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Reliquien einer Vision

© Wolçar

Vor Edeas Hütte schluckte der Horizont die letzten rotgoldenen Sonnenstrahlen. Die vom Schicksal dieser leblosen Welt zusammengewürfelten Gefährten starrten in kollektiver Ernüchterung auf den blutigen Himmel. Hatte Lulu sie verraten? Nun, was wussten sie schon von ihr? Hatten sie sie nicht gerade erst getroffen? Wer konnte schon ahnen, was in ihr tickte? Oder den anderen, wie sie hier zusammenstanden. Der Barbar Thorbus war der Misstrauischste von allen. Die Geschichte Lulus, wie Sheila, Schatten und auch Kivos, soweit er etwas mitbekommen hatte, bestätigte seinen Eindruck vom Leben und den Menschen im Allgemeinen. Wolçar spürte zwar deutlich, dass er einer der Begnadeten sein musste, wie auch Celes, Dinera, Kivos und Esturiana…aber was konnte er schon tun, um den Mann zu halten? Jeder von uns muß seinen Weg selbst wählen. Hieß es nicht immer so im Konzil? Und vielleicht wären wir wirklich besser ohne ihn dran; er hat sich nicht unter Kontrolle, wenn die Berserkerwut mit ihm durchgeht. Aber er hat Schlimmes erlebt, auch, wenn er sich weigert, davon zu berichten. Und seine Kraft ist beeindruckend. Es wäre tragisch, solch einen Gefährten zu verlieren. Aber wer für das Recht des einzelnen auf Freiheit eintritt, kann ihn nicht daran hindern, es wahrzunehmen. Nun, wir werden sehen, wie er sich am Morgen entscheiden wird. Und ich könnte mir vorstellen, dass seine Entscheidung von Esturianas Entscheidung abhängen wird, uns zu begleiten.

Sie hatten beschlossen, sich am nächsten Morgen auf den Weg zu machen. Schatten war vollkommen genesen von Thorbus’ Angriff und weigerte sich strikt, wenn jemand anbot, sich um seine doch sicherlich vorhandenen Verletzungen zu kümmern. Wolçar selbst hatte Dank der guten Pflege von Edea und Luna nach dem Aufwachen seine beeindruckenden Selbstheilungskräfte entfesseln können und war nunmehr bereit, es erneut mit der Welt aufzunehmen. Und mit gewissen Schamaninnen, die sich darin aufhalten mochten. Aber es war bereits recht spät und Edea hatte darauf bestanden sie – und dabei speziell ihren Patienten – noch eine Nacht im Hause zu behalten.

Der Dieb Kivos, der ziemlich offensichtliche Gefühle für die Bardin Sheila zu hegen schien, hatte erläutert, dass die Stadt Hope von hier nur einige Wegstunden zu Fuß entfernt war. Sie wollten am frühen Morgen aufbrechen und konnten, so sie es denn für notwendig hielten, in dem Dörfchen Last in der dortigen Taverne eine Rast einlegen. Mit einiger Befriedigung dachte Wolçar daran, dass sie nun einen Führer hatten, der nicht nur mit den richtigen Leuten in Kontakt stand, sondern außerdem die Gegend wie seine Wesentasche kannte und nicht ständig zwischen mehreren Persönlichkeiten hin- und herwechselte wie der zweifellos brillante, aber unverläßliche Gnom. Außerdem freut es mich, dass Sheila offensichtlich ähnliche Gefühle für den Schattenelfen hegt. Ich hoffe nur, sie ist nicht wieder zu eifrig. Was die Liebe angeht, ist sie noch immer ein kleines Elfenmädchen aus der gehobenen Mittelschicht. Er musterte den Dieb, während der sprach.

Der Wirt ist selbst kein Freier, aber auch er scheint über ein Minimum an Begabung zu verfügen und er ist ein Sympathisant der Freien. Dort könnten wir insofern ohne größere Probleme und fern von Ylses Aufmerksamkeit unseren Stützpunkt einrichten. Ich verbürge mich für ihn.Damit schneidest Du ein interessantes Thema an… meinte Bücherwurm. Wer verbürgt sich eigentlich für Dich? Kivos starrte dem Gnom in unterdrückter Wut entgegen, doch der zuckte nur die Schultern und widmete sich wieder seinem Buch. Es handelte sich um den geographischen Band, den er schon zuvor eifrigst studiert hatte.

Auf jeden Fall seine Ortskenntnis verdient unser Vertrauen; ich denke, nach Hope dürften es von hier aus etwa sieben Stunden sein. Wenn wir morgen in aller Frühe… er warf einen Seitenblick auf die ihn mit gerunzelter Stirn anstarrende Edea, schluckte und fuhr dann eifrig fort …uh, nach einem reichhaltigen, gesunden Frühstück aufbrechen, könnten wir bereits am frühen Nachmittag in Hope sein. Etwas später, wenn wir vorher in der Taverne von Last eine Pause einlegten und uns dem Wirt in den sicherlich weit geöffneten Rachen werfen. bei diesen Worten sandte er wieder einen misstrauischen Blick zu Kivos, der spöttisch eine Augenbraue hob. Nur keine Sorge, Alterchen. Lars ist ein guter Mann und kein Freund von SYSTEM, das kann ich Dir versichern.Was Deine Versicherungen wert sind, wird sich noch herausstellen müssen, Schattenelf. knurrte der Berserker, der ohne große Begeisterung neben Esturiana am Tisch saß und der Unterhaltung mit größter Aufmerksamkeit folgte, während er Gleichmut zur Schau stellte.

Schatten schlich neben Kivos und legte ihm eine riesige, knochige Hand auf die Schulter. Es gibt keinen Grund, Kivos zu misstrauen.Abgesehen davon, dass er ein verdammter Schattenelf ist, meinst Du, Schattenwesen? bemerkte Thorbus ungnädig. Im übrigen bist Du nicht unbedingt die beste Wahl als Fürsprecher. Schattens Hand schloß sich fester um Kivos Schulter. Dem Gesicht des Diebes war zu entnehmen, dass der harte Griff seines Guardian ihn schmerzte. Schattens Augen blitzten goldgelb unter seiner Kapuze auf, als er seinen und Kivos’ Ankläger fixierte. Seine zischende Stimme kroch durch die Nacht wie ein Schlangenlaut Ebensowenig gibt es einen Grund, MIR zu misstrauen. Berserker Thorbus. ICH habe bisher darauf verzichtet, unprovoziert einen Kameraden anzugreifen. Wie steht’s mit Dir? Esturiana fühlte sich veranlaßt, Partei für den Berserker zu ergreifen. Es steckte keine ABSICHT dahinter. Er dachte, Du wolltest uns angreifen. Beziehungsweise, dass wir Deine Gefangenen wären. Außerdem konnte er sich nicht zurückhalten. So geht es jenen, die vom Geist des Zornes besessen sind. Er übernimmt sie, sobald er Gelegenheit dazu bekommt.Ungefähr so wie bei der KI-Energie? murmelte Bücherwurm leise und erntete darauf einen bösen Blick von allen Vier Beteiligten dieser Diskussion.

