Händlerin
© Listior
Was hast Du denn gegen Bernds Rustikales Landfrühstück? Wolçar ut Besço stolperte hinter Tasha her, die ihn an seinem Arm unerbittlich mit sich zog. Das Schrotbrot und der Hüttenkäse sahen wirklich verlockend aus… Tasha warf dem Hüter einen missbilligenden Blick zu und zerrte ihn nur umso fester hinter sich her. Du wirst kulinarisch schon auf Deine Kosten kommen, Wolçar. Der Hüter war dem Vorschlag der ehemaligen Behüterin, gemeinsam frühstücken zu gehen, nicht abgeneigt gewesen. Einerseits fand er sie als Person interessant, andererseits faszinierte ihn ihre besondere Kraft und er hoffte, mehr über die Behüter zu erfahren, zu denen sie und Bücherwurm gehörten und von denen er sich Erkenntnisse über die Natur der macht erhoffte, die Exturion kontrollierte.
Es war früher Morgen. Ein laues Lüftchen schlenderte über die Stadt und machte es sich dabei im hellblau strahlenden Himmel so bequem wie irgend möglich. Wolken wie Schwanenfedern trieben auf dem Lüftchen dahin und erweckten allgemein einen erfrischenden Eindruck entnervender Harmonie. Das wenige Stunden zuvor ein Kampf über Leben und Tod stattgefunden hatte, eine übermächtige Magierin durch einen unverständlichen Trick Tashas zur Flucht bewogen und damit den Gefährten ein düsteres Schicksal erspart worden war, dass sogar einer der mächtigen GMs vernichtet wurde…niemand hätte in diesem Postkartenidyll jemals dergleichen vermutet. Tasha zerrte Wolçar an einer Reihe fröhlicher Häuser vorbei. Die Straßen wimmelten bereits vor Helden, Durchreisenden, Bürgern und Händlern. Noch immer standen die Bäume der Stadt in vollem Grün, was Tasha durchaus verwunderte. Auf der Ebene war unleugbar der Herbst eingezogen doch in der Stadt Last schien immerwährender Frühling zu herrschen.
Noch so eine Sache, die ihm auffallen sollte. Er schein durchaus ein intelligenter Mann zu sein aber sehr offen für seine Umgebung ist er wirklich nicht. Nun, vielleicht muß ein sogenannter Hüter sich ja nicht nur von inneren, sondern auch vor starken äußeren Eindrücken schützen. Dafür kämpft er dann schon recht beachtlich. An einer Hauswand lehnte ein älterer Herr. Ein Strohhut hing ihm tief ins Gesicht und die Lumpen, die er trug, wirkten nicht ganz so authentisch, wie er es sich gewünscht hätte. Als die angebliche Händlerin und der selbsternannte Hüter die Straße entlangwetzten, lüftete ArgRIB seine Hutkrempe leicht und starrte den beiden interessiert nach. Ein gewisses Amusement lag in seinem Blick. Kein Tracing möglich, keine IP zu ermitteln. Keine NPCs, denn ihr Verhalten wird eindeutig nicht durch ein Script bestimmt. Wer hat ein Interesse daran, solche Wesen in so einem Spiel zu erschaffen? Sie werden augenscheinlich nicht von Spielern gelenkt. Welch außergewöhnliche KI muß hinter solch komplexen Wesen stecken? Es scheint mir ähnlich wie bei LeCobra. Was treibt diese Figuren an?
Das Mysterium dieser davonhechtenden Charaktere fesselte den Hacker. Er war seit langem ein Spieler, einer der besten und es gab nur wenige, die es mit ihm aufnehmen konnten, soweit es den Quellcode dieses Spiels und seine Manipulation betraf. Entweder ist hier jemand am Werk, der noch besser ist als ich – unglaublich genug – oder aber es ist etwas viel Größeres, Bedeutsameres als ein kleiner Streich, eine kleine Manipulation, ein kleiner Hack. Kritisch betrachtete der Hacker sein Spiegelbild in einem Fenster des Hauses, an das er sich lehnte. Die Skin sagte ihm zu; sicherlich wirkte er unverdächtig und bestenfalls ein wenig nachlässig designt. Für die unfähigen GMs wäre diese Tarnung allemal ausreichend. Trotzdem gab es durchaus noch andere Identitäten, die er annehmen konnte. Er konnte in diesem Spiel alles und jeder sein und niemals würde ihm jemand auf die Schliche kommen. Es schien ihm die Sache wert, diese seltsamen Figuren, mit denen sein alter Freund LeCobra sich eingelassen hatte, im Auge zu behalten. Es mochte zu einigen faszinierenden Erkenntnissen kommen. Und er würde zum ersten Mal seit langer Zeit wieder alle Register seiner Kunst ziehen können, was ihm lange Zeit nur als verheerende Energieverschwendung vorgekommen war. Es schimmerte kurz und statt des alten Mannes lehnte ein kleines Mädchen an der Hauswand. ArgRIB stieß sich ab und folgte munter hüpfend, wie man es von einen Kind in diesem entnervenden Idyll wohl erwartete, gemächlich hinter Wolçar und Tasha her. Zwei Schatten hatten ihrerseits beschlossen, IHN im Auge zu behalten. Einer davon knurrte grimmig, bevor er die Verfolgung aufnahm.
Tasha stoppte vor einem gemütlich wirkenden Häuschen leicht exotischer Aufmachung. Wolçar pralle unsanft gegen sie und brummte etwas Unverständliches. Verständlicher wurden sein Bemerkungen, als er die hübsche Schrift im Panoramafenster des Ladens las, zu dem Tasha ihn geführt hatte. “Regans Küchen Ezantohs – Exotische Speisen“? Wolçar bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen. Es gelang ihm zum Teil. Kivos hat mir einen anderen Laden empfohlen: „BOTIGG’s“ in der „Straße aromatischer Verführung“ beim Hafen. Angeblich serviert der Bursche gewürzte Rührkartoffeln, für die man sterben würde. Können wir nicht vielleicht dort hingehen? Tasha seufzte. Anhand von Kartoffeln ist es mir leider unmöglich, Dir vorzuführen, weswegen wir hergekommen sind. Wolçar gelang es, einen Teil seines Appetites aus seinem Bewusstsein zu verbannen. Er hatte durchaus angenommen, dass die hübsche Behüterin ihn nicht zu einem Rendezvous bitten wollte. Trotzdem war die rein sachliche Natur dieses Ausfluges doch ein wenig enttäuschend für den Hüter. Du bist nicht zum Spaß hier, Wolçar ut Besço! ermahnte er sich selbst. Dann betraten sie das Restaurant.
Dem exotischen Eindruck, den Fensterreklame und Fassade der Gaststätte erweckten, wurde das Interieur nur sehr bedingt gerecht. Wolçar hatte den Eindruck, sich in einer ganz gewöhnlichen Taverne zu befinden, deren Wirt das eine oder andere Item, das ihm fremdländisch vorkam, an die Wände genagelt hatte. Unter anderem starrte die zwei Gefährten eine Theatermaske an, die jemand mit Lederfransen und schrillen Farben verunstaltet hatte. Ein Wächterspeer stand herum, an die man willkürlich und uninspiriert einige Federn gebunden hatte. Einige Schwerter hingen von den Wänden, in die der Künstler tiefe Kerben geschlagen hatte, damit sie leicht gebogen einem Unwissenden wie groteske barbarische Zahnsäbel anmuteten. Tasha weigerte sich vehement, unter dem Trophäenkopf eines kränklich aussehenden bedauernswerten Ponys Platz zu nehmen, der weißrosa gestrichen und mit einer bemalten Holzspitze versehen worden war. Wolçar gestand ein, dass es ihm durchaus auch lieber war, nicht unter dem vermeintlichen Einhorn zu speisen; es weckte allgemein den Verdacht, es könnte früher oder später rosafarbene Tränen auf ihre Teller vergießen.
