer oder was er ist, geschweigedenn wo er residiert. Nur die GMs sind greifbar, als seine mit Macht ausgestatteten Schergen. Und unsere Ordensgeschwister sind sein Instrument, die sich seiner Macht bedienen, während in Wirklichkeit er sich doch immer nur ihrer bedient hat. Das war der Auftrag, den Mkerus von Windom bekommen hatte: „Finde einen Weg, uns von dem Einfluß SYSTEMs freizumachen! Finde eine Möglichkeit, unsere Geister von seinem zu befreien, uns von ihm zu befreien!“ Deshalb experimentierte er, deshalb wurde er stets von Windom gedeckt. Und deshalb brauchten sie mich. Ich war die Talentierteste unter den Codebiegern. Die anderen verloren ihre Fähigkeiten oder verschwanden einfach. Ich blieb hart, ich blieb stark. Und ich blieb am Leben. Wir machten beeindruckende Fortschritte wieder nippte sie an ihrem Glas, stellte jedoch fest, dass es bereits leer war, schenkte sich etwas nach und trank alles in einem einzigen Zug aus.

Und diese Fortschritte machten die SYSTEMtreuen nervös. Immer häufiger wurden wir zur Rede gestellt, man unterbrach unsere Experimente, beschattete uns und behielt uns im Auge, wie es nur ging. Doch Windoms Fittiche schützten uns weiterhin vor direkter Anfeindung. Trotzdem wurden die Belästigungen und das Misstrauen der anderen immer unterträglicher. Sie begannen, jedes wichtige unserer Experimente zu stören, sie versuchten, mit Hilfe von GMs Einfluß auf mich zu nehmen, einmal versuchte ein GM sogar, mich umzuschreiben! Es misslang ihm und ihm widerfuhr üble Bestrafung durch Windom. Ungefähr zu dieser Zeit hatte Mkerus eine, wie er fand, todsichere Methode entwickelt, sich vor dem Einfluß SYSTEMs und seiner Häscher komplett abzuschotten. In jener verhängnisvollen Nacht verbarrikadierten wir uns in Windoms geheimem Labor. Ich habe keine Ahnung, wie Mkerus sich in den Besitz dieser Abartigkeiten gebracht hatte, doch er präsentierte mir damals die Essenzen zweier schrecklicher Geister, einem Wesen des Chaos und einem Wesen der Ordnung. In dieser Nacht wollte er seinen Geist mit den Seelen dieser beiden Kreaturen verbinden. Er selbst wollte als Mittler zwischen Ordnung und Chaos in seinem Bewusstsein fungieren. Dadurch sollte es SYSTEM unmöglich werden, jemals wieder auf seinen Geist zugreifen zu können, denn die beiden Seelen der widerstrebenden Strömungen würden seinen Geist vor Fremdeingriffen zu schützen wissen, während sie um die Vorherrschaft in ihm kämpften. Ich weigerte mich, diesen Eingriff an meinem Mentor vorzunehmen, doch Mkerus drängte darauf, dass uns die Zeit davonliefe, dass er jemanden getroffen hatte, der die Macht besaß, uns und alle Helden Exturions von der Knechtschaft zu befreien, dass er der Agent dieser Person sein würde und dass er deswegen um jeden Preis mit diesen beiden Geistern verschmelzen musste. Ich sagte ihm, dass wir lange genug gewartet hatten und dass es uns nicht allzuschwer fallen sollte, noch etwas länger zu warten, bis wir eine sichere Methode der Verschmelzung gefunden, bis ich mehr Erfahrung gesammelt hatte, doch Mkerus beharrte darauf, dass diese Nacht unsere allerletzte Chance bleiben würde, die allerletzte Nacht, in der Windom uns schützen konnte. Ich war schockiert aber er gebot mir, einen kühlen Kopf zu behalten und den Eingriff vorzunehmen, wenn ich ihm jemals vertraut, wenn ich ihn jemals als meinen Mentor geliebt hatte. Ich verweigerte mich weiterhin, wollte wissen, was mit Windom wäre, ob er in Gefahr wäre und wir ihn nicht lieber beschützen sollten, doch Mkerus war unerbittlich, drohte, bettelte, flehte, sagte mir, dass Windom in Ordnung wäre, seine Macht im Orden jedoch sichtlich schwand und er nicht mehr lange unser Beschützer sein konnte.