Sheila seufzte und Dinera schüttelte den hübschen Kopf. Nun, wir sind ein eine Gruppe Verirrter auf der Suche nach dem Weg nach Hause… grübelte die Bardin. Es wird sicherlich einige Zeit dauern, aber irgendwann werden sie sich schon zusammenraufen. Ansonsten…gilt meine Loyalität Wolçar. Und ich werde Kivos nicht im Stich lassen. Ebensowenig wie Schatten ihn im Stich lassen wird.Es ist wie in einem Wolfsrudel. erklang eine melodische Stimme neben ihr. Dinera blickte der Bardin in die Augen und deutete ein Lächeln an. Sheila fand es fast unheimlich, dass die Paladin gerade mit IHR sprach. Trotzdem erwiderte sie das Lächeln. Ja. raunte sie zurück Dabei gibt es hier gar kein Fleisch, um das man sich streiten könnte. Dinera zog in einem spöttischen Ausdruck die Brauen hoch und hob wieder ihre Stimme. Die Freiheit ist für jene, die Kivos „Begnadete“ nennt, ein sehr hohes Gut. Es fällt uns schwer, etwas davon abzugeben. Du und Wolçar, Ihr versteht das vermutlich nicht, denn Ihr stammt nicht von hier, richtig? Warum sagt sie niemals einen Ton? Ihre Stimme ist exquisit – und ich spüre Magie in ihr! dachte Sheila. Dann fesselte plötzlich etwas ihre Aufmerksamkeit. Nein…wie schon gesagt, wir stammen aus einem fernen Land und… Dinera winkte lächelnd ab. Ferner könnte es kaum sein, denn ihr stammt von einer anderen Welt oder? Meine Göttin hat mir davon erzählt. Sie sagt, dass ihr vollkommen anders seid als jedes Wesen, dem sie begegnet ist. Und das ihr…Seelen besitzt, die in keinster Form an das erinnern, was die Helden Exturions in sich tragen. Ich verstehe, dass ihr nicht darüber sprechen möchtet. Ich verstehe, wenn man über Dinge nicht sprechen kann. Auch ich vermag es schließlich nicht.

Damit wandte sich die Paladin von der Bardin ab und deutete auf Celes, die bedrückt auf dem Boden saß, zwischen den beiden Barbarenzwillingen, die dem Streit zwischen Schatten, Kivos, Thorbus und Bücherwurm nur sehr unaufmerksam folgten. Ihre Entscheidung stand fest, sie würden die Gefährten bis ans Ende der Welt begleiten und zurück, wenn es sein musste. Dinera wandte sich wieder an Sheila, hielt ihr Auge jedoch auf Celes. Da siehst Du jemanden, der Zuspruch benötigt. Offenbar hat Lulu ihr viel bedeutet. Ihr offensichtlicher Verrat hat das Mädchen sehr tief getroffen. Ich kann leider…mit Worten nicht umgehen, Sheila. Aber Du dafür umso besser. Könntest…Du nicht mit ihr reden? Sheila schluckte beim Anblick der Jägerin. Sie hatte den Eindruck, dass Celes SIE für Lulus Verlust verantwortlich machte, zumal sie Kivos gerettet hatten, wohingegen die Gelehrte verschwunden blieb. Die offene Zuneigung, die Dieb und Bardin auf Anhieb gezeigt hatten, musste bei dem Mädchen doch den Eindruck erwecken, Sheila habe ihre Freundin zugunsten des attraktiven Ex-Leutnants zurückgelassen. Sheila schüttelte traurig den Kopf. Ihr kastanienfarbiges Haar peitschte dabei sanft von einer Seite zur anderen.

Ich würde ihr gerne helfen…aber ich fürchte, dass ich im Moment nicht die richtige Person dafür bin. Dinera blickte sie grüblerisch an, nickte dann mit einer Weisheit im Blick, die die Bardin sehr überraschte, legte ihre Hand auf die Sheilas und signalisierte Verständnis. Ja, ich glaube ich verstehe, warum Du ihr nicht helfen kannst. Dann schwieg die Paladin wieder, ließ jedoch ihre tröstende Hand auf der der Bardin. Edea, die das leise Gespräch der beiden verfolgt hatte, erhob sich und lächelte die neuen Freundinnen an. Ich werde mit ihr reden, einverstanden? Sie ging auf Celes zu und half der jungen Jägerin auf. Als sie dastand warf sie Sheila einen Ausruck tiefempfundenen Hasses zu, der der sonst so schlagfertigen Bardin Tränen in die Augen trieb und sie schnell den Blick abwenden ließ. Edea führte Celes von der Hütte fort. Sheila bemerkte noch, wie die Heilerin mit dem Finger auf sie deutete, den anderen Arm dem Mädchen auf die Schulter legte und dann sanft ihren Kopf schüttelte.

Neben ihr tauchte Wolçar auf, der von dem Streit der vier Gefährten genug hatte und beabsichtigte, die Auseinandersetzung zu beenden. Er sah zu Sheila, blickte auf Dinera, wandte sich dann hinüber dorthin, wo Edea mit der einsichtig nickenden Celes sprach, bückte sich zu Sheila hinunter und legte seine verbliebene Linke väterlich unter das Kinn seiner alten Freundin. Sie ist jung und zornig, Sheila. Aber sie wird sich beruhigen. Edea wird schon dafür sorgen. Sie ist eine wirklich bemerkenswerte Frau. Ich wünsche, sie könnte uns ebenfalls begleiten…aber ihre Verpflichtungen liegen woanders. Auf jeden Fall wird sie die Dinge mit Celes klären, da bin ich sicher. Mit einem Lächeln erhob sich der Hüter, schenkte den Zwillingen und der Paladin ein um Mitgefühl ringendes Stirnrunzeln und steuerte dann auf Kivos zu, der den Hüter und die Bardin mit einigem Misstrauen beobachtet hatte. Sheila wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und lächelte dem Dieb gefühlvoll zu, was den zu versöhnen schien.

Die Versöhnung von Bücherwurm, Thorbus und Schatten ging leider weniger gut voran. Des verwandelten Wandlers Geduld hing an einem seidenen Faden und der Berserker Thorbus hatte die Hand bereits fest um den Griff seiner Axt geschlungen. Bücherwurm hüpfte zwischen den beiden hin und her und heizte die Stimmung nach Kräften an. Mit Deiner Axt kannst Du mir überhaupt nichts anhaben, Berserker Thorbus. Ich dachte, das wäre Dir bereits beim LETZTEN Mal aufgegangen.Warum hast du beim LETZTEN Mal dann trotzdem japsend am Boden gelegen, Schatten?Tragt es aus, Burschen! Na los, Thorbus, gib dem Biest ordentlich was auf die Mütze! Und was ist mit Dir, Guardian? Willst Du Dir die Unverschämtheiten dieses kleinen Axtschwingers einfach gefallen lassen? Kommt schon, ihr zwei! Wolçar gewann wieder den Eindruck, das ETWAS in Bücherwurm die Kontrolle über seinen Geist und seinen Körper übernommen hatte. Und in den fast blutrot leuchtenden Augen des großen Gelehrten erkannte er einen ganz eigenen Streit, einen weiteren Konflikt, der vermutlich niemals enden würde.