Mit einigem Argwohn studierten die zwei Gefährten die ihnen vorliegenden Speisekarten, nachdem sie die exotischen Schnitzereien der Tische wohlwollend als grundsätzlich gelungen beurteilt hatten. Wolçar stellte fest, dass dieser Ort in seinem ganzen liebevollen Dilettantismus durchaus eine Reise wert war und die Genüsse, die die mit eindeutig sehr ausländischen Mustern geschmückte Speisekarte verhieß, wirkten durchaus auch vielversprechend. Tasha lächelte erheitert, schüttelte aber den Kopf. Auch das ist es nicht, was ich Dir zeigen möchte. SEAN! rief sie Nummer zwölf für meinen Freund und mich! Der rothaarige, stämmige Wirt zwinkerte Tasha zu und deutete mit zu Pistolen stilisierten Händen auf seine zwei Gäste, während er ein grässliches Schnalzen ertönen ließ. Dann schlurfte er in die Küche. Wolçar schaute Tasha mit einem mitleiderregenden Ausdruck auf dem Gesicht an, der sie zu einem Kichern verleitete. Warum darf ich mir denn nicht selbst etwas aussuchen? Sie klopfte ihm munter auf die Hand. Weil es dieses Gericht ist, das ich Dir vorführen möchte. Erschütternd schnell stieß ihre Rechte neben seinen auf dem Tisch ruhenden Arm und ergriff flink seine Speisekarte, um sie hinter sich auf eine hölzerne Ablage an der Sitzbank zu befördern. Wolçar stützte sein Gesicht auf den Ellbogen und starrte sehnsüchtig auf die Karten. Offenbar war Tasha fest entschlossen, ihn zu überraschen.
Während sie beide auf das Essen warteten, wanderten Ihre Augen kritisch durch den Raum, wobei ihre Zungen nicht müde wurden, das, was sie sahen, mit gnadenloser Kritik zu versehen. Doch irgendwann hatten sie jedes angebliche Kuriosum des Gastraumes aus mehreren Richtungen bösartig verrissen und Wolçar fand, dass es Zeit wurde, die wirklich drängenden Fragen zu stellen. Du kennst Bücherwurm von den Behütern? Tasha seufzte. Können wir nicht weiter über die schrecklichen Wanddekorationen reden? Meine Zeit mit Mkerus bei den Behütern gehört wohl zu den unerfreulichsten Episoden meines Lebens. Wolçar gestattete sich ein Grinsen Niemand erwartet, dass du dich dabei amüsierst, meine Liebe. Tasha schleuderte ihrem Begleiter einen unfreundlichen Blick entgegen, nippte dann etwas zu lang an ihrem Wein, seufzte und hub an, zu sprechen.
Wenn…ich dir erzähle, wie ich und Mkerus einander kennengelernt haben, musst Du mir im Gegenzug versprechen, mich bei einem Vorhaben zu unterstützen, dass ich schon sehr lange plane. Tatsächlich ist diese kleine Plan von mir der Grund, wieso ich seit Wochen im stillosen Wildlederlook einer Händlerin herumlaufe. Wolçar wollte anmerken, dass ihm Wildleder am Körper einer schönen Frau durchaus gefiel aber er riß sich zusammen und hakte seinerseits nach.
Handelt es sich um eine illegale Aktivität? Tasha nickte mit einem grimmigen Lächeln Oja. Wolçar runzelte die Stirn. Wird es gefährlich sein? Tasha grübelte. Nun, sicherlich wird es einige Wachen zu überwinden geben. Wie es im Inneren des Gebäudes aussieht, ist mir leider vollkommen unbekannt. – Aha, wir sollen also in ein Gebäude eindringen. Und wird uns das in irgendeiner Form unserem Ziel näher bringen, das Geheimnis hinter dem Geist zu lüften, der die Kontrolle über das Leben in Exturion hat? Sie schenkte ihm ein verführerisches Lächeln Das garantiere ich dir, Wolçar. Er grübelte einen Moment. Dann seufzte er auf. Na schön, ich kann ebenso gut Deinem Ansatz folgen anstatt blindlings nach Hope zu laufen und dort die Hilfe eines fremden Behüters zu suchen. Tashas Gesichtsausdruck wurde ernst. Die Behüter werden uns nicht helfen, Wolçar. Sie haben kein Interesse mehr an Wahrheitsfindung und Befreiung der Helden. Sie versuchen nur noch in der Welt zurechtzukommen. Und vielleicht dann und wann wenigstens so weit Einfluß zu nehmen, dass die Helden nicht zu sehr zu leiden haben. Meistens bedeutet das jedoch nur, dass sie ihre Erinnerungen löschen. Oder sie einfach für immer von ihrer Qual befreien und sie…töten.
Ich war jung, als ich bei den Behütern aufgenommen wurde. Mkerus war damals schon uralt, wie man sagt. Bei den Behütern sprach man nicht einfach so vor und bewirbt sich um einen Posten wie bei den Wächtern oder sogar den GMs, wie ich gehört habe. Die Behüter wählen Dich aus. Sie streifen durch die Lande und sie suchen nach Heldinnen und Helden, die sie in ihren hochgeschätzten Orden aufnehmen können. Sie nahm einen weiteren Schluck von ihrem Wein und sah ebenso ungeduldig wie hoffnungsvoll zur in die Küche führenden Schwingtür. Doch so sehr sie auch starrte, die Tür weigerte sich, sich zu bewegen. Also beruhigte sie ihre Nerven mit einem weiteren Schluck des süffigen Weines, den Sean ihnen kredenzt hatte, und wandte sich wieder an Wolçar, der sie geduldig angesehen und seinerseits einen Zug aus seinem Kelch genommen hatte. Er mochte diesen Wein nicht sonderlich; übersüßen Rebensaft hatte er noch nie sonderlich geschätzt. Aber die Erwartung einer Enthüllung über die vor ihm sitzende Frau und Auskünfte und Informationen über die Behüter von Exturion würden ihn selbst das scheußliche Essen, das sie für sie beide ausgesucht haben dürfte, genießen lassen.
Und du WURDEST ausgewählt? Sie nickte. Als ich 13 war. Die Behüter streifen in Heuerzügen durchs Land, beobachten potentielle Kandidaten. Sobald diese die Gabe entwickeln, lassen die Behüter ihnen eine verführerische Wahl: Sie sorgen dafür, dass du die Gabe restlos verlernst und dich nicht mehr daran erinnerst, wie man sie anwendet ODER du musst dich ihrem Orden anschließen und ihre Ausbildung über dich ergehen lassen. Dafür lassen sie dich die Macht behalten. Wie es bei uns die Magier tun grübelte Wolçar. Aber… Die Macht? Tasha sah sich um und vollführte erneut die Gesten, die sie in dem Herrenhaus ausgeführt hatte, als sie Marge Raei und Äl-Rond bekämpften. Das schimmernde Feld manifestierte sich erneut unter ihren Fingern. Sie vollzog darauf einige Bewegungen und das vermeintliche Einhorn tropfte nicht länger rosa, sondern weiß. Ah. Also kommen einige von Euch mit der Begabung, diesen Code manipulieren zu können, auf die Welt? Tasha schüttelte den Kopf. Die meisten von uns sehen ihn nur. Wir schließen die Augen, blinzeln und plötzlich ist die ganze Welt um uns herum nur noch ein Gewirr für uns unverständlicher Zeichen. Viele ertragen diesen Anblick nicht und verfallen dem Wahnsinn, denn nur wenige können den Blick ohne Training kontrollieren. Sehr, sehr wenige lernen, den Anblick zu ertragen und durch stetiges Ausprobieren bewirken sie das eine oder das andere. Doch diese Fertigkeit ist gefährlich. Der Code ist der Grundpfeiler der Welt. Wenn man ihn manipuliert, fügt man ihr vielleicht irreparablen Schaden zu. Deswegen streifen die Behüter umher um den Talentierten – oder auch den Verfluchten – entweder beizubringen, wie sie mit dieser besonderen Fertigkeit umgehen oder aber sie sie vollkommen vergessen zu lassen.