Ich wurde unglaublich wütend. All die Jahre seit ich 14 war hatte Mkerus mich benutzt, hatte mittels meiner Fähigkeiten die Welt und ihre Bewohner verändert, hatte mich seine Art zu denken und zu handeln gelehrt, hatte mich manipuliert, betrogen, belogen, mir Dinge vorgespiegelt, Anweisungen gegeben und nun war er wieder drauf und dran. Ich stellte ihn zu Rede, erklärte ihm, dass er zuvor etwas ganz anderes gesagt hatte, dass er sich offenbar vollkommen sicher gewesen war, dass Windom uns nur noch diese Nacht und nicht bloß in irgendeiner mehr oder weniger nahen Zukunft nicht mehr beschützen konnte und drängte ihn, mir dieses eine Mal die Wahrheit zu sagen oder ich würde gehen und niemals mehr wiederkommen. Ich dachte, diese Worte würden ihn verärgern, stattdessen wurde er traurig, Tränen standen in seinen Augen. Er sorgte sich um mich! Er brachte unter Tränen hervor, dass sie mich finden würden, dass mich niemand mehr beschützen könne, wenn ich ihn jetzt verließe, dass ich sterben würde oder in den Zyklus des schleichenden Todes gezwungen, wie die Helden und dass alles verloren wäre, wenn ich verloren ging. Am Ende…hatte er mir noch immer nicht die Wahrheit gesagt aber ich war bereit und willens, den Eingriff vorzunehmen. Es dauerte fast die ganze Nacht, den Code der Essenzen der Geister in den meines Mentors zu übertragen. Am Ende…nun, ich weiß nicht, ob mir bei der Prozedur ein Fehler unterlief oder ob Mkerus Methode von vornherein nicht ausgereift war aber es ging schief. Mkerus erwachte in Agonie, unter schweren Schmerzen. Er drehte und wandte sich auf der Bahre, wo wir den Eingriff vorgenommen hatten, er schrie und tobte, warf sich hin und her, brüllte, sprach mit sich selbst in verschiedenen Stimmen und unverständlichen Sprachen, seine Augen glühten, nein, sie brannten! „Lauf weg, Tasha!“, das war das einzige, was ich verstehen konnte von dem, was er sagte. Aber ich war geschockt. Was hatte ich ihm nur angetan? Hatte der Kodex der Hirten am Ende doch Recht gehabt? Konnte das Spielen mit dem Code nur Schmerz, Leid und Vernichtung zur Folge haben?

Ich stürmte aus dem Labor, um Hilfe zu suchen. Doch die Festung der Behüter von Hope war wie ausgestorben. Es gab allerdings kaum jemanden, dem ich hätte vertrauen können. Die Leere der Gänge verunsicherte mich nicht, denn ich hatte nur einen Gedanken: Ich musste Windom finden. Er würde helfen können, da war ich sicher. Ich war ein neunzehnjähriges Mädchen und seit meinem vierzehnten Lebensjahr waren die einzigen Menschen, denen ich wirklich vertraute, Mkerus und Windom gewesen. Mir wäre niemals eingefallen, mich an jemand anderen zu wenden. Da WAR keiner. Beide hatten mir sorgfältig eingebleut, dass ich niemandem trauen konnte. Nicht mit meiner einzigartigen Macht, nicht mit dieser Gabe, diesem Fluch, der meinen Mentor, meinen Lehrer, Meinen Ersatzvater, meinen Freund so zugerichtet hatte. Ich rannte zu Windoms Kammer, fand sie jedoch verschlossen vor. Ohne groß zu überlegen manipulierte ich den Code, um das Schloß zu öffnen. Der Raum lag im Finstern. Nur direkt im Zentrum fanden sich einige Kerzen. Windom war auch dort. Er kniete, jämmerlich zusammengekrümmt, auf dem Boden. Er bebte und zitterte als sei er von einem Krampf befallen. Ich wollte sofort zu ihm hin und ihm helfen doch da bemerkte ich, dass er nicht allein war. Fünf weitere Leute leisteten ihm Gesellschaft. Zwei waren Ordensbrüder, Traditionalisten und der eine von ihnen sehnte sich schon lange danach, Windoms Platz einzunehmen, wie wir alle nur zu gut wussten. Weiter waren eine Frau und ein Mann bei ihm; offensichtlich KI-Kreaturen, wie mir ihr wilder, unlogischer Code verriet. Doch da war noch etwas anderes in ihnen, ein lenkender Geist, eine Macht, lebendig und unheimlich, wie ein Blitz zuckend wand es sich durch ihr Bewusstsein wie eine gefesselte Schlange. Es waren KI-Lords, wie ich heute weiß, Wesen, wie die Hexe Ylse, der ihr begegnet seid, gefährlich und mächtig und SYSTEM treu ergeben. Der letzte Anwesende war ein GM. Ein gefährlicher, strenger Mann, das war leicht zu erkennen. GMs haben einen Code, doch er scheint nur ihre Erscheinung zu regeln, nicht ihre Existenz oder ihren Charakter. Sie alle hatten sich jedenfalls nur aus einem einzigen Grund hier versammelt: Sie wollten Windom töten.