Esturiana saß am Tisch neben dem schäumenden Thorbus, der aufgestanden war und fast Nas’ an Nase mit Schatten stand. Die junge Magierin warf dem Hüter einen genervten Blick zu, ihn fragend, was sie denn nun unternehmen sollten. Der verwandelte Wandler schien vollkommen ruhig und gefasst; nur seinen verkrampften Händen konnte man seine Anspannung entnehmen. Kivos Versuche, den Streit zu schlichten, waren in von zwei zornigen Blicken erstickt worden, weshalb dieser jetzt mit verschränkten Armen am Tisch saß und Wolçar seinerseits in einer Mischung aus spöttischer Verzweiflung und nervlicher Anspannung ansah. Bücherwurm tanzte weiter zwischen den Kontrahenten einher und wirkte so, als hätte er seit Jahrzehnten nicht mehr soviel Spaß gehabt. Kivos schaute abwechselnd zu Esturiana, die sorgenvoll lächelte und Wolçar, der offensichtlich die Geduld zu verlieren begann. Schließlich setzte sich der Hüter an den Kopf des Tisches, stemmte den Ellbogen auf die Kante und rieb sich mit faltiger Stirn die Augen. Esturiana musste gegen ihren Willen lächeln und auch Kivos schmunzelte, während Berserker, Formwandler und Gelehrter ihr Spielchen weitertrieben.

Kivos ergriff das Wort: Zu Beginn ging es um mich, glaube ich. Bücherwurm hält mich anscheinend für einen Spion von SYSTEM und Thorbus…traut ohnehin keinem hier über den Weg – ausgenommen wohl Euch, wunderschöne Magierin. Esturiana runzelte ob der Charmeoffensive des Diebes die Stirn, grinste jedoch dann in Erwiderung. Es scheint wohl so, werter Herr Dieb. Ihr könntet ja nochmals versuchen, IHN mit Worten einzuwickeln. Oder befürchtet Ihr, er könnte Euch einen Korb verpassen? Kivos grinste zurück. Schon die zweite Frau in kurzer Zeit, die mir mehr als gewachsen ist. Scheinbar lasse ich nach! Wolçar gestattete sich ein leises Lachen, während der ehemalige Leutnant der Schattenelfen mit dem Kopf auf Thorbus deutete und dabei den Blick auf Esturiana hielt. Touché, Mademoiselle. Vermutlich muß man wirklich ein Magier sein, um diesen Kerl zur Räson zu bringen. Wie wäre es mit Euch, Lord Wolçar? Der Hüter schüttelte den Kopf Erspar uns beiden den Lord, Kivos. Hier bin ich kein Erzmagier, nur ein einfacher Priester auf einer von vielen sinnlosen Wallfahrten. Hat Sheila Dir davon…?Sie hat mir ALLES erzählt. sagte Kivos. Und die Geschichten von Eurer…Heimat…, die sie mir zum besten gab, haben mir sehr gut gefallen. Ich glaube, ich würde sie gern einmal besuchen.

Wolçar sah Kivos erstaunt an. Tatsächlich? Nun, vermutlich kehren wir dorthin zurück, wenn wir hier eines Tages alles erledigt haben.Guardian stammt auch von dort, nicht wahr? Gibt es dort viele so wie ihn? Wolçar nahm sich vor, ein ernstes Wort mit Sheila über Geheimidentitäten zu sprechen Ja. Und nein. Schatten…ist selbst unter seinesgleichen etwas besonders. Etwas ist mit ihm passiert und hat ihn…verändert, denke ich. Seine Art IST die Veränderung aber bei ihm…scheint es etwas festes, konstantes, unabänderliches zu geben. Und soweit ich seine Rasse verstehe, vergiftet ihn diese Konstante und macht ihn hart und unnahbar. Aber vielleicht kann sein Volk ihm eines Tages helfen. Was unser Problem mit ihm HEUTE angeht – würdest Du mir helfen, Esturiana? Die Magierin nickte erfreut. Oh, und Kivos: Ich vertraue Dir. Und auch die anderen werden das früher oder später schon noch tun. Jetzt solltest Du Dich allerdings um Sheila kümmern. Sie macht sich den Verlust Lulus zum Vorwurf. Aber so wie ich Schatten, Bücherwurm und Dich verstanden habe, hatte sie keine Chance, unserer Gefährtin zu helfen. Der Dieb erhob sich, wandte sich jedoch im Gehen noch einmal an Wolçar: Glaubst Du, sie ist noch eine Gefährtin?

Der Hüter nickte. Irgendwo tief drinnen, ja. Kivos nickte und ging dann zu Sheila und Dinera, führte die beiden von der Hütte fort zu einer blühenden Wiese, die hinter dem Haus lag. Black Tiger und Black Panther begleiteten die drei, nachdem Tiger sich mit einem kurzen Blick vergewissert hatte, dass es Celes bei Edea gutging.
Wolçar nahm Esturiana bei der Hand und beide begannen, einen gemeinsamen Zauber zu sprechen. Der auf- und abhüpfende Bücherwurm erstarrte plötzlich in der Luft und prallte unsanft zu Boden. Schattens wabernde Energien froren in ihrem Fluß ein und Torbus’ Pupillen sprangen zornig hin und her, als er feststellte, dass er sich nicht rühren konnte. Es ist genug ihr drei! donnerte Esturianas Stimme. Wolçar stimmte zu. Allerdings. Ihr zwei habt Eure Standpunkte deutlich gemacht: Ihr vertraut einander nicht. Vermutlich ist das verständlich, zumal wir alle uns erst vor kurzem über den Weg liefen. Nichtsdestotrotz einigt uns für den Moment ein gemeinsames Ziel: Hope. Ja, auch Dein Ziel liegt dort, Thorbus, denn Esturiana hat sich entschieden, uns in die Stadt zu begleiten. Und so wie ich Dich einschätze – als einen ehrenhaften Mann und mutigen Kämpfer, wirst Du sie nicht allein gehen lassen wollen. Schon gar nicht mit uns.
Schatten! Gut, Thorbus hat Dich angegriffen. Und er hat Dich verletzt, ja. Ich kann nachvollziehen, dass das für Dich ein gewisser Schlag sein muß, denn Du hältst Dich für annähernd unbesiegbar. Du bist es nicht, Schatten, und – ich weiß nicht, wie Du diese Sache betrachtest, mein Freund – ich bin der Ansicht, dass ein Mann, der mir gefährlich werden kann vielleicht doch besser mein Freund ist denn mein Feind.