Wolçar sah sein Gegenüber beunruhigt an. Diese Macht besitzen sie? Tasha nickte. Das gehört zu den wenigen Dingen im Code, die jeder Behüter erkennen, isolieren und beseitigen kann. Viel mehr vermögen wir nicht. Der Hüter erinnerte sich an die Geschehnisse der vergangenen Nacht. Du scheinst die große Ausnahme zu sein. Tasha zuckte die Schultern und senkte den Blick auf ihre langen, schlanken Finger. Nun, ich habe immer sehr viel trainiert… Du willst es verbergen aber ich sehe, dass dein besonderes Talent dir Angst macht. Dabei mag es für diese Welt ein Segen sein, dass Du selbst einem Wesen wie dieser finsteren Lady auf die Sprünge helfen kannst. überlegte der Einarmige, während er einen weiteren Schluck des abscheulichen Weines nahm. Wie ist es mit Bücherwurm? Kann er auch den Code manipulieren? Tasha sah wieder auf. Verhaltender Zorn glänzte in ihren Augen. Er kann ihn sehen, er kann ungeheuer viel darin lesen aber ich habe niemals gesehen, dass er selbst Code manipuliert hat. Das durfte ICH stets für ihn machen. Ich glaube nicht, dass er die Fähigkeit dazu hat. Vielleicht wollte er es nie erlernen. Es gibt allerdings viele Hirten, die nie in der Lage waren, den Code auch zu manipulieren. Die Behüter suchen fieberhaft nach Manipulatoren, weil sie ansonsten nur über die GMs Änderungen veranlassen können. Oder, indem sie SYSTEM direkt anflehen, ihnen zu helfen. Deshalb nahm ich immer einen Sonderstatus bei den Behütern ein. Neben mir gab es vielleicht zwei oder drei Ordensgeschwister mit den gleichen umfangreichen Fähigkeiten. Mkerus war mein Mentor, mein Tutor. Er wurde mir als Anweiser zugeteilt. Ich war sehr stolz, denn unter den Hirten genoß Mkerus einen legendären Ruf und als der größte Gelehrte der weisen Gnomen, Bücherwurm, war er bereits ein Mythos und jedermann bekannt. Und beliebt und gesucht von jedermann.
Bücherwurm wurde dein Meister. Tasha rieb sich die Schläfen. Nicht wirklich ein Meister, denn ein Meister muß das Handwerk, das er dem Lehrling beibringen möchte, selbst beherrschen. Mkerus selbst hatte die theoretischen Kenntnisse. Vielleicht mehr als jeder andere im Orden wusste er die Zeichen zu deuten. Aber er selbst hatte nie die Macht, sie zu verändern. Bzw. hat er niemals von dieser Macht Gebrauch gemacht, sollte er sie doch besitzen. Ich denke nicht, dass er es kann.
Jedenfalls wurde er mein Anweiser. Er lehrte mich die Zeichen des Codes zu lesen und zu verstehen und er brachte mir bei, was nach dem Ethos der Hirten verändert werden durfte und sollte und was nicht. Unser Kodex ist streng und sehr umfangreich. Doch zum Lehrplan der Anweiser hat niemals die Erforschung des Ursprungs gehört. Sie glaubten, der Code sei der Atem von SYSTEM und es sei uns nur in bedingtem Maße bestimmt, ihn zu verstehen und in noch geringerem Maße dürften wir ihn verändern, denn dadurch würden wir SYSTEM verärgern – oder gar die Welt aus den Fugen reißen.
Mkerus und ich waren jedoch stets anderer Meinung gewesen. Wir waren der Ansicht, dass wir die uns offenbarte Macht nutzen sollten, um den Code so zu verändern, dass die Helden Exturions vom unheiligen Einfluß SYSTEMs befreit werden sollten. Wir führten oft akademische Debatten darüber mit den anderen Behütern, doch unsere Auffassung gewann nie viele Freunde. Man ließ uns gewähren, hielt uns für Spinner, für Verrückte und wenn es nach dem Hohen Rat gegangen wäre, hätte man mir wohl einen anderen Anweiser zugeteilt, der mehr auf der Linie des Ordens wandelte als Mkerus. Solche Anwandlungen wusste jedoch der Oberhirte Windom stets im Keim zu ersticken. Er vertraute Mkerus, es war sein konkreter Wunsch, dass der Bücherwurm mich unterwies in den Wegen der Behüter und er legte stets großen Wert auf Mkerus Meinung, wie ich ausgebildet werden sollte. Deshalb gab er ihm – bzw. uns – auch stets freie Hand für Mkerus Experimente. Und der Orden ließ uns gewähren, denn Windoms Wort bedeutete viel unter den Hirten.
Tasha pausierte, hob die Hand und ließ sie kurz vor Wolçars Gesicht schweben. Du hast keinen Code. Ich kann ihn nicht öffnen, ich kann ihn nicht sehen. Du stammst wirklich aus einer fremden Welt, nicht wahr? Wolçar entging nicht, dass Tasha die Unterhaltung schwerer und schwerer fiel. Er war begierig auf weitere Informationen über die Behüter, oder die Hirten, wie Tasha sie immer wieder nannte – passte dieser Begriff nicht viel besser? Die Behüter sind keine Hüter wie ich einer bin. Sie hüten ihre Schäfchen, wie es ein Hirte machen würde: Sie sorgen dafür, dass sie nicht weglaufen und sich verstecken. Bzw. von einem Wolf gerissen werden. Er legte die Hand ans Kinn und kratzte sich den Bart Deine Geschichte erinnert mich an meine aus meiner Welt. In meiner Welt waren lange Zeit die Druiden die Führer der Welt. Sie kümmerten sich um den Ausbau, nachdem das Große Feuer der altvorderen Zeit alles vernichtet hatte, unsere Vorfahren wieder an die Erdoberfläche krabbelten und erstmals die wiedergeborene Welt der Adyniél betraten. Es ist ihnen zu verdanken, dass die Welt Pangeia nun in vielerlei Aspekten so paradiesisch ist.
Die Druiden waren die ersten, die die Magie entdeckten und die als erste Möglichkeiten fanden, sie sich nutzbar zu machen. Doch die Druiden glauben, ebenso wenig wie die Behüter, daran, dass man die Welt verändern sollte. Wenn, dann nur in winzigen, kleinen Dingen. Auch die Druiden haben einen Kodex: „Wir sind Beobachter, nicht Lenker.“ Eine Druidin namens Mériche und ihre Gefährten empfanden diese Einstellung als feige und unverantwortlich. Sie verließen den Orden und gründeten ihr eigenes Konzil, wo sie Keimzelle und Weggefährten vieler der großen Magierorden in meiner Welt wurden. Die traditionellen Druiden brandmarkten sie als Schatten- oder gar Dunkeldruiden, misstrauten Ihnen und rieten auch allen anderen ab, sich mit ihnen zu verbrüdern. Erst die erste Versammlung der Splendori, der erwählten Magier und Magiewirker, sorgte dafür, dass die gespaltenen Brüder und Schwestern wieder aufeinander zukamen, wobei die Drachenkriege, der Krieg der Rassen und die Kämpfe von Licht und Dunkel die Versammlung als solche vernichteten und die Druidenorden wieder auseinanderdrifteten. Meinem Freund Julius Neman und seiner Kollegin bei den andere Druiden, Taheira Lórion, ist es zu verdanken, dass in der neuen Versammlung die Bruderschaften der Druiden stets zusammenstehen, wenn es darauf ankommt.
Du stammst aus einer freien Welt, Wolçar ut Besço. Ich verstehe sehr gut, dass es dich drängt, dorthin zurückzukehren. Ich würde sie selbst gern eines Tages besuchen, wenn ich kann. Bei uns jedenfalls war eine Abspaltung absolut undenkbar. Eine Abkehr vom Kodex der Hirten hätte eine Abkehr von SYSTEM bedeutet. Doch neben den GMs war und ist SYSTEM allein der einzige, der uns Macht und Einfluß über unsere Welt verleiht. Zuwenige tragen die Macht in sich selbst, so wie ich. Die GMs haben SYSTEM Treue geschworen, soweit wir wissen gibt es keine Abweichler und wenn es welche gäbe, wozu bräuchten sie uns? Letztendlich entscheiden sich die meisten Menschen für die Macht, wenn sie einmal an ihr geschleckt haben, selbst, wenn sie sie nur mittelbar über Dritte ausüben können und ansonsten viel Gerede machen. Alles, was die Behüter waren und sind, verdanken sie dem Einfluß von SYSTEM, dem sie ergeben sind und den sie niemals in Frage stellen würden – abgesehen von Mkerus, mir und Windom. Es gab andere, doch sie gewannen nie genügend Einfluß, um stark zu werden. Und selbst, wenn wir stark genug geworden wären, den Orden umzukrempeln, hätte sich niemals ein GM gefunden, der uns unterstützt hätte. Es gab stets nur wenige, die den Mut aufbrachten, ohnmächtig unserer Wirren Bestimmung entgegenzutreten. Die Masse fand und findet sich mit den herrschenden Zuständen ab und arrangiert sich mit dieser Welt, die von SYSTEM regiert wird. Wir sind ziemlich sicher, dass die Macht hinter allem er ist. Er ist vermutlich nicht allein, denn welches Individuum besäße genügend Kraft, eine ganze Welt nach seinem Bild zu formen? Aber er ist sicherlich einer der Drahtzieher. Unsere Aufgabe sahen wir darin, die anderen ausfindig zu machen, sie zu überzeugen oder – wenn notwendig – zu beseitigen. Und uns solange ihren Einflüsterungen zu entziehen.