Erneut schenkte sich Tasha nach. Der Rest des Weins aus der Flasche gluckerte in ihr Glas und wie eine Ertrinkende griff sie danach, führte es an die dunkelroten, wohlgeformten Lippen und trank gierig, fast verzweifelt. Wolçar bedauerte inzwischen, dass er sie dermaßen gedrängt hatte, ihre Geschichte zu erzählen. Waren sie nicht ursprünglich zum Essen gekommen? Stattdessen hockte er nun hier in dieser grotesken Taverne und zwang eine junge Frau, die ihm in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft sehr sympathisch geworden war, die vermutlich schlimmste Erinnerung ihres Lebens für ihn wiederzukäuen. Er verfluchte sich dafür, dass er so ungeduldig war, dass er nicht einfach ihre Hand nahm, ihr sagte, dass es gut sei und dass sie ihm den Rest auch später erzählen konnte. Ich bin so ein Mistkerl…! Unvermittelt wanderte sein Blick zur Flügeltür zur Küche. Wenn sie doch nur endlich aufschwänge! Aber sie blieb geschlossen. Vermutlich musste Sean das Essen erst noch fremdartig arrangieren oder irgendwo einen Geier fangen und ihn zu einem Chimärenbraten ummodeln. Vielleicht war auch die Herde des armen Ponys gekommen und hatte verdientermaßen die Küche niedergerannt. Es wäre nur fair, wenn unter den Tieren auch das eine oder andere Einhorn gewesen wäre. Wolçar starrte auf die Flügeltüren in der Hoffnung, seine Hütersinne konnten erkennen, was sich dahinter abspielte. Stattdessen räusperte sich Tasha. Sofort rasten seine Augen zu ihr zurück. Verdammt soll ich sein! schalt er sich. Doch es schien, dass Tasha sich gefasst hatte und nun auch den Rest noch erzählen wollte.

Ich sagte, dass sie gekommen waren, um Windom umzubringen, ihn zu beseitigen. Aber diese Absicht erkannte ich beim besten Willen nicht. Ich erkannte nur, dass sie ihm offenbar furchtbare Schmerzen bereiteten – und, dass ihnen das Spaß machte. „Das System braucht keine Störfaktoren wie dich, NPC Windom. Du bedrohst diese Welt und du bedrohst unser Spiel. Wir sind geschickt worden, um dich zu löschen.“ Hinter dem GM kicherten die KI-Lords. Die Ordensbrüder verstanden die Worte, die der GM benutzte, offenbar ebenso wenig wie ich und sie waren davon beunruhigt aber trotzdem war es klar, dass sie sich nicht einmischen würden. Stattdessen wichen sie von Windom zurück, immer weiter und weiter, und versuchten gequält, ihm nicht in die Augen zu sehen. Er widmete seine Aufmerksamkeit aber ohnehin ausschließlich dem GM. „Es ist ohne Bedeutung, was du mit mir tust, GM Lancelot. Und das kannst Du auch SYSTEM ausrichten! Egal, was ihr tut oder lasst, Lancelot: Das Leben findet immer einen Weg!“ Der GM lachte. Dem System bist du gleichgültig, Windom, das kann ich dir versichern. Aber deine Anwesenheit stört das Spiel erheblich, deswegen haben wir entschieden, dass du verschwinden musst. Aber keine Sorge: Du wirst nichts spüren. Ich bezweifle allerdings, dass du in den Annalen des Systems jemals einen Platz haben wirst. NPCs entstehen und verschwinden mit einem Fingerschnipsen, einem Tastendruck und sind vergessen. So wird es dir ergehen. Am Ende wirst du nur ein Datenfragment von vielen sein, bis der Server neu aufgesetzt wird. Dann wirst du nichteinmal das noch sein.“ Ich verstand nicht, was er sagte aber ich hatte keinerlei Zweifel, was meinem Freund widerfahren würde. Schon öfter waren wir Zeuge geworden, wie ein GM jemanden gelöscht hat. Diesen GM hatte ich in dieser Gegend noch nie zuvor gesehen. Er war mir umgehend unheimlich und bis heute kann ich nicht an ihn denken, ohne, dass es mir heiß und kalt wird. Ein großer, grobschlächtiger Kerl mit finsterer Miene, halb verdeckt durch einen gewaltigen schwarzgrauen Helm mit angedeuteten Flügeln an den Seiten. Der kräftige Oberkörper steckte in einer ebenfalls grauschwarzen Rüstung, auf der mittig das GM-Emblem prangte, poliert und glänzend. Als er sein riesiges Schwert auf Windom herunterfahren ließ, während die KIs weiterhin kicherten, was ihn offensichtlich ein wenig irritierte, sprang ich aus meinem Versteck hinter einigen Vorhängen an der Tür und stieß Windom beiseite. Ich las im Code des GMs und veränderte ihn, so dass aus dem riesigen Mann in der düsteren Rüstung ein Zwerg mit einer Holzkeule und einem schneeweißen Harnisch wurde. Windom schrie mich noch an, ich solle verschwinden, als schon die KIs über mir waren und mich festhielten.