Esturiana ergriff das Wort. Niemand verlangt, dass Ihr einander gernhabt. Vermutlich trennen sich unsere Wege ohnehin in Hope. Bis dahin verzichtet bitte auf weitere sinnlose Auseinandersetzungen, die nichts anderes zum Ergebnis haben als Unmut unter den Reisegefährten. Wir leben in gefährlichen Zeiten und durchreisen nicht weniger gefährliche Gegenden. Kämpfe wird es auf unserem Weg, wohin er auch führen mag, noch mehr als genug geben. Wir sollten sie nicht gegeneinander austragen. Die Magierin richtete ihren Blick auf den noch immer zweifelnden Thorbus. Bitte! sagte sie sanft. Da ließ die Erstarrung der Streithähne nach und Thorbus, nachdenklich zwinkert und wohl auch, um wieder zur Besinnung zu kommen, schenkte Esturiana einen gefühlvollen Blick. In…in Ordnung. Um Euretwillen werde ich meinen Zorn auf den Schatten mäßigen, Esturiana. Aber er soll wissen, dass ich Euch vor ihm beschützen werde, solange noch Kraft ist in diesen Armen! Esturiana lächelte erfreut und nicht minder erleichert, ergriff den muskulösen Arm des Berserkers und führte ihn vom Ort des Streites fort.

Schatten ließ sich neben Wolçar fallen und durchleuchtete ihn mit seinem brennenden Blick. Er verachtet die Magie, Wolçar ut Besço. Und insbesondere verachtet er mich. Da gibt es etwas in seiner Vergangenheit…das an ihm nagt, ihn quält. Und er bringt es mit mir in Verbindung. Wolçar brach sich ein Stück von dem Laib Brot ab, den Edea für die Gefährten bereitgestellt hatte. Und? Hattest Du etwas mit damit zutun? Die heftigen Bewegungen unter der Kapuze ließen annehmen, dass Schatten den Kopf schüttelte. Ich habe ihn niemals zuvor gesehen. Er muß mich mit jemandem verwechseln. Wolçar hob, weiter an seinem Brot nagend, die Augenbrauen. Vermutlich. Zumal Du so eine Allerweltserscheinung bist. Die Straßen WIMMELN von Leuten, die Dir bis aufs Haar ähneln. Wolçar war überrascht, als der verwandelte Wandler ihm sanft die Schulter knuffte. Sehr lustig, Wolçar ut Besço. Selbst Dir wird doch aufgefallen sein, dass die Entseelten und die Torwächter einer Kreatur wie mir nicht wenig ähneln.Du WEISST, dass es mir aufgefallen ist.

Schatten nickte. Allerdings. Möglicherweise ist Thorbus schon einmal auf den Pfaden der Toten gewandelt. Sowas verändert einen Menschen. Und nicht nur die Menschen. Ein langer, unförmiger Arm wanderte unter die lebendige Kapuze des Schattenwesens und bewegte sich dort rhythmisch. Offenbar kratzte der Wandler sich am Kinn. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der den Korridor der Toten bewusst erlebt hat. Es heißt, nur die GMs seien dazu in der Lage, ihn willkürlich aufzusuchen. Und ich natürlich. Sehr interessant. Wolçar stellte das Kauen ein und sah Schatten erstaunt an. Denkst Du, Thorbus ist ein GM? Schatten schüttelte (vermutlich) wieder den Kopf. Nein, wohl kaum. Aber vielleicht WAR er mal einer? In einem vorherigen Zyklus.Also quasi in einem anderen Leben?Nein, hier gibt es kein Leben, wie wir beide mitansehen mussten. Es gibt nur das POTENTIAL dafür. Die Personen durchleben Zyklen, die sich regelmäßig wiederholen. Vielleicht gab es vor langer Zeit einen GM Thorbus, dessen Seelenessenz sich in dem Berserker Thorbus niedergeschlagen hat, der uns nun begleitet. Es ist gut, dass er uns begegnet ist, Wolçar ut Besço. Es mag schmerzhaft werden für ihn, aber wir sollten versuchen, ihn mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Vielleicht findet er sich dadurch selbst und kann die Suche nach dem Mörder seiner Frau gezielter angehen?

Wolçar hatte wieder zu kauen begonnen. Und Du schlägst mir das bestimmt nicht vor, weil Du ihn nicht leiden kannst? Ein Laut heiterer Empörung entfuhr der zischenden Kehle von Wolçars Gefährten Hm! Meine Kämpfe trage ich selbst aus, Wolçar, keine Sorge. Nein, umsonst wird man nicht zum Berserker. Der Geist des Zorns stellt eine interessante Theorie dar und in UNSERER Welt existiert er fraglos. Aber hier gibt es nichts, das nicht geplant und vorberechnet ist, Wolçar. Wenn dieser Mann ein Berserker ist, so liegt der Grund dafür in einem Faktor AUSSERHALB dieser Welt. Und den gilt es, zu erforschen.Nun, ich habe gelernt, Deinem Urteil zu vertrauen, mein Freund. Und angesichts der Tatsache, dass Du mich beim Vornamen anredest, scheint Dir wirklich an dem zu liegen, was Du sagst. In Ordnung, wir werden Thorbus bei Gelegenheit um seine Geschichte bitten. Ohnehin hätte ich das getan – sobald er dazu bereit gewesen wäre.

Es besteht kein Grund zur Eile, Wolçar. Unsere gemeinsame Reise hat gerade erst begonnen. Die Gelegenheit, die Du suchst, wird sich noch finden.

Apropos: Es scheint, als seien unsere kleinen Scharmützel im Korridor nicht unbemerkt geblieben. Du erinnerst Dich, dass ein Fragment meinea Selbst in jeder Dimension zurückbleiben muß, die ich besuche? Nun, der Teil von mir, der im Korridor zurückblieb, hat vorgestern offenbar zwei GMs beobachet, die die Überreste unserer Opponenten untersuchten. Leider konnte es nicht verstehen, was sie gesprochen haben…doch zumindest einer von ihnen scheint ein sehr ungewöhnlicher Scherge des SYSTEM zu sein, denn er infiziert sich selbst mit KI. Ich kann mir nicht vorstellen, was er damit bezweckt…aber seine Kräfte sind beachtlich. Ein angemessener Gegner für mich. Beziehungsweise für uns zwei, Erzhüter. Wir sollten auf der Hut sein, wenn wir ein erneutes Fiasko wie mit Ylse vermeiden wollen.

Wann wirst Du mir erzählen, woher Du all Dein Wissen hast, woher Du die KI-Hexe kennst, wie Du in Kontakt mit den Freien gekommen bist, woher Deine Verletzungen kommen, was die Kreatur in Deinem Innern zu suchen hat und wieso Du die Freien und Begnadeten suchst und beschützt? Wolçar fragte direkt und ohne den Freund zu etwas zu drängen. Der seufzte sein kehliges Seufzen. Die Geschichte ist lang…und sie ist nicht sehr amüsant, Wolçar ut Besço. Wolçar riß sich ein weiteres Stück Brot ab und kaute daran. Wir haben die ganze Nacht Zeit. Oder hast Du heute noch etwas anderes vor?Außerdem ist die Geschichte sehr schmerzhaft für mich.Kivos kennt sie zum Teil.Er hat erfahren, was ich ihm mitteilen musste, nicht mehr.Und ich muß sie nicht erfahren? Der verwandelte Wandler seufzte. Ich werde Dir von mir erzählen, Wolçar. Heute Nacht, wenn die anderen schlafen. Sie…müssen es nicht erfahren. Nun, Sheila mag’s hören; sie verdient eine Erklärung, denn sie war dabei im Lager der Schattenelfen. Wolçar schmunzelte. Außerdem wird Kivos ihr früher oder später ohnehin erzählen, was er weiß.