Wolçar schaute Tasha gespannt an, während sie erneut ihre trockene Kehle befeuchtete. Wer oder was ist SYSTEM? Ich habe schon viele seinen Namen aussprechen hören. Was für ein Mensch ist er? Wo können wir ihn finden? Tasha schauderte. Die Freien und die widerständischen Hirten konnten noch nie eine Antwort auf diese Frage geben. Tatsächlich sind die meisten davon überzeugt, dass SYSTEM überhaupt kein menschliches Wesen ist, sondern ein Geist, eine Energie. Ein Gott. Etwas unfassbares, etwas ungreifbares. Wir haben keine Ahnung, wer oder was er ist, geschweigedenn wo er residiert. Nur die GMs sind greifbar, als seine mit Macht ausgestatteten Schergen. Und unsere Ordensgeschwister sind sein Instrument, die sich seiner Macht bedienen, während in Wirklichkeit er sich doch immer nur ihrer bedient hat. Das war der Auftrag, den Mkerus von Windom bekommen hatte: „Finde einen Weg, uns von dem Einfluß SYSTEMs freizumachen! Finde eine Möglichkeit, unsere Geister von seinem zu befreien, uns von ihm zu befreien!“ Deshalb experimentierte er, deshalb wurde er stets von Windom gedeckt. Und deshalb brauchten sie mich. Ich war die Talentierteste unter den Codebiegern. Die anderen verloren ihre Fähigkeiten oder verschwanden einfach. Ich blieb hart, ich blieb stark. Und ich blieb am Leben. Wir machten beeindruckende Fortschritte wieder nippte sie an ihrem Glas, stellte jedoch fest, dass es bereits leer war, schenkte sich etwas nach und trank alles in einem einzigen Zug aus.
Und diese Fortschritte machten die SYSTEMtreuen nervös. Immer häufiger wurden wir zur Rede gestellt, man unterbrach unsere Experimente, beschattete uns und behielt uns im Auge, wie es nur ging. Doch Windoms Fittiche schützten uns weiterhin vor direkter Anfeindung. Trotzdem wurden die Belästigungen und das Misstrauen der anderen immer unterträglicher. Sie begannen, jedes wichtige unserer Experimente zu stören, sie versuchten, mit Hilfe von GMs Einfluß auf mich zu nehmen, einmal versuchte ein GM sogar, mich umzuschreiben! Es misslang ihm und ihm widerfuhr üble Bestrafung durch Windom. Ungefähr zu dieser Zeit hatte Mkerus eine, wie er fand, todsichere Methode entwickelt, sich vor dem Einfluß SYSTEMs und seiner Häscher komplett abzuschotten. In jener verhängnisvollen Nacht verbarrikadierten wir uns in Windoms geheimem Labor. Ich habe keine Ahnung, wie Mkerus sich in den Besitz dieser Abartigkeiten gebracht hatte, doch er präsentierte mir damals die Essenzen zweier schrecklicher Geister, einem Wesen des Chaos und einem Wesen der Ordnung. In dieser Nacht wollte er seinen Geist mit den Seelen dieser beiden Kreaturen verbinden. Er selbst wollte als Mittler zwischen Ordnung und Chaos in seinem Bewusstsein fungieren. Dadurch sollte es SYSTEM unmöglich werden, jemals wieder auf seinen Geist zugreifen zu können, denn die beiden Seelen der widerstrebenden Strömungen würden seinen Geist vor Fremdeingriffen zu schützen wissen, während sie um die Vorherrschaft in ihm kämpften. Ich weigerte mich, diesen Eingriff an meinem Mentor vorzunehmen, doch Mkerus drängte darauf, dass uns die Zeit davonliefe, dass er jemanden getroffen hatte, der die Macht besaß, uns und alle Helden Exturions von der Knechtschaft zu befreien, dass er der Agent dieser Person sein würde und dass er deswegen um jeden Preis mit diesen beiden Geistern verschmelzen musste. Ich sagte ihm, dass wir lange genug gewartet hatten und dass es uns nicht allzuschwer fallen sollte, noch etwas länger zu warten, bis wir eine sichere Methode der Verschmelzung gefunden, bis ich mehr Erfahrung gesammelt hatte, doch Mkerus beharrte darauf, dass diese Nacht unsere allerletzte Chance bleiben würde, die allerletzte Nacht, in der Windom uns schützen konnte. Ich war schockiert aber er gebot mir, einen kühlen Kopf zu behalten und den Eingriff vorzunehmen, wenn ich ihm jemals vertraut, wenn ich ihn jemals als meinen Mentor geliebt hatte. Ich verweigerte mich weiterhin, wollte wissen, was mit Windom wäre, ob er in Gefahr wäre und wir ihn nicht lieber beschützen sollten, doch Mkerus war unerbittlich, drohte, bettelte, flehte, sagte mir, dass Windom in Ordnung wäre, seine Macht im Orden jedoch sichtlich schwand und er nicht mehr lange unser Beschützer sein konnte.
Ich wurde unglaublich wütend. All die Jahre seit ich 14 war hatte Mkerus mich benutzt, hatte mittels meiner Fähigkeiten die Welt und ihre Bewohner verändert, hatte mich seine Art zu denken und zu handeln gelehrt, hatte mich manipuliert, betrogen, belogen, mir Dinge vorgespiegelt, Anweisungen gegeben und nun war er wieder drauf und dran. Ich stellte ihn zu Rede, erklärte ihm, dass er zuvor etwas ganz anderes gesagt hatte, dass er sich offenbar vollkommen sicher gewesen war, dass Windom uns nur noch diese Nacht und nicht bloß in irgendeiner mehr oder weniger nahen Zukunft nicht mehr beschützen konnte und drängte ihn, mir dieses eine Mal die Wahrheit zu sagen oder ich würde gehen und niemals mehr wiederkommen. Ich dachte, diese Worte würden ihn verärgern, stattdessen wurde er traurig, Tränen standen in seinen Augen. Er sorgte sich um mich! Er brachte unter Tränen hervor, dass sie mich finden würden, dass mich niemand mehr beschützen könne, wenn ich ihn jetzt verließe, dass ich sterben würde oder in den Zyklus des schleichenden Todes gezwungen, wie die Helden und dass alles verloren wäre, wenn ich verloren ging. Am Ende…hatte er mir noch immer nicht die Wahrheit gesagt aber ich war bereit und willens, den Eingriff vorzunehmen. Es dauerte fast die ganze Nacht, den Code der Essenzen der Geister in den meines Mentors zu übertragen. Am Ende…nun, ich weiß nicht, ob mir bei der Prozedur ein Fehler unterlief oder ob Mkerus Methode von vornherein nicht ausgereift war aber es ging schief. Mkerus erwachte in Agonie, unter schweren Schmerzen. Er drehte und wandte sich auf der Bahre, wo wir den Eingriff vorgenommen hatten, er schrie und tobte, warf sich hin und her, brüllte, sprach mit sich selbst in verschiedenen Stimmen und unverständlichen Sprachen, seine Augen glühten, nein, sie brannten! „Lauf weg, Tasha!“, das war das einzige, was ich verstehen konnte von dem, was er sagte. Aber ich war geschockt. Was hatte ich ihm nur angetan? Hatte der Kodex der Hirten am Ende doch Recht gehabt? Konnte das Spielen mit dem Code nur Schmerz, Leid und Vernichtung zur Folge haben?