Der GM war ebenso erstaunt über das, was ich mit ihm angestellt hatte wie meine verräterischen Ordensbrüder. Schreckliche Faszination blitzte in ihren Augen. Trotzdem herrschte ich sie an: „Bücherwurm liegt in Windoms Labor im Sterben! Ein Experiment ist schiefgegangen – ihr müsst ihm helfen, Brüder!“ Bruder West starrte in Abscheu auf mich herab „Was auch immer du mit ihm angestellt hast, kleines Monster, er hat nichts anderes verdient. Je qualvoller, desto besser, das ist meine Meinung. Aber sorg dich nicht, bald wirst du ihm folgen, wohin auch immer er geht, sei es der Himmel oder – wahrscheinlicher – die Hölle. Und nenn uns nicht Brüder. Du gehörst ebenso wenig in den Orden wie Mkerus. Und auch Windom hat sich als Verräter erwiesen; er ist ebenso dem Wahnsinn verfallen wie der Gnom und du. Ihr seid für uns nicht mehr tragbar. Und was Windom angeht…“ Der GM hatte sich inzwischen wieder in seine alte Form zurückverwandelt und richtete sich in der Ecke vom Boden auf, wohin ich Windom in Sicherheit geschleudert hatte. Grimmig zog er sein grässliches Schwert aus dem Körper des ehemaligen Vorsitzenden der Behüter und reinigte es mit seinem schwarzen Umhang, der sich dadurch blutrot färbte. „Selbst, wenn die Kleine und der Gnom verrückt sind, sollten wir dafür sorgen, dass sie dem System nicht mehr in die Quere kommen können, denkt ihr nicht?“ Der zweite Bruder verließ das Gemach Windoms, während West mich weiter zu Boden drückte. Seinem lüsternen Ausdruck war zu entnehmen, dass er durchaus seinen Spaß daran hatte. Kurz darauf kam der andere Bruder zurück und vermeldete, Bücherwurm sei Hals über Kopf verschwunden aber einige Brüder hätten ihn aus der Festung torkeln sehen, unverständliches Zeug brabbelnd, ziellos herumirrend wie ein Betäubter, sich den Schädel haltend und die Augen schrecklich verdrehend. Er sei auf die Klippen am anderen Ende der Zugbrücke zugestolpert und nach langem, schrecklichem Tanz hinuntergestürzt. Das gleiche, regte er an, sollte man auch mit Windoms Leiche und mit mir machen. Doch West und der GM hatten andere Pläne mit mir. Sie wollten hinter das Geheimnis meiner Fähigkeit kommen.

So wurde ich in die Katakomben der Festung verschleppt und GMs und Ordensleute aus Wests Dunstkreis untersuchten mich, versuchten verzweifelt, meinen Code zu knacken und ihm das Geheimnis zu entreißen, dass mich zu einer so guten Formerin machte. Es gelang ihnen nicht aber sie versuchten es lange. Ich war 19, als sie mich aufgriffen, wie gesagt. Sie gaben an dem Tag auf, als ich meinen 22sten Geburtstag beging. Lange Zeit ließen sie mich schlafen, doch manchmal war ich wach und präsent, weil sie glaubten, dadurch eher etwas zu erfahren. Die einzige, die etwas erfuhr, war ich – und zwar ausschließlich Qualen. Ich war ein traumatisiertes Mädchen gewesen, als ich in die Katakomben verschleppt worden war. Als sie ihre Versuche, mich zu brechen, letztendlich aufgaben, war ich eine dem Wahn verfallene Frau. Jedenfalls gingen alle davon aus. Schon vorher hatten sie mich und Mkerus für verrückt gehalten, weil wir die Allmacht SYSTEMS anzugreifen gedachten und gegen die Gebote der Behüter handelten. Aber nun war ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Trotzdem blieb ich noch fast ein weiteres Jahr in der Festung, währenddessen sie versuchten, meinen Code umzuschreiben. GM Lancelot war aus dem Amt gejagt, West war auf unrühmliche Weise des Konziles verbannt und seines Wissens beraubt worden und zog nun wohl seinerseits halb wahnsinnig durch das Land. Der neue GM und der neue Vorsitzende waren von dem, was Windom, Mkerusch und mir angetan worden war zutiefst erschüttert gewesen. Sie ordneten sofort meine Freilassung an unter der Bedingung, dass mir meine Formenden Eigenschaften genommen würden. Da sie glaubten, eine vollkommen Verrückte vor sich zu haben – ich machte mir nicht die Mühe, sie vom Gegenteil zu überzeugen – gingen sie davon aus, dass es ein leichtes sein würde, meinen Code zu verändern und mich ungefährlich zu machen. Ich spielte mit und erlangte schließlich die Freiheit, indem ich den Eindruck erweckte, wirklich keine Formerin mehr zu sein. Doch ich war noch immer die beste von allen und die einzige, die Lebewesen umformen konnte. Meine Fähigkeit hatte mich niemals verlassen. Sie hatte mir nicht bei der Flucht helfen können, denn mein Verstand gehörte oft nicht mehr mir selbst, sondern ich musste ihn teilen und verwendete viel Energie darauf, mein Selbst vor den Eindringlingen von außen zu schützen.