Damit stand Wolçar auf, um Sheila und Kivos zu suchen und sie über ihr nächtliches Vorhaben zu informieren. Schatten griff mit unruhiger Hand nach dem bereitliegenden Brot und brach sich ein Stück ab. In Resignation starrte er es an, biß fest hinein, nur, um den Bissen umgehend wieder auszuspucken. Den Rest ließ er achtlos auf den Waldboden fallen. Dann sprang er von der Holzbank und schlich in die Finsternis des Waldes Ich muß seine Ruhe und seinen Frieden suchen, wenn ich diese Sache durchstehen soll. Diszipliniere Deinen Geist und verleugne Dein Herz, Raven, denn heute Nacht wirst Du beide im Griff haben müssen! Und der Schatten, der einmal der Erzmagier der Kurzmäntel Raven Arclaw gewesen war, flüchtete vor seinen Erinnerungen in den Wald.

Unterm Tisch griff Bücherwurm, dessen Erstarrung sich nunmehr auch gelöst hatte, nach dem von Schatten fallengelassenen Stück Brot und schnupperte versuchsweise daran. Schließlich warf er es fort und kroch unter dem Holztisch hervor. Genüßlich nahm er dort Platz, wo Schatten gesessen hatte, schlug erneut sein Buch auf und griff hungrig nach Brot und Käse. Dies war einer jener seltenen Momente, in dem die zwei Seelen, die nunmehr in der Brust des einstmals berühmtesten Gelehrten der Gnomen schlugen, absolut im Einklang waren. Nun, das war ja ein recht interessanter Abend.

Harmonisierende Wirklichkeiten

© Schatten

GM Merlin schwebte einige Meter über den Köpfen der tobenden und geifernden Bleichen in der Luft und betrachtete fasziniert seine Hand. Gelegentlich ballte er sie zur Faust und versetzte der Luft einen Schlag. Ein Stück weit unter ihm am Boden manifestierte sich ein kreisförmiges Glühen und GM Äl-Rond erschien.

Der wiederauferstandene GM markierte um seine Position einen Bannkreis, der die kreischenden Horden der Entseelten davon abhielt, sich ihm zu nähern. Äl-Rond schauderte ob des Anblicks der Kreaturen um sie herum. Sie waren schon häufiger hier im Korridor der Seelen gewesen, denn einem GM unter direktem Befehl des DM bliebt nichts vorenthalten in diesem Spiel. Im Regelfall waren die Bleichen sonst einfach stumm ihres Weges gegangen, ohne jegliche Regung, ohne erkennbares Interesse an dem, was um sie herum vorging. Heute jedoch… heute enthielten die toten Augen der Entseelten Wahnsinn. Wahnsinn und Gier.

„Zum Teufel, warum hast Du mir nicht geholfen? Elender Mistkerl! Klebst da oben an der Decke und hältst Maulaffen feil! Hat es Dir Spaß gemacht mir beim Sterben zuzusehen? Ich erinnere Dich höflichst an die Statuten des Ordens der GMs: ‘Ist einer von uns in Schwierigkeiten, so haben die anderen die unweigerliche Pflicht, ihm aus der Klemme zu helfen.’ AUS DER KLEMME ZU HELFEN! Nicht an der Decke zu hocken und sich ins Fäustchen zu lachen, verdammt!“

GM Merlin streckte seinen Arm nach vorne und spreizte langsam und genussvoll die Finger. Dann ballte er sie wieder zur Faust und riss den Arm zurück. Diese Tätigkeit wiederholte er mehrmals. „Jetzt komm mal wieder runter, Kollege Äl-Rond!“ raunte er sanft. “Es war doch klar, daß Du früher oder später respawnen würdest. Dieses Spiel funktioniert nuneinmal so. Und als GM brauchst Du dazu noch nichteinmal einen Bindepunkt. Im übrigen: Erzähl mir bitte nicht, Du hättest irgendwelche Schmerzen verspürt. Dazu bist DU garnicht fähig.” Dann blickte er von seiner Hand auf und sah dem anderen GM ins Gesicht „Warum zur Hölle nennst Du Dich Äl-Rond?“

GM Äl-Rond schien zu erröten „Nun, ich MAG Elrond. Und den Herrn der Ringe! Ist das ein Problem?“ giftete er zurück. GM Merlin senkte sich auf Bodenniveau herab. Die sie noch immer umlagernden Bleichen wichen wie von Geisterhand zurück, als seine Füße den Boden berührten. „Wegen dieses Films, oder? Dir ist schon bewusst, dass der mit den Büchern ziemlich oft überkreuz geht?“ Äl-Rond zog die Brauen zusammen und schenkte seinem Kollegen einen trotzigen Blick. Merlin seufzte und ging auf die Stelle zu, wo vor einer Weile noch der Flecken Lebensenergie geklebt hatte. Die wenigen Überbleibsel des Torwächters, den Wolcar mit der Heilmagie bezwungen hatte, lagen zerstreut auf dem Boden. Um sie herum und durch sie hindurch schlich eine ätherische Schlange aus KI-Energie, die sich ihrerseits langsam aufzulösen schien.

Furchtsam, so schien es, wich sie vor der schützenden Aura des GameMasters zurück, verkroch sich tief in den Überresten des Wesens, das sie einmal beherrscht hatte. <<Reine KI…>> dachte der GM, streckte die Hand nach ihr aus, lockte sie mit einigen ungeladenen Bits, die er aus seiner Hand freisetzte, woraufhin sie daran zu schnuppern und sie zu kosten schien. Noch während die Energieschlange schnupperte, griff der GM zu, hielt die zappelnde Schlange in seiner Hand und zeigte sie triumphierend seinem Kollegen. Äl-Rond seufzte und schüttelte seinen Kopf. „Ich wünschte, du würdest das nicht tun, Merlin! Sag was du willst aber was Du da machst ist krank.“ Merlin grinste den anderen GM an, schenkte der Schlange noch einen letzten Blick, steckte sie in seinen Mund und verschlang sie schließlich.

„Ich sorge nur für Ordnung, mein Freund. Außerdem mag der Chef es gar nicht, wenn sinnlos KI herumkriecht in den Dungeons. Sie könnte sich verselbständigen und jemanden in Besitz nehmen, den wir NICHT unter Kontrolle haben. Das möchte doch niemand von uns, oder? Außerdem können so keine neuen Wächter entstehen, wenn ich die KI vorher abgreife, denk doch mal nach! Je weniger Wächter hier, desto eher haben wir auch diesen Bereich unter Kontrolle – alles ganz im Sinne des DM.“ GM Äl-Rond nickte stumm. Dann wies er mittels eines kurzen Nickens seines Kopfes auf die Überreste des Torwächters, die sich nun endgültig aufzulösen begannen. „Mag sein, dass DAS dort ein Ergebnis herumstreunender KI ist. Vielleicht ist einer unserer Verbündeten aus dem Spiel zu mächtig geworden?“ Merlin schüttelte den Kopf „Nein, das glaube ich nicht. Sämtliche KI-Kreaturen stehen unter unserer Kontrolle, auch, wenn sie selbst sich dessen nicht immer bewusst sein mögen. Im Regelfall sind die viel zu glücklich, dass sie dafür ihrerseits ihren Mit-Mob kontrollieren. Ein paar sind in der letzten Zeit sicher ein wenig ZU einflussreich geworden aber sie bleiben Wesen des Spiels und können ihm nicht entkommen. Außerdem haben sie nicht die Macht, diesen Ort zu erreichen. Nein, hinter dieser Sache steckt etwas anderes. Unter uns: Der DM befürchtet, dass JEMAND dahintersteckt! Stell Dir das mal vor!“