Ich stürmte aus dem Labor, um Hilfe zu suchen. Doch die Festung der Behüter von Hope war wie ausgestorben. Es gab allerdings kaum jemanden, dem ich hätte vertrauen können. Die Leere der Gänge verunsicherte mich nicht, denn ich hatte nur einen Gedanken: Ich musste Windom finden. Er würde helfen können, da war ich sicher. Ich war ein neunzehnjähriges Mädchen und seit meinem vierzehnten Lebensjahr waren die einzigen Menschen, denen ich wirklich vertraute, Mkerus und Windom gewesen. Mir wäre niemals eingefallen, mich an jemand anderen zu wenden. Da WAR keiner. Beide hatten mir sorgfältig eingebleut, dass ich niemandem trauen konnte. Nicht mit meiner einzigartigen Macht, nicht mit dieser Gabe, diesem Fluch, der meinen Mentor, meinen Lehrer, Meinen Ersatzvater, meinen Freund so zugerichtet hatte. Ich rannte zu Windoms Kammer, fand sie jedoch verschlossen vor. Ohne groß zu überlegen manipulierte ich den Code, um das Schloß zu öffnen. Der Raum lag im Finstern. Nur direkt im Zentrum fanden sich einige Kerzen. Windom war auch dort. Er kniete, jämmerlich zusammengekrümmt, auf dem Boden. Er bebte und zitterte als sei er von einem Krampf befallen. Ich wollte sofort zu ihm hin und ihm helfen doch da bemerkte ich, dass er nicht allein war. Fünf weitere Leute leisteten ihm Gesellschaft. Zwei waren Ordensbrüder, Traditionalisten und der eine von ihnen sehnte sich schon lange danach, Windoms Platz einzunehmen, wie wir alle nur zu gut wussten. Weiter waren eine Frau und ein Mann bei ihm; offensichtlich KI-Kreaturen, wie mir ihr wilder, unlogischer Code verriet. Doch da war noch etwas anderes in ihnen, ein lenkender Geist, eine Macht, lebendig und unheimlich, wie ein Blitz zuckend wand es sich durch ihr Bewusstsein wie eine gefesselte Schlange. Es waren KI-Lords, wie ich heute weiß, Wesen, wie die Hexe Ylse, der ihr begegnet seid, gefährlich und mächtig und SYSTEM treu ergeben. Der letzte Anwesende war ein GM. Ein gefährlicher, strenger Mann, das war leicht zu erkennen. GMs haben einen Code, doch er scheint nur ihre Erscheinung zu regeln, nicht ihre Existenz oder ihren Charakter. Sie alle hatten sich jedenfalls nur aus einem einzigen Grund hier versammelt: Sie wollten Windom töten.
Erneut schenkte sich Tasha nach. Der Rest des Weins aus der Flasche gluckerte in ihr Glas und wie eine Ertrinkende griff sie danach, führte es an die dunkelroten, wohlgeformten Lippen und trank gierig, fast verzweifelt. Wolçar bedauerte inzwischen, dass er sie dermaßen gedrängt hatte, ihre Geschichte zu erzählen. Waren sie nicht ursprünglich zum Essen gekommen? Stattdessen hockte er nun hier in dieser grotesken Taverne und zwang eine junge Frau, die ihm in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft sehr sympathisch geworden war, die vermutlich schlimmste Erinnerung ihres Lebens für ihn wiederzukäuen. Er verfluchte sich dafür, dass er so ungeduldig war, dass er nicht einfach ihre Hand nahm, ihr sagte, dass es gut sei und dass sie ihm den Rest auch später erzählen konnte. Ich bin so ein Mistkerl…! Unvermittelt wanderte sein Blick zur Flügeltür zur Küche. Wenn sie doch nur endlich aufschwänge! Aber sie blieb geschlossen. Vermutlich musste Sean das Essen erst noch fremdartig arrangieren oder irgendwo einen Geier fangen und ihn zu einem Chimärenbraten ummodeln. Vielleicht war auch die Herde des armen Ponys gekommen und hatte verdientermaßen die Küche niedergerannt. Es wäre nur fair, wenn unter den Tieren auch das eine oder andere Einhorn gewesen wäre. Wolçar starrte auf die Flügeltüren in der Hoffnung, seine Hütersinne konnten erkennen, was sich dahinter abspielte. Stattdessen räusperte sich Tasha. Sofort rasten seine Augen zu ihr zurück. Verdammt soll ich sein! schalt er sich. Doch es schien, dass Tasha sich gefasst hatte und nun auch den Rest noch erzählen wollte.
Ich sagte, dass sie gekommen waren, um Windom umzubringen, ihn zu beseitigen. Aber diese Absicht erkannte ich beim besten Willen nicht. Ich erkannte nur, dass sie ihm offenbar furchtbare Schmerzen bereiteten – und, dass ihnen das Spaß machte. „Das System braucht keine Störfaktoren wie dich, NPC Windom. Du bedrohst diese Welt und du bedrohst unser Spiel. Wir sind geschickt worden, um dich zu löschen.“ Hinter dem GM kicherten die KI-Lords. Die Ordensbrüder verstanden die Worte, die der GM benutzte, offenbar ebenso wenig wie ich und sie waren davon beunruhigt aber trotzdem war es klar, dass sie sich nicht einmischen würden. Stattdessen wichen sie von Windom zurück, immer weiter und weiter, und versuchten gequält, ihm nicht in die Augen zu sehen. Er widmete seine Aufmerksamkeit aber ohnehin ausschließlich dem GM. „Es ist ohne Bedeutung, was du mit mir tust, GM Lancelot. Und das kannst Du auch SYSTEM ausrichten! Egal, was ihr tut oder lasst, Lancelot: Das Leben findet immer einen Weg!“ Der GM lachte. Dem System bist du gleichgültig, Windom, das kann ich dir versichern. Aber deine Anwesenheit stört das Spiel erheblich, deswegen haben wir entschieden, dass du verschwinden musst. Aber keine Sorge: Du wirst nichts spüren. Ich bezweifle allerdings, dass du in den Annalen des Systems jemals einen Platz haben wirst. NPCs entstehen und verschwinden mit einem Fingerschnipsen, einem Tastendruck und sind vergessen. So wird es dir ergehen. Am Ende wirst du nur ein Datenfragment von vielen sein, bis der Server neu aufgesetzt wird. Dann wirst du nichteinmal das noch sein.“ Ich verstand nicht, was er sagte aber ich hatte keinerlei Zweifel, was meinem Freund widerfahren würde. Schon öfter waren wir Zeuge geworden, wie ein GM jemanden gelöscht hat. Diesen GM hatte ich in dieser Gegend noch nie zuvor gesehen. Er war mir umgehend unheimlich und bis heute kann ich nicht an ihn denken, ohne, dass es mir heiß und kalt wird. Ein großer, grobschlächtiger Kerl mit finsterer Miene, halb verdeckt durch einen gewaltigen schwarzgrauen Helm mit angedeuteten Flügeln an den Seiten. Der kräftige Oberkörper steckte in einer ebenfalls grauschwarzen Rüstung, auf der mittig das GM-Emblem prangte, poliert und glänzend. Als er sein riesiges Schwert auf Windom herunterfahren ließ, während die KIs weiterhin kicherten, was ihn offensichtlich ein wenig irritierte, sprang ich aus meinem Versteck hinter einigen Vorhängen an der Tür und stieß Windom beiseite. Ich las im Code des GMs und veränderte ihn, so dass aus dem riesigen Mann in der düsteren Rüstung ein Zwerg mit einer Holzkeule und einem schneeweißen Harnisch wurde. Windom schrie mich noch an, ich solle verschwinden, als schon die KIs über mir waren und mich festhielten.