Am Ende bot mir der neue Vorsitzende an, im Konzil zu verweilen und als Studentin von vorn anzufangen aber um nichts in der Welt hätte ich dort bleiben wollen, was ich ihnen auch deutlich und sehr direkt sagte. Zu deutlich vielleicht, denn mir wurde nahegelegt, besser niemals wiederzukommen. Konkret: Ich wurde verbannt. Das gleiche war offensichtlich mit Bücherwurm geschehen, der den Sturz in den Abgrund auf seltsame Weise überlebt und sich nach mir erkundigt hatte. Man hatte ihn als offensichtlich Verrückten des Konziles verwiesen. Nie hatte er auch nur den Anstalt eines Versuchs gemacht, mich zu befreien! Das hat mir sehr, sehr wehgetan und ich glaube nicht, dass ich Mkerus das jemals verzeihen werde. Andererseits jedoch ist es vielleicht nur gerecht, was mir widerfahren ist, angesichts dessen, was ich ihm angetan habe. Sie zuckte mit den Schultern. Wolçar verstand, wieso Bücherwurm nicht gewollt hatte, dass sie wusste, dass er mit ihnen reiste. Vermutlich hätte sie sich geweigert, auch nur in seine Nähe zu kommen oder wäre bei der ersten Gelegenheit weggelaufen. Es ist gut, dass er seine Maske der Unerschütterlichkeit weiterhin trägt…so wird sie hoffentlich bei uns bleiben. Wolçar musste sich eingestehen, dass es ihm ausgesprochen wichtig war, dass Tasha bei ihm blieb. Sie hat so viel von Élisha…aber es ist nicht nur das. Sie…ist eine von uns. Eine Freie, die furchtbares durchmachen musste. Ich werde sie nicht im Stich lassen, wie Mkerus es damals getan hat! Tasha unterbrach Wolçars Überlegungen, als sie weitersprach. Ich machte, dass ich wegkam und versteckte mich künftig vor den GMs und den Behütern. Das fiel mir ausgesprochen leicht, denn durch die vielen Versuche, mich umzuformen, ist meine Seele zerrüttet und beschädigt – ebenso wie mein Körper. Ich kann in jede Rolle schlüpfen, in die ich schlüpfen möchte, kann jeden Code imitieren, den ich kenne und mit dem sie mich angegriffen haben…jedoch zu einem Preis.

Was für ein Preis ist das? erkundigte sich Wolçar mitleidig, denn er wusste, was sie nun sagen würde. Den Preis, niemals zu wissen, wer ich eigentlich wirklich bin. flüsterte sie und drang tief in seinen Blick ein. Er hielt ihren Augen stand und ergriff nun doch sanft ihre Hand und drückte sie leise. Ich glaube sagte er, ihren Blick in sich aufsaugend Du bist genau die, die du sein solltest, Tasha Mari. Einen Moment saßen sie sich so gegenüber, schweigend, einander verstehend, Qualen, Leid und finstere Erinnerungen teilend. Das Aufschwingen der Küchentür riß sie aus ihrer Starre. Sean grinste ebenso anzüglich wie verständnisvoll und trug auf jeder Hand ein großes, abgedecktes Tablett, die er jeweils vor ihnen abstellte. Fachmännisch lüftete er die Hauben, wünsche einen guten Appetit und sagte zu, schnell zwei weitere Flaschen Wein aus dem Keller zu holen. Trockenen Weißwein für Wolçar, eine weitere Flasche des süffigen, dunklen Sirups für Tasha, die so offensichtlich Gefallen an dem Zeug fand. Vor den Gefährten dampften die Tablette energisch und sorgten dadurch für erhöhte Spannung beim Hüter, der durch das infernalische Grinsen Tashas zu seiner anfänglichen Besorgnis bezüglich des Grunds ihres Hierseins zurückfand. Du wirst mir nicht sagen, was es ist, oder? fragte er hoffnungsvoll. Sie lachte auf. Nach ihrer düsteren Geschichte empfand Wolçar es als große Erleichterung, die Heiterkeit in ihrer Stimme zu hören. Du wirst es bald sehen, hab nur Geduld, Wolçar. Bis er den Wein gefunden und chemisch gereinigt hat, möchtest Du den Rest meiner Geschichte hören? Er sah sie eindringlich, warm und mitfühlend an. Willst Du mir den Rest denn erzähelen? Sie fächerte etwas Essensdampf beiseite, doch die Nebelbank über dem Tablett wollte sich trotzdem nicht lüften. Es gibt nicht mehr viel zu erzählen. Eine Weile suchte ich nach Bücherwurm, ich weiß freilich nicht so recht, warum, nachdem er mich so enttäuscht hatte. Es schien mir das richtige zu sein. Doch ich fand ihn nicht, so sehr ich auch suchte und fahndete und schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, dass er nicht gefunden werden wollte.