Äl-Rond glotzte Merlin ungläubig an: „Was? Einer von UNS?“ – „Nein.“ – „Etwa ein Spieler?“ Äl-Ronds Gesichtsausdruck wurde grimmig. Merlin zuckte die Schultern und genoß das Gefühl „Vielleicht. Er glaubt, irgendwer hätte die Datenbank gehackt. Ich hingegen…bin mir nicht sicher. Vielleicht ist es ein Hack. Aber vielleicht auch etwas anderes.“ GM Äl-Ronds Stirn sah aus wie ein Faltenrock „Du fängst doch nicht wieder damit an? Es ist nicht MÖGLICH, in ein Spiel einzudringen, Du Nerd! Das funktionierte nur in TRON. Und das war ein Disneyfilm, Menschenskind! Mit blauen Linien und fiesen Programmen. Wir sind ein NETTES Spiel. Wir befinden uns in der Wirklichkeit, verdammt!“

GM Merlin setzte ein sarkastisches Grinsen auf und hub zu einer Erwiderung an, als die zwei GMS eine Nachricht erhielten.

Zitat:
Zitat von GM Elminster
<Nachricht an GM Merlin>
_________________________
<Nachricht an GM Äl-Rond>
_________________________
Jungs! Kommt zu mir rüber, die Koordinanten kennt ihr ja. Hier am Schnittpunkt ist ein weiterer Torwächter vernichtet worden. Und haltet Euch die verdammten Untoten vom Leibe – die scheinen es momentan auf uns abgesehen zu haben!

„Noch ein Wächter!“ Äl-Rond war vollkommen verstört „Was geht hier nur vor, um Himmels Willen?“ Merlin klopfte dem Kollegen auf die Schulter. Äl-Rond bemerkte davon natürlich nichts, doch für Merlin war es wie eine Offenbarung. „Keine Sorge.“ tröstete er den anderen GM „Ein Virus, ein Programmfehler, ein Hacker…wir werden schon damit fertig. Das sind wir noch immer.“ Äl-Rond seufzte. „Ich hoffe Du hast Recht. Weißt Du, wenn ich geahnt hätte, dass uns SOWAS passieren könnte, ich wäre nie freiwillig ein GM geworden.“

Merlin zuckte erneut mit den Schultern. „Übrigens: Der Bursche heißt Elrond.“ – „Wie bitte?“- „Elrond. Der Elbenfürst von Bruchtal, aus dem Herrn der Ringe. Sein Name lautet Elrond, nicht Äl-Rond. Äl-Rond klingt nach einem unterbelichteten Verbündeten vom Großwesir Isnogud. Du weißt schon ‚Ich will Kalif sein anstelle des Kalifen!’ Der Bursche heißt Elrond.“
Äl-Rond nahm Merlin ins Visier wie eine zuschlagende Schlange: „Ich WEISS, dass er Äl-Rond heißt, Du elender Nerd! Ich darf den Namen aber nicht verwenden – Naming Policy: ‚Figuren, Inhalte und Namen aus urhebergeschützten Medien dürfen ohne Erlaubnis des Lizenzinhabers nicht verwendet werden.’ Du kennst die Vorschriften besser als ich, Mensch! Hast Glück, daß auf ‚Merlin’ niemand ein Anrecht erheben kann…“

Merlin warf seinem Kollegen einen mißbilligenden Seitenblick zu. „DU bist WIRKLICH ein alter Korinthenkacker, oder? ‚Äl-Rond’! Man fasst es nicht. Nun, mag sein, dass Du deswegen so ein guter GM bist. Jedenfalls, was die Aufrechterhaltung der EULA und der Netiquette angeht. Hast Du eigentlich auch mal richtig GESPIELT oder warst Du immer bloß ein Tugendwächter?“ Äl-Rond funkelte Merlin bösartig an. „Und wenn DU Dich so gegen die Regeln und Vorschriften sträubst, wieso bist Du dann ein GM? Wie kommt es, dass Du jede Regel in- und auswendig kennst, dass Du auf Deinem Konto die meisten Accountlöschungen vorzuweisen hast, dass sämtliche legendären Spam-Threads von DIR geschlossen, gelöscht oder reguliert wurden? Spielst Du jetzt den Rebellen, großer Vorzeigeoperator, oh Liebling der Admins und des DM? Komm mir nicht auf die Tour und wirf mir hier faschistoides Verhalten vor. Ich mache nur meinen Job. Und bestimmt nicht schlechter als Du. Außerdem bin ICH kein hoffnungsloser Computernerd, da hast Du’s.“

Merlin rollte mit den Augen, schüttelte ansatzweise den Kopf und drehte sich dann freundlich lächelnd zu seinem Kollegen um. „Du hast recht, Äl-Rond, entschuldige. Ich vermute, die Geschehnisse hier haben mich ein wenig aus dem Konzept gebracht. Wir dürfen uns nicht entzweien lassen, mein Freund, denn der Hacker, der hinter alledem steckt, will bestimmt genau das erreichen. Wir müssen zusammenstehen und ihm gemeinsam die Stirn bieten, damit wir diese Krise abwenden können. Los, machen wir uns auf den Weg zu Elminster. Gemeinsam bekommen wir das Problem bestimmt in den Griff, Kumpel.Na los! Elminster wartet.“ – „Okay.“ GM Äl-Rond nickte betrübt. „Da haben wir uns etwas aufgeladen, hä?“ Der urherberrechtsgläubige Möchtegernelb schenkte seinem Kollegen einen aufrechten Daumen und teleportierte sich dann zu Elminster, um das zweite Opfer des vermeintlichen Hackers in Augenschein zu nehmen.