Der GM war ebenso erstaunt über das, was ich mit ihm angestellt hatte wie meine verräterischen Ordensbrüder. Schreckliche Faszination blitzte in ihren Augen. Trotzdem herrschte ich sie an: „Bücherwurm liegt in Windoms Labor im Sterben! Ein Experiment ist schiefgegangen – ihr müsst ihm helfen, Brüder!“ Bruder West starrte in Abscheu auf mich herab „Was auch immer du mit ihm angestellt hast, kleines Monster, er hat nichts anderes verdient. Je qualvoller, desto besser, das ist meine Meinung. Aber sorg dich nicht, bald wirst du ihm folgen, wohin auch immer er geht, sei es der Himmel oder – wahrscheinlicher – die Hölle. Und nenn uns nicht Brüder. Du gehörst ebenso wenig in den Orden wie Mkerus. Und auch Windom hat sich als Verräter erwiesen; er ist ebenso dem Wahnsinn verfallen wie der Gnom und du. Ihr seid für uns nicht mehr tragbar. Und was Windom angeht…“ Der GM hatte sich inzwischen wieder in seine alte Form zurückverwandelt und richtete sich in der Ecke vom Boden auf, wohin ich Windom in Sicherheit geschleudert hatte. Grimmig zog er sein grässliches Schwert aus dem Körper des ehemaligen Vorsitzenden der Behüter und reinigte es mit seinem schwarzen Umhang, der sich dadurch blutrot färbte. „Selbst, wenn die Kleine und der Gnom verrückt sind, sollten wir dafür sorgen, dass sie dem System nicht mehr in die Quere kommen können, denkt ihr nicht?“ Der zweite Bruder verließ das Gemach Windoms, während West mich weiter zu Boden drückte. Seinem lüsternen Ausdruck war zu entnehmen, dass er durchaus seinen Spaß daran hatte. Kurz darauf kam der andere Bruder zurück und vermeldete, Bücherwurm sei Hals über Kopf verschwunden aber einige Brüder hätten ihn aus der Festung torkeln sehen, unverständliches Zeug brabbelnd, ziellos herumirrend wie ein Betäubter, sich den Schädel haltend und die Augen schrecklich verdrehend. Er sei auf die Klippen am anderen Ende der Zugbrücke zugestolpert und nach langem, schrecklichem Tanz hinuntergestürzt. Das gleiche, regte er an, sollte man auch mit Windoms Leiche und mit mir machen. Doch West und der GM hatten andere Pläne mit mir. Sie wollten hinter das Geheimnis meiner Fähigkeit kommen.
So wurde ich in die Katakomben der Festung verschleppt und GMs und Ordensleute aus Wests Dunstkreis untersuchten mich, versuchten verzweifelt, meinen Code zu knacken und ihm das Geheimnis zu entreißen, dass mich zu einer so guten Formerin machte. Es gelang ihnen nicht aber sie versuchten es lange. Ich war 19, als sie mich aufgriffen, wie gesagt. Sie gaben an dem Tag auf, als ich meinen 22sten Geburtstag beging. Lange Zeit ließen sie mich schlafen, doch manchmal war ich wach und präsent, weil sie glaubten, dadurch eher etwas zu erfahren. Die einzige, die etwas erfuhr, war ich – und zwar ausschließlich Qualen. Ich war ein traumatisiertes Mädchen gewesen, als ich in die Katakomben verschleppt worden war. Als sie ihre Versuche, mich zu brechen, letztendlich aufgaben, war ich eine dem Wahn verfallene Frau. Jedenfalls gingen alle davon aus. Schon vorher hatten sie mich und Mkerus für verrückt gehalten, weil wir die Allmacht SYSTEMS anzugreifen gedachten und gegen die Gebote der Behüter handelten. Aber nun war ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Trotzdem blieb ich noch fast ein weiteres Jahr in der Festung, währenddessen sie versuchten, meinen Code umzuschreiben. GM Lancelot war aus dem Amt gejagt, West war auf unrühmliche Weise des Konziles verbannt und seines Wissens beraubt worden und zog nun wohl seinerseits halb wahnsinnig durch das Land. Der neue GM und der neue Vorsitzende waren von dem, was Windom, Mkerusch und mir angetan worden war zutiefst erschüttert gewesen. Sie ordneten sofort meine Freilassung an unter der Bedingung, dass mir meine Formenden Eigenschaften genommen würden. Da sie glaubten, eine vollkommen Verrückte vor sich zu haben – ich machte mir nicht die Mühe, sie vom Gegenteil zu überzeugen – gingen sie davon aus, dass es ein leichtes sein würde, meinen Code zu verändern und mich ungefährlich zu machen. Ich spielte mit und erlangte schließlich die Freiheit, indem ich den Eindruck erweckte, wirklich keine Formerin mehr zu sein. Doch ich war noch immer die beste von allen und die einzige, die Lebewesen umformen konnte. Meine Fähigkeit hatte mich niemals verlassen. Sie hatte mir nicht bei der Flucht helfen können, denn mein Verstand gehörte oft nicht mehr mir selbst, sondern ich musste ihn teilen und verwendete viel Energie darauf, mein Selbst vor den Eindringlingen von außen zu schützen.
Am Ende bot mir der neue Vorsitzende an, im Konzil zu verweilen und als Studentin von vorn anzufangen aber um nichts in der Welt hätte ich dort bleiben wollen, was ich ihnen auch deutlich und sehr direkt sagte. Zu deutlich vielleicht, denn mir wurde nahegelegt, besser niemals wiederzukommen. Konkret: Ich wurde verbannt. Das gleiche war offensichtlich mit Bücherwurm geschehen, der den Sturz in den Abgrund auf seltsame Weise überlebt und sich nach mir erkundigt hatte. Man hatte ihn als offensichtlich Verrückten des Konziles verwiesen. Nie hatte er auch nur den Anstalt eines Versuchs gemacht, mich zu befreien! Das hat mir sehr, sehr wehgetan und ich glaube nicht, dass ich Mkerus das jemals verzeihen werde. Andererseits jedoch ist es vielleicht nur gerecht, was mir widerfahren ist, angesichts dessen, was ich ihm angetan habe. Sie zuckte mit den Schultern. Wolçar verstand, wieso Bücherwurm nicht gewollt hatte, dass sie wusste, dass er mit ihnen reiste. Vermutlich hätte sie sich geweigert, auch nur in seine Nähe zu kommen oder wäre bei der ersten Gelegenheit weggelaufen. Es ist gut, dass er seine Maske der Unerschütterlichkeit weiterhin trägt…so wird sie hoffentlich bei uns bleiben. Wolçar musste sich eingestehen, dass es ihm ausgesprochen wichtig war, dass Tasha bei ihm blieb. Sie hat so viel von Élisha…aber es ist nicht nur das. Sie…ist eine von uns. Eine Freie, die furchtbares durchmachen musste. Ich werde sie nicht im Stich lassen, wie Mkerus es damals getan hat! Tasha unterbrach Wolçars Überlegungen, als sie weitersprach. Ich machte, dass ich wegkam und versteckte mich künftig vor den GMs und den Behütern. Das fiel mir ausgesprochen leicht, denn durch die vielen Versuche, mich umzuformen, ist meine Seele zerrüttet und beschädigt – ebenso wie mein Körper. Ich kann in jede Rolle schlüpfen, in die ich schlüpfen möchte, kann jeden Code imitieren, den ich kenne und mit dem sie mich angegriffen haben…jedoch zu einem Preis.
Was für ein Preis ist das? erkundigte sich Wolçar mitleidig, denn er wusste, was sie nun sagen würde. Den Preis, niemals zu wissen, wer ich eigentlich wirklich bin. flüsterte sie und drang tief in seinen Blick ein. Er hielt ihren Augen stand und ergriff nun doch sanft ihre Hand und drückte sie leise. Ich glaube sagte er, ihren Blick in sich aufsaugend Du bist genau die, die du sein solltest, Tasha Mari. Einen Moment saßen sie sich so gegenüber, schweigend, einander verstehend, Qualen, Leid und finstere Erinnerungen teilend. Das Aufschwingen der Küchentür riß sie aus ihrer Starre. Sean grinste ebenso anzüglich wie verständnisvoll und trug auf jeder Hand ein großes, abgedecktes Tablett, die er jeweils vor ihnen abstellte. Fachmännisch lüftete er die Hauben, wünsche einen guten Appetit und sagte zu, schnell zwei weitere Flaschen Wein aus dem Keller zu holen. Trockenen Weißwein für Wolçar, eine weitere Flasche des süffigen, dunklen Sirups für Tasha, die so offensichtlich Gefallen an dem Zeug fand. Vor den Gefährten dampften die Tablette energisch und sorgten dadurch für erhöhte Spannung beim Hüter, der durch das infernalische Grinsen Tashas zu seiner anfänglichen Besorgnis bezüglich des Grunds ihres Hierseins zurückfand. Du wirst mir nicht sagen, was es ist, oder? fragte er hoffnungsvoll. Sie lachte auf. Nach ihrer düsteren Geschichte empfand Wolçar es als große Erleichterung, die Heiterkeit in ihrer Stimme zu hören. Du wirst es bald sehen, hab nur Geduld, Wolçar. Bis er den Wein gefunden und chemisch gereinigt hat, möchtest Du den Rest meiner Geschichte hören? Er sah sie eindringlich, warm und mitfühlend an. Willst Du mir den Rest denn erzähelen? Sie fächerte etwas Essensdampf beiseite, doch die Nebelbank über dem Tablett wollte sich trotzdem nicht lüften. Es gibt nicht mehr viel zu erzählen. Eine Weile suchte ich nach Bücherwurm, ich weiß freilich nicht so recht, warum, nachdem er mich so enttäuscht hatte. Es schien mir das richtige zu sein. Doch ich fand ihn nicht, so sehr ich auch suchte und fahndete und schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, dass er nicht gefunden werden wollte.