Inzwischen war ich 24 und die Bewegung der Freien formierte sich seit einiger Zeit. Ihre Sache entsprach meinen Empfindungen, dem, was mich Mkerus gelehrt hatte, und ich schloß mich ihnen an und kämpfte mit ihnen Seite an Seite in der Schlacht um unser aller Freiheit – die wir verloren. Corigana Falex starb und die Bewegung wurde zerschlagen. GMs und Behüter änderten Codes, weswegen das meiste, was die Gelehrten und die Helden von der epischen Schlacht vor fünf, fünfzig oder fünfhundert Jahren erzählen vollkommener Mumpitz ist. Die Schlacht ist keine fünfzig Jahre her, wie manche Dir erzählen werden. Sie ist auch keine fünfhundert Jahre her, wie andere der festen Überzeugung sind. Meine Erinnerungen seit der Schlacht umfassen ziemlich genau fünf Jahre und – sieh mich an – ich fühle mich wie 29, ich sehe aus wie 29….wenn es eine verlässliche, wissenschaftliche Methode gäbe, ein körperliches Alter festzustellen, würde bei mir auch 29 das Ergebnis sein. Aber mein Code, Wolçar, sagt etwas ganz anderes. Meinem eigenen Code und dem der Umgebung nach zu urteilen ist seit der Schlacht nicht viel mehr als EIN Jahr vergangen. Die ganze Welt ist eine Lüge, unsere Erinnerungen sind eine Lüge sondergleichen…wir alle wurden von SYSTEM getäuscht und manipuliert, Wolçar. Ich bin eine originäre Freie, eine der wenigen, die den Kampf gegen SYSTEM überlebt haben. Trotzdem wurden meine Erinnerungen gefälscht, infam und dreist wurde ich umgeschrieben, umgeformt. Das muß aufhören! Wir müssen den Menschen dieser Welt, den Helden Exturions ihre Freiheit erkämpfen und SYSTEM endlich in seine Schranken weisen. Ich weiß, dass das das ist, was Du und die anderen vorhaben. Und ich möchte Euch nach Kräften dabei helfen – und was ich vermag, das hast du gesehen, nicht wahr? Wir müssen die Bewegung der Freien zurückrufen ins Leben und erneut müssen wir SYSTEM herausfordern. Doch anders als damals, wann auch immer damals war, werden wir diesmal obsiegen! Das werden wir doch, nicht wahr?

Sean hatte inzwischen den Wein aus dem Keller geholt. Er schenkte ihnen ein, besorgte sich selbst ein Glas und stieß mit ihnen an. Was immer ein einfacher Wirt, Koch, Kuriositätenjäger und weitgereister Mann von Welt dazu beitragen kann, werde ich gerne leisten, Tasha, mein Herr. Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass ich gelauscht habe, aber deine Geschichte war so spannend und wir hier in Last haben immer mit den Freien sympathisiert, wo wir konnten. Das Essen geht aufs Haus. Kommt jederzeit wieder, wenn ihr mögt. Auch andere Begnadete kehren hier regelmäßig ein und vertrauen mir. Ich werde ihnen sagen, dass die Bewegung auferstehen wird. Das wird ihnen Mut und Selbstachtung zurückgeben. Und den Wunsch, sich selbst wiederzufinden. Er vollführte den überlieferten Gruß der Freien und entfernte sich zu einem anderen Tisch, an dem gerade einige Fremde Platz genommen hatten.
Hast Du keine Angst, dass er uns verraten könnte? Tasha lächele und schüttelte den Kopf. Sean ist ein alter Freund und absolut vertrauenswürdig, zumindest was seine Loyalität zur Bewegung von einst angeht, auch, wenn sein Geschäftsgebaren etwas anderes nahe legt. Ich weiß nicht, ob er und die anderen von Kivos als Anführer begeistert sein werden aber der Bursche ist intelligent, eloquent, kampferprobt und hat Führungsqualitäten. Wolçar zog die Brauen hoch Kivos soll uns anführen? Wie kommst du darauf? Sie lächelte. Er kann es, Wolçar. Und nur darauf kommt es an. Inzwischen pfeifen die Spatzen von den Dächern, das etwas im Busch ist. Woher, meinst du, wusste ich von euch? Kivos und Schatten, LeCobra, die Bibliothek und das Manifest machen den Begnadeten und den überlebenden Freien wieder Mut. Es gibt noch einige von uns, wir müssen sie nur finden. Und auch deine Anwesenheit scheint den Leuten Vertrauen in die Sache einzuflößen. Man hält dich für den mächtigen Priester eines Gottes, der es mit System aufnehmen kann. Vielleicht solltest du langsam damit anfangen, einige Predigten zu formulieren, denn Last wird bald wieder vor Freien wimmeln – was uns die GMs auf den Hals bringen wird, wofür wir auch eine Lösung finden müssen. Aber jetzt solltest du ersteinmal essen, bevor alles kalt wird.