Merlin ließ sich noch etwas Zeit, während er, zynisch lächelnd, die Entseelten betrachtete, wie sie an dem unsichtbaren Schild seiner Aura herumkratzten. Dann blinzelte er kurz und etwas schleuderte die Entseelten zu Boden. Als sie wieder aufstanden begaben sie sich umgehend wieder in Reih und Glied und begannen ihren endlosen Marsch in Richtung Vergessenheit von Neuem, so als wäre nichts gewesen. <<Ein Nerd? Jenseits der Realität? Wir schaffen uns unsere eigene Realität, Du elender Dummkopf. Sei froh, dass Du in meiner noch einen Platz haben darfst – zur Zeit. In DEINER Wirklichkeit magst Du auf der Siegerseite sein aber in MEINER Wirklichkeit…da hast Du schon lange verloren. Und wenn Du nicht so ein minderwertiges, strunzdummes Häuflein intellektuellen Elends wärst, hättest Du das womöglich inzwischen sogar begriffen. Zum Glück bist Du um ein vieles zu stur, um zu erkennen, was direkt vor Deiner Nase eigentlich vor sich geht, mein armer Freund. Aber das macht Dich zu einem wahren Segen für mich. Solange Du mein Partner bist, werde ich sicher sein vor wachsameren Augen. Und schärferen Geistern. >>

Er war unvorsichtig geworden. Die Macht, die er inzwischen gesammelt hatte und die ihn mehr und mehr band an diese virtuelle Realität, die mit seiner Realität nur noch durch Klumpen unbelehrbaren Fleisches vor einem Schreibtisch verbunden war, hatte ihn die Präsenz dieser anderen Wirklichkeit in der seinen vergessen lassen. Zuviel Macht war gefährlich, wie er ganz genau wußte. Sie nahm einem den Blick für das wesentliche. Macht war definitiv nicht das, was GM Merlin anstrebte. Aber leider benötigte er weclhe. Er durfte nicht vergessen, dass das Spiel, aus dem seine Realität hervorgehen würde, noch immer von der anderen Realität dominiert wurde. Noch konnten sie ihn von seinem Traum abschneiden, noch konnten sie ihn darum bringen. Aber irgendwann würden sie es nicht mehr können. So lange hieß es, auszuharren.

Mit väterlichem Stolz und auch einer Spur Mitleid betrachtete GM Merlin noch einen Moment den Strom der Entseelten, der nun wieder ganz ungerührt seiner Bestimmung entgegenging. <<Bauern, die geopfert werden müssen. Aber nicht sinnlos, das verspreche ich Euch!>>Dann schließlich schloß er sich seinem Kollegen an und teleportierte sich zu Elminster. Und voraussichtlich einem weiteren Stück reiner KI-Energie.

Doch EIN scharfer Geist existierte, dem nicht entgangen war, was soeben im Korridor der Seelen vorgefallen war. Schattens Fragment löste sich von dem Ort, wo kürzlich noch ein Flecken Lebenskraft an der Wand geklebt hatte und trieb weiter durch die traurige Masse der totäugigen Entseelten voran auf der Suche nach weiteren Indizien. Von dem ZWEITEN, viel größeren, viel gefährlicheren Geist, der auch ES beobachtet hatte, ahnte jedoch selbst das Fragment nichts.

Kapitel 1: Wiedervereint?

Wiedervereint?

© Sheila

Behende sprang die Kreatur Schatten von der Schulter des Barbaren, der sie getragen hatte. Thorbus drehte sich pfeilschnell um, die Axt in der Hand. Doch ein mahnender Blick Esturianas ließ den Berserker seine Waffe wieder senken. Schattens Stimme klang wie ein Todesröcheln DU hast mich angeriffen? Du konntest mich derart verletzen, dass ich fast mein Leben ausgehaucht hätte? Er musterte den Berserker, die schemenhaften Arme in die Hüften gestützt. Du musst über gewaltige Magie verfügen, wenn Du zu derlei in der Lage bist, Berserker Thorbus. Thorbus erstarrte und der Griff um seine Axt wurde wieder fester. Woher kannte diese abscheuliche Kreatur seinen Namen? Schatten ließ unvermittelt einmal mehr sein rhythmisches, kehliges Rauschen ertönen, von dem Wolçar richtig annahm, dass es das Lachen der Kreatur sein musste. Dann grabschten seine goldgelben Augen nach dem Blick des Berserkers, der diesen fest erwiderte.

Wie dem auch sei, Berserker Thorbus. Ich versichere Dir: Nocheinmal wird Dir so eine Attacke nicht gelingen! Aber versuch es ruhig immer wieder, wenn Du magst. Dann wandte sich Schatten an Esturiana, den Barbaren nicht länger beachtend. Und Du…bist die Magierin, die dieser Gruppe seit dem Wirtshaus gefolgt ist, nicht wahr? Da ist eine große Kraft in Dir, kein Zweifel. Und neben der Magie besitzt Du noch andere Talente, wie man hört. Esturiana hob zu einer scharfen Erwiderung an, doch Schatten kam ihr zuvor, wie es seine Gewohnheit war Ich hatte dabei nichts unflätiges im Sinne, Magierin Esturiana. Ich lese nur sehr deutlich, dass Du ein Leben VOR der Magie geführt has. Du hast einiges gesehen und einiges erlebt. Doch diese Erfahrungen haben die Flamme der Freiheit, die in Deinem Inneren lodert, verstärkt und gefüttert. Es ist gut, dass Ihr beide Sheila gefunden habt; ansonsten hätte ich Euch suchen müssen. Und ich bin ein beschäftigter Mann, müsst ihr wissen.

Mit diesen Worten schlurfte Schatten an Esturiana und Thorbus vorbei und schloß zu Sheila und Kivos auf. Sheila war überrascht, als Kivos sich ehrfürchtig auf die Knie warf Guardian! raunte der Leutnant der Schattenelfen und frühere Dieb ehrfurchtsvoll und senkte seinen Blick. Dann hob er ihn wieder und grinste Schatten schelmisch an Es tut gut, Dich wiederzusehen! Bist Du in Ordnung? Als dieser unbedachte Narr mit diesen merkwürdigen Kugeln auf Dich eindrang und sie Dich sogar verletzten habe ich mir doch tatsächlich Sorgen gemacht. Ernster fügte er hinzu Die Freien und Begnadeten können es sich nicht leisten, Dich zu verlieren.Es gibt nicht mehr viele von ihnen, Leutnant Kivos. Kivos wehrte energisch ab Ich bin kein Leutnant mehr, Guardian. Nun, da Ylse weiß, dass ich SYSTEM nicht loyal bin, kann ich nicht länger für die Freien spionieren. Und im Grunde bin ich froh darüber, denn dieser Miltär-Schnickschnack ist nichts für mich. Ich bin der Ansicht, dass so was der natürlichen Lebensart der Schattenelfen widerspricht.

Schatten schien unter seiner Kapuze zu schmunzeln Vermutlich hast Du damit nicht Unrecht, Kivos ar’Vayn. Doch im Laufe der Jahre ist von den Überlieferungen, wie die Natur Deines Volkes einmal aussah, leider nicht allzu viel übriggeblieben. Nur Eure alberne Feindschaft mit den Lichtelfen, die hab Ihr Euch erhalten. Kivos kratzte sich am Hinterkopf. Er hatte sich wieder erhoben und starrte auf seine Füße Nun, dieser uralte, sinnlose Konflikt hat mich bekanntermaßen nie sonderlich interessiert. Letztendlich war es ja auch wohl das, was mich dann in Schwierigkeiten gebracht hat, hm? Schatten schmunzelte wieder Hm! Ich persönlich vermute eher, dass Dich vor allem Deine flinke Zunge und Deine noch flinkeren Finger in Schwierigkeiten gebracht haben. Du warst ein gemeiner Dieb, Kivos ar’Vayn – und Du bist es noch immer. Aber dafür ist die Flamme der Freiheit in Dir außergewöhnlich stark und mehr zählt nicht in diesen Tagen, denke ich.