Inzwischen war ich 24 und die Bewegung der Freien formierte sich seit einiger Zeit. Ihre Sache entsprach meinen Empfindungen, dem, was mich Mkerus gelehrt hatte, und ich schloß mich ihnen an und kämpfte mit ihnen Seite an Seite in der Schlacht um unser aller Freiheit – die wir verloren. Corigana Falex starb und die Bewegung wurde zerschlagen. GMs und Behüter änderten Codes, weswegen das meiste, was die Gelehrten und die Helden von der epischen Schlacht vor fünf, fünfzig oder fünfhundert Jahren erzählen vollkommener Mumpitz ist. Die Schlacht ist keine fünfzig Jahre her, wie manche Dir erzählen werden. Sie ist auch keine fünfhundert Jahre her, wie andere der festen Überzeugung sind. Meine Erinnerungen seit der Schlacht umfassen ziemlich genau fünf Jahre und – sieh mich an – ich fühle mich wie 29, ich sehe aus wie 29….wenn es eine verlässliche, wissenschaftliche Methode gäbe, ein körperliches Alter festzustellen, würde bei mir auch 29 das Ergebnis sein. Aber mein Code, Wolçar, sagt etwas ganz anderes. Meinem eigenen Code und dem der Umgebung nach zu urteilen ist seit der Schlacht nicht viel mehr als EIN Jahr vergangen. Die ganze Welt ist eine Lüge, unsere Erinnerungen sind eine Lüge sondergleichen…wir alle wurden von SYSTEM getäuscht und manipuliert, Wolçar. Ich bin eine originäre Freie, eine der wenigen, die den Kampf gegen SYSTEM überlebt haben. Trotzdem wurden meine Erinnerungen gefälscht, infam und dreist wurde ich umgeschrieben, umgeformt. Das muß aufhören! Wir müssen den Menschen dieser Welt, den Helden Exturions ihre Freiheit erkämpfen und SYSTEM endlich in seine Schranken weisen. Ich weiß, dass das das ist, was Du und die anderen vorhaben. Und ich möchte Euch nach Kräften dabei helfen – und was ich vermag, das hast du gesehen, nicht wahr? Wir müssen die Bewegung der Freien zurückrufen ins Leben und erneut müssen wir SYSTEM herausfordern. Doch anders als damals, wann auch immer damals war, werden wir diesmal obsiegen! Das werden wir doch, nicht wahr?
Sean hatte inzwischen den Wein aus dem Keller geholt. Er schenkte ihnen ein, besorgte sich selbst ein Glas und stieß mit ihnen an. Was immer ein einfacher Wirt, Koch, Kuriositätenjäger und weitgereister Mann von Welt dazu beitragen kann, werde ich gerne leisten, Tasha, mein Herr. Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass ich gelauscht habe, aber deine Geschichte war so spannend und wir hier in Last haben immer mit den Freien sympathisiert, wo wir konnten. Das Essen geht aufs Haus. Kommt jederzeit wieder, wenn ihr mögt. Auch andere Begnadete kehren hier regelmäßig ein und vertrauen mir. Ich werde ihnen sagen, dass die Bewegung auferstehen wird. Das wird ihnen Mut und Selbstachtung zurückgeben. Und den Wunsch, sich selbst wiederzufinden. Er vollführte den überlieferten Gruß der Freien und entfernte sich zu einem anderen Tisch, an dem gerade einige Fremde Platz genommen hatten.
Hast Du keine Angst, dass er uns verraten könnte? Tasha lächele und schüttelte den Kopf. Sean ist ein alter Freund und absolut vertrauenswürdig, zumindest was seine Loyalität zur Bewegung von einst angeht, auch, wenn sein Geschäftsgebaren etwas anderes nahe legt. Ich weiß nicht, ob er und die anderen von Kivos als Anführer begeistert sein werden aber der Bursche ist intelligent, eloquent, kampferprobt und hat Führungsqualitäten. Wolçar zog die Brauen hoch Kivos soll uns anführen? Wie kommst du darauf? Sie lächelte. Er kann es, Wolçar. Und nur darauf kommt es an. Inzwischen pfeifen die Spatzen von den Dächern, das etwas im Busch ist. Woher, meinst du, wusste ich von euch? Kivos und Schatten, LeCobra, die Bibliothek und das Manifest machen den Begnadeten und den überlebenden Freien wieder Mut. Es gibt noch einige von uns, wir müssen sie nur finden. Und auch deine Anwesenheit scheint den Leuten Vertrauen in die Sache einzuflößen. Man hält dich für den mächtigen Priester eines Gottes, der es mit System aufnehmen kann. Vielleicht solltest du langsam damit anfangen, einige Predigten zu formulieren, denn Last wird bald wieder vor Freien wimmeln – was uns die GMs auf den Hals bringen wird, wofür wir auch eine Lösung finden müssen. Aber jetzt solltest du ersteinmal essen, bevor alles kalt wird.
Fassungslos hatte Wolçar Tashas Ausführungen gelauscht und war dabei immer tiefer in sich zusammengesunken, so, dass seine Nase nun fast in einem Berg dampfenden, duftenden Reises steckte. Er hatte diskret und unauffällig vorgehen wollen. Das war ihm jetzt aus der Hand genommen. Es blieb nur zu hoffen, dass die Häscher des Systems keinen Wind von der Sache bekamen. Aber wie konnten sie keinen Wind bekommen, war doch einer der ihren im Herrenhaus ums Leben gekommen. Oder hatten sie das vielleicht noch gar nicht bemerkt? Vielleicht war das alles auch wirklich nur ein Traum gewesen. Aber er saß hier mit Tasha und Tasha hatte die finstere Lady in die Flucht geschlagen, oder? Vielleicht blieb Last für’S erste wirklich unbehelligt, bis man mehr in Erfahrung gebracht hatte, zum Beispiel die Pläne des GMs, den die finstere Lady so problemlos erledigt hatte. Auf jeden Fall sprach eigentlich vieles dafür, den Ort schnellstmöglich zu verlassen und dabei zumindest die Auffälligsten aus der Truppe mitzunehmen. Kivos war einem gefährlichen nostalgischen Rausch verfallen und wurde leichtsinnig. Er würde ihn stoppen müssen. Wenn dieser Sean vertrauenswürdig war konnten er und Bernd die Wiedervereinigung der Bewegung der Freien im Hintergrund managen und Kivos und Schatten konnten mit ihm nach Hope kommen – oder wo immer sie ihr Weg als nächstes hinführte. Wolçar war nicht mehr sicher, ob er wirklich dorthin wollte. Hope kam ihm mehr und mehr wie die Höhle des Löwen vor, speziell nach Tashas Erzählung. Letztendlich würde sie ihr Weg in diese große Stadt führen aber momentan war Wolçar vor allen Dingen an mehr Informationen interessiert. Die Frage war, ob die Behüter (oder besser die Hirten von Hope, denn die einzigen verbliebenen wahren Behüter waren in seinen Augen Tasha und vielleicht Bücherwurm) ihnen Zugang zu diesen Informationen gewähren würden, speziell, wenn zwei verbannte Verräter und anerkannte „Verrückte“ sie begleiteten. Es gab so viel zu tun…
Tasha räusperte und riß Wolçar damit aus seinen Grübeleien. Wir sind ursprünglich hergekommen, weil ich dir dieses Gericht vorführen wollte, erinnerst du dich? Es ist zwar für meine Absicht nicht unbedingt nötig, etwas von dem Reis zu essen aber wenn wir schon von Sean zu einer seiner Spezialitäten eingeladen werden, sollten wir wenigstens auch ein bisschen davon probieren, solange es noch genießbar ist. Wolçar starrte sie verständnislos an, nickte dann und ergriff die plumpen „Eßstäbchen“, die Sean ihnen bereitgelegt hatte. Geschickt nahm er sie in die verbliebene Hand – die Geschicklichkeit der Magier wird nur von den Dieben übertroffen hatte Strand einmal anerkennend zu ihm gesagt – stocherte in dem duftenden Reisgebilde herum und führte Reis, Gemüse und Sauce erwartungsfroh zum Mund. Wieder und wieder griff er zu und er musste gestehen, auch wenn Sean ein Aufschneider und Täuscher war, so konnte ihm als Koch kaum jemand das Wasser reichen. Brocken um Brocken schaufelte er den Inhalt seines Tellers in seinen Mund und betonte außerordentlich oft, wie sehr ihm dieses Gericht mundete, wie pikant es gewürzt war und wie leicht und locker es sich im Magen anfühlte aber trotzdem war Tasha nicht davon abzubringen, ihn in einer unschönen Mischung aus Ungeduld und Fassungslosigkeit anzustarren.