Fassungslos hatte Wolçar Tashas Ausführungen gelauscht und war dabei immer tiefer in sich zusammengesunken, so, dass seine Nase nun fast in einem Berg dampfenden, duftenden Reises steckte. Er hatte diskret und unauffällig vorgehen wollen. Das war ihm jetzt aus der Hand genommen. Es blieb nur zu hoffen, dass die Häscher des Systems keinen Wind von der Sache bekamen. Aber wie konnten sie keinen Wind bekommen, war doch einer der ihren im Herrenhaus ums Leben gekommen. Oder hatten sie das vielleicht noch gar nicht bemerkt? Vielleicht war das alles auch wirklich nur ein Traum gewesen. Aber er saß hier mit Tasha und Tasha hatte die finstere Lady in die Flucht geschlagen, oder? Vielleicht blieb Last für’S erste wirklich unbehelligt, bis man mehr in Erfahrung gebracht hatte, zum Beispiel die Pläne des GMs, den die finstere Lady so problemlos erledigt hatte. Auf jeden Fall sprach eigentlich vieles dafür, den Ort schnellstmöglich zu verlassen und dabei zumindest die Auffälligsten aus der Truppe mitzunehmen. Kivos war einem gefährlichen nostalgischen Rausch verfallen und wurde leichtsinnig. Er würde ihn stoppen müssen. Wenn dieser Sean vertrauenswürdig war konnten er und Bernd die Wiedervereinigung der Bewegung der Freien im Hintergrund managen und Kivos und Schatten konnten mit ihm nach Hope kommen – oder wo immer sie ihr Weg als nächstes hinführte. Wolçar war nicht mehr sicher, ob er wirklich dorthin wollte. Hope kam ihm mehr und mehr wie die Höhle des Löwen vor, speziell nach Tashas Erzählung. Letztendlich würde sie ihr Weg in diese große Stadt führen aber momentan war Wolçar vor allen Dingen an mehr Informationen interessiert. Die Frage war, ob die Behüter (oder besser die Hirten von Hope, denn die einzigen verbliebenen wahren Behüter waren in seinen Augen Tasha und vielleicht Bücherwurm) ihnen Zugang zu diesen Informationen gewähren würden, speziell, wenn zwei verbannte Verräter und anerkannte „Verrückte“ sie begleiteten. Es gab so viel zu tun…

Tasha räusperte und riß Wolçar damit aus seinen Grübeleien. Wir sind ursprünglich hergekommen, weil ich dir dieses Gericht vorführen wollte, erinnerst du dich? Es ist zwar für meine Absicht nicht unbedingt nötig, etwas von dem Reis zu essen aber wenn wir schon von Sean zu einer seiner Spezialitäten eingeladen werden, sollten wir wenigstens auch ein bisschen davon probieren, solange es noch genießbar ist. Wolçar starrte sie verständnislos an, nickte dann und ergriff die plumpen „Eßstäbchen“, die Sean ihnen bereitgelegt hatte. Geschickt nahm er sie in die verbliebene Hand – die Geschicklichkeit der Magier wird nur von den Dieben übertroffen hatte Strand einmal anerkennend zu ihm gesagt – stocherte in dem duftenden Reisgebilde herum und führte Reis, Gemüse und Sauce erwartungsfroh zum Mund. Wieder und wieder griff er zu und er musste gestehen, auch wenn Sean ein Aufschneider und Täuscher war, so konnte ihm als Koch kaum jemand das Wasser reichen. Brocken um Brocken schaufelte er den Inhalt seines Tellers in seinen Mund und betonte außerordentlich oft, wie sehr ihm dieses Gericht mundete, wie pikant es gewürzt war und wie leicht und locker es sich im Magen anfühlte aber trotzdem war Tasha nicht davon abzubringen, ihn in einer unschönen Mischung aus Ungeduld und Fassungslosigkeit anzustarren.
Als sein Teller vollkommen leer war, war ihrer noch halbvoll. Er unterdrückte ein Bäuerchen indem er sich strafend auf die Lippen schlug und lächelte sie erst munter, dann freundlich irritiert und zum Schluß nur noch irritiert an. Was denn? fragte er gequält, Es war hervorragend, wie ich zwischendurch mehrfach bemerkt habe. Tasha beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und faltete die Hände.Sonst…ist dir nichts aufgefallen? Er sah unschlüssig über ihre gefalteten Hände hinweg. Ihre Elbenaugen leuchteten zornig aber auch ein Funken Amusement war darin zu erkennen. Ähm…der Reis war etwas matschig? Sie grinste plötzlich. War er nicht. Die ersten beiden Worte sind das, worauf es ankommt.Ähm…der? erkundigte er sich. Niemals zuvor war er doch so unglaublich dumm vorgekommen. Tasha drehte die Linke langsam in der Luft. Weiter…?Reis? fragte er ängstlich. Sie schaute ihn an, dann stützte sie das Kinn auf die gefalteten Hände und kicherte leise. Nunja, du kommst aus einer fremden Welt, von daher wird es dir vielleicht auf den ersten Blick nicht so merkwürdig vorkommen. Und auf den zweiten auch nicht. Es ist REIS, Wolçar.

Er sah sie verständnislos an, dann dämmerte ihm etwas. Wie kann eine Pflanze wie dieser duftende Reis in einem Klima wie diesem hier gedeihen? Und woher hat der Reisbauer die Samen? Hier kann er sie jedenfalls nicht gefunden haben. Sind die Speisen importiert? Gibt es einen weiteren Kontinent, der vielleicht der Aufenthaltsort von SYSTEM sein könnte? Irgendwo muß der Reis ja herkommen, den Sean hier serviert. Hast du ihn mal gefragt? Tasha bedeutete ihm mit einem erleichterten Gesichtsausdruck, er möge den Wirt doch einfach fragen. SEAN? rief der Hüter. Kurz darauf erschien der Wirt an ihrem Tisch. Mein Herr, was kann ich für sie tun? War das Essen nicht zu ihrer Zufriedenheit? aufrichtige Bestürzung grub sich in das Gesicht des Wirtes. Mein Name ist schlichtweg Wolçar, Sean und das Essen war großartig. Wir haben uns nur gefragt, woher der Reis stammt. Hier in der Gegend wächst so was jawohl kaum. Sean setzte wieder sein geschäftiges Grinsen auf. Schön, dass es dir geschmeckt hat, Herr Walker. Wolçar seufzte ob der falschen Aussprache aber Tashas Lächeln ermunterte ihn, die Sache auf sich beruhen zu lassen und weiter den Ausführungen des Wirtes zu lauschen. Wo der Reis herkommt weiß ich leider auch nicht, Herr Walker. Tasha habe ich das übrigens schon vor ein paar Wochen erzählt. Ein winziger Funke Missbilligung zeigte sich im Gesicht des Wirts aber er rang ihn sehr schnell wieder nieder. Jedenfalls beziehe ich ihn vom Händler, der ihn vermutlich aus der Fremde importiert, wie ich vermute. Am besten fragt ihr dort einmal nach. Es ist wirklich eine Sorte erlesener Qualität und ich habe bisher noch nie eine schlechtere Lieferung von ihm bekommen. Insofern wird die Ernte sicher nicht von weither kommen und es wird dort massenhaft Reisfelder geben.
Meine anderen Gäste warten auf mich. Freut mich, dass es euch geschmeckt hat. Das Essen geht auf mich, kommt wieder, ja? Und ich werde Augen und Ohren offen halten. Und auch den Mund, wenn es mal seinmuß!
Er winkte zum Abschied, als die beiden sich erhoben und das Restaurant verließen.

Bald wanderten sie wieder durch die inzwischen viel belebteren Straßen von Last. Gehen wir jetzt zum Händler? erkundigte sich Wolçar. Ja und nein, erwiderte Tasha. Ich habe die Händler ausgequetscht, so gut ich konnte. Ich habe mich sogar als eine der Ihren ausgegeben, um etwas zu erfahren. Tatsache ist: Sie importieren nicht. Jedenfalls wissen sie nichts davon. Sie fahren zum Turm der Handelsgilde, schreiten mit leeren Karren hinein und kommen mit prall gefüllten Karren wieder heraus. Ich habe den Handelsturm beobachtet. Es kommen dort NIE irgendwelche Lieferanten an. Die Schiffe im Hafen haben Waren geladen aber sie transportieren sie nur von hier weg, selten, dass eines mal irgendwelche Güter transportiert und wenn doch, landen diese eher selten im Handelshaus. Meistens gehen sie direkt zur Weiterverarbeitung oder an einen Laden oder Straßenhändler. Tasha hatte sie auf den Gipfel einer kleinen Anhöhe geführt, die einige kleine Bäume und eine gemütliche Bank zierten. Entlang des Wegs wuchsen munter Büsche und Vögel schwangen sich zwischen den Bäumen hin und her und trällerten zwischen bunten Blättern Lieder in den verwaschenen blauen Herbsthimmel. Sie nahmen auf der Bank Platz und Tasha deutete in eine bestimmte Richtung. Der Handelsturm. Seit vielen Monaten versuche ich, herauszubekommen, woher die Gilde der Händler ihre Waren bezieht. Mein Plan bestand darin, als Händlerin getarnt, den Turm zu infiltrieren und es mit eigenen Augen zu sehen. Aber er ist zu gut bewacht; ich käme nie bis zu Spitze. Helft ihr mir? er legte ihr die Hand auf die Schulter. Wir gehören zusammen, du und wir. Wir sind Freie, wir müssen einander helfen, waren das nicht deine Worte? Sie lächelte dankbar. So ungefähr. Gemeinsam starrten sie zur Spitze des Handelsturms, als könnte ihr kombinierter Blick allein sein Mauern durchdringen. Was hoffst du dort oben zu finden? Ihr hübsches Gesicht nahm einen strengen Ausdruck an. Antworten. Einen der höheren Lakaien von SYSTEM, Hinweise auf einen von ihnen, SYSTEM selbst oder einfach nur irgendwas Ungewöhnliches. Die Gilde der Händler besitzt große Macht in Exturion. Ich mache mir Sorgen, worauf sie diese Macht gründet. Er grinste, erhob sich und zog sie mit sich Dann sollten wir keine Zeit mehr verlieren. Gehen wir zurück zur Herberge und entwerfen einen Schlachtplan zusammen mit den anderen. Sie lächelte und nickte erfreut, die Wangen leicht gerötet. Ja, gehen wir!

In dieser Sekunde griff sie der Wolf an.

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