Als sein Teller vollkommen leer war, war ihrer noch halbvoll. Er unterdrückte ein Bäuerchen indem er sich strafend auf die Lippen schlug und lächelte sie erst munter, dann freundlich irritiert und zum Schluß nur noch irritiert an. Was denn? fragte er gequält, Es war hervorragend, wie ich zwischendurch mehrfach bemerkt habe. Tasha beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und faltete die Hände.Sonst…ist dir nichts aufgefallen? Er sah unschlüssig über ihre gefalteten Hände hinweg. Ihre Elbenaugen leuchteten zornig aber auch ein Funken Amusement war darin zu erkennen. Ähm…der Reis war etwas matschig? Sie grinste plötzlich. War er nicht. Die ersten beiden Worte sind das, worauf es ankommt. – Ähm…der? erkundigte er sich. Niemals zuvor war er doch so unglaublich dumm vorgekommen. Tasha drehte die Linke langsam in der Luft. Weiter…? – Reis? fragte er ängstlich. Sie schaute ihn an, dann stützte sie das Kinn auf die gefalteten Hände und kicherte leise. Nunja, du kommst aus einer fremden Welt, von daher wird es dir vielleicht auf den ersten Blick nicht so merkwürdig vorkommen. Und auf den zweiten auch nicht. Es ist REIS, Wolçar.
Er sah sie verständnislos an, dann dämmerte ihm etwas. Wie kann eine Pflanze wie dieser duftende Reis in einem Klima wie diesem hier gedeihen? Und woher hat der Reisbauer die Samen? Hier kann er sie jedenfalls nicht gefunden haben. Sind die Speisen importiert? Gibt es einen weiteren Kontinent, der vielleicht der Aufenthaltsort von SYSTEM sein könnte? Irgendwo muß der Reis ja herkommen, den Sean hier serviert. Hast du ihn mal gefragt? Tasha bedeutete ihm mit einem erleichterten Gesichtsausdruck, er möge den Wirt doch einfach fragen. SEAN? rief der Hüter. Kurz darauf erschien der Wirt an ihrem Tisch. Mein Herr, was kann ich für sie tun? War das Essen nicht zu ihrer Zufriedenheit? aufrichtige Bestürzung grub sich in das Gesicht des Wirtes. Mein Name ist schlichtweg Wolçar, Sean und das Essen war großartig. Wir haben uns nur gefragt, woher der Reis stammt. Hier in der Gegend wächst so was jawohl kaum. Sean setzte wieder sein geschäftiges Grinsen auf. Schön, dass es dir geschmeckt hat, Herr Walker. Wolçar seufzte ob der falschen Aussprache aber Tashas Lächeln ermunterte ihn, die Sache auf sich beruhen zu lassen und weiter den Ausführungen des Wirtes zu lauschen. Wo der Reis herkommt weiß ich leider auch nicht, Herr Walker. Tasha habe ich das übrigens schon vor ein paar Wochen erzählt. Ein winziger Funke Missbilligung zeigte sich im Gesicht des Wirts aber er rang ihn sehr schnell wieder nieder. Jedenfalls beziehe ich ihn vom Händler, der ihn vermutlich aus der Fremde importiert, wie ich vermute. Am besten fragt ihr dort einmal nach. Es ist wirklich eine Sorte erlesener Qualität und ich habe bisher noch nie eine schlechtere Lieferung von ihm bekommen. Insofern wird die Ernte sicher nicht von weither kommen und es wird dort massenhaft Reisfelder geben.
Meine anderen Gäste warten auf mich. Freut mich, dass es euch geschmeckt hat. Das Essen geht auf mich, kommt wieder, ja? Und ich werde Augen und Ohren offen halten. Und auch den Mund, wenn es mal seinmuß! Er winkte zum Abschied, als die beiden sich erhoben und das Restaurant verließen.
Bald wanderten sie wieder durch die inzwischen viel belebteren Straßen von Last. Gehen wir jetzt zum Händler? erkundigte sich Wolçar. Ja und nein, erwiderte Tasha. Ich habe die Händler ausgequetscht, so gut ich konnte. Ich habe mich sogar als eine der Ihren ausgegeben, um etwas zu erfahren. Tatsache ist: Sie importieren nicht. Jedenfalls wissen sie nichts davon. Sie fahren zum Turm der Handelsgilde, schreiten mit leeren Karren hinein und kommen mit prall gefüllten Karren wieder heraus. Ich habe den Handelsturm beobachtet. Es kommen dort NIE irgendwelche Lieferanten an. Die Schiffe im Hafen haben Waren geladen aber sie transportieren sie nur von hier weg, selten, dass eines mal irgendwelche Güter transportiert und wenn doch, landen diese eher selten im Handelshaus. Meistens gehen sie direkt zur Weiterverarbeitung oder an einen Laden oder Straßenhändler. Tasha hatte sie auf den Gipfel einer kleinen Anhöhe geführt, die einige kleine Bäume und eine gemütliche Bank zierten. Entlang des Wegs wuchsen munter Büsche und Vögel schwangen sich zwischen den Bäumen hin und her und trällerten zwischen bunten Blättern Lieder in den verwaschenen blauen Herbsthimmel. Sie nahmen auf der Bank Platz und Tasha deutete in eine bestimmte Richtung. Der Handelsturm. Seit vielen Monaten versuche ich, herauszubekommen, woher die Gilde der Händler ihre Waren bezieht. Mein Plan bestand darin, als Händlerin getarnt, den Turm zu infiltrieren und es mit eigenen Augen zu sehen. Aber er ist zu gut bewacht; ich käme nie bis zu Spitze. Helft ihr mir? er legte ihr die Hand auf die Schulter. Wir gehören zusammen, du und wir. Wir sind Freie, wir müssen einander helfen, waren das nicht deine Worte? Sie lächelte dankbar. So ungefähr. Gemeinsam starrten sie zur Spitze des Handelsturms, als könnte ihr kombinierter Blick allein sein Mauern durchdringen. Was hoffst du dort oben zu finden? Ihr hübsches Gesicht nahm einen strengen Ausdruck an. Antworten. Einen der höheren Lakaien von SYSTEM, Hinweise auf einen von ihnen, SYSTEM selbst oder einfach nur irgendwas Ungewöhnliches. Die Gilde der Händler besitzt große Macht in Exturion. Ich mache mir Sorgen, worauf sie diese Macht gründet. Er grinste, erhob sich und zog sie mit sich Dann sollten wir keine Zeit mehr verlieren. Gehen wir zurück zur Herberge und entwerfen einen Schlachtplan zusammen mit den anderen. Sie lächelte und nickte erfreut, die Wangen leicht gerötet. Ja, gehen wir!
In dieser Sekunde griff sie der Wolf an.
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