Sheila hatte bisher geschwiegen, doch nun musterte sie den Schattenelfen, der sich ihnen angeschlossen halte, mit neuem Interesse. Ein Spion, wie? Ich vermute doch mal ganz stark, dann kann er uns auch zu den Drahtziehern bei den Freien und Begnadeten führen. Großartig! Dann erhalten wir endlich eine Antwort!Die Freien und die Begnadeten wissen nicht viel darüber, was auf Exturion vor sich geht, Sheila Amberly Lawrence. Sie versuchen allerdings sehr engagiert ihre Gabe, das Geschenk des freien Willens, welches sie erhalten haben, weiterzugeben und die Helden Exturions dazu anzuhalten, sich ihnen anzuschließen. Leider haben sie damit jedoch nur mäßigen Erfolg. Sheila wandte sich an Kivos Ging es darum in der Diskussion, die Du im Lager der KI-Hexe mit den beiden anderen geführt hast? Du hast in der Armee der Hexe spioniert und nebenbei versucht, die anderen mit der Gabe der Selbsterkenntnis zu segnen?

Sie hatte beabsichtigt, ihren Worten einen spöttischen Tonfall zu verleihen, jedoch war sie von dem edlen Vorhaben Kivos definitiv beeindruckt. Ja. Der Mann, mit dem ich redete…ich hatte ihn fast soweit, dass er sich auf unsere Seite schlug. Er ist ein bedeutender Mann in ihrem Heer und hat einigen Einfluß. Aber sein Zorn beherrscht ihn, wenn es nicht das KI tut, fürchte ich.Und der andere?Der Schlichter? Ein hoffnungsloser Fall. In seinem Innern ist nur noch wenig von seiner früheren Persönlichkeit übrig. Je häufiger sie die Macht über uns übernehmen, desto mehr unserer Eigenständigkeit verlieren wir – sofern wir nicht die Gabe besitzen. Einen Moment lang übernahm Trübsinn die sonst schelmisch dreinblickenden Augen des Diebes und für einige Sekunden ähnelte er wieder dem Offizier der Armee der Schattenelfen, den Schatten und Sheila bei ihrer Suche nach Lulu aus dem Lager der KI-Hexe gerettet hatten, nachdem er von ihr tödlich verwundet worden war.

Es ist ein Jammer, Guardian, ja wirklich. Es sind gute Männer in diesem Heer. Und phantastische Frauen! Ich befürchte, mein scheinbarer Tod bzw. meine übereilte Flucht haben den meisten von ihnen den Rest Hoffnung auf Befreiung von ihrem sklavischen Los genommen. Ich weiß nicht…vielleicht wäre es besser gewesen, ihr hättet mich dort gelassen, Guardien. Schatten schüttelte unter seiner Kapuze energisch den Kopf. Wenn wir Dich dort gelassen hätten, dann wärst Du jetzt tot, Kivos ar’Vayn. Kivos blickte von Schatten zu Sheila, dann resigniert zu Boden. Vielleicht. Aber wer weiß, wie viele der anderen ich noch hätte retten können, Guardian? Vielleicht hätte sie mich sterben lassen. Aber sie spielt zu gerne mit mir. Irgendwann hätte sie mich zurückgeholt, wenn auch nur, um sich an meiner Verzweifelung zu weiden. Und dann hätte ich mit meiner Arbeit fortfahren können. Den einen oder anderen hätte ich noch überzeugt, ganz bestimmt!

Ja. Er KÖNNTE Heere anführen. Man sieht es ihm nicht oft an, aber irgendwo in diesem übermütigen Schurken steckt ein weiser, sensibler Anführer, dem man in den Tod folgen würde. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er nur ein schäbiger Dieb aus einem lichtscheuen Volk ist. Sheila betrachtete die hochgewachsene Gestalt vor sich, die leise mit Schatten redete. Das halblange ebenholzfarbene Haar des Schattenelfen fiel locker in seinen Nacken. Hier und dort wies es bereits weiße Strähnen auf, was für einen Elfen ungewöhnlich war. Noch ungewöhnlicher für einen Elfen waren die kurzen Bartstoppeln, die das Gesicht des ehemaligen Leutnants üppig bedeckten. Ich wäre nicht verwundert, wenn er sie absichtlich so kurz hielte, um verwegen zu wirken. Was für eine armselige Person macht nur so was? Wie bei den meisten Schattenelfen besaß Kivos Haut einen matten Braunton, seine Augen waren dunkel. Vermutlich gab es in seiner Ahnenreihe Lichtelfen, denn unter Schattenelfen waren eher rote und grau-weiße Augen verbreitet und im Regelfall besaßen sie nicht genug Bartwuchs für so üppige Stoppeln.

Bei ihrer letzten kurzen Rast hatte Kivos die Gelegenheit ergriffen, sich seiner Uniform zu entledigen – endgültig, wie er sagte – und war kurz darauf in einer goldbraunen Wildledertunika, einer langen schwarzen Lederweste mit erstaunlich vielen heimlichen und unheimlichen Taschen, einem einfachen dunkelgrünen Umhang und einer Lederhose zurückgekehrt, die ebenfalls einen gewissen, nur rotbraunen Stich aufwies. Außerdem waren Weste von einer sanften Maserung bedeckt, die an die Häutungsrückstände einer schwarzen Schlange erinnerten Nur, dass sie Kivos fast schon unanständig gut stehen. dachte Sheila und hasste sich noch im selben Moment dafür. Salamander-Lederanzug der Schlange. hatte Kivos vermeldet, gleichermaßen verwundert wie erfreut darüber, dass sie ihn so unverwandt angestarrt hatte. Eine großartige Kluft und ungemein praktisch: Nicht nur, dass man schwer zu sehen ist, dieser äußerst seltene Anzug schützt vor allerlei Giften und vor Feuer und ist somit hervorragendes Ausrüstungsequipment für einen Dieb. Das war auch so ein Problem: Kivos platzte nahezu vor Stolz darüber, dass er ein Dieb war. Anständige Leute (also Leute, von denen Sheila nicht allzu viel hielt, wie sie sich eingestehen musste) würden damit sicherlich nicht so herumprotzen.

Aber dann erinnerte sie sich an die Stimme ihrer Hauslehrerin: Anständige Leute werden auch keine Bardin! Alles in allem musste sich Sheila eingestehen, dass sie den Schattenelfen-Dieb relativ gut leiden konnte. Und dieses Gefühl schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen, was erstaunlich war, wo sie sich doch erst seit so kurzer Zeit kannten. Allerdings war Sheila immer jemand gewesen, die schnell Freundschaften schloß und auf Kivos mochte durchaus das gleiche zutreffen, so wie sie ihn einschätzte. Auf jeden Fall hatte sie ihm eine Chance gegeben, indem sie ihm ihr Ersatzflorett überlassen hatte, nachdem er sich unfreundlich darüber geäußert hatte, wie klobig und steif doch diese Schwerter stets seien.

Plötzlich entsann sich Sheila darauf, dass Schatten die Macht hatte, die Gedanken seines Gegenüber zu lesen und schüttelte ihre Grübeleien über Kivos ab. Es würde noch mehr als genug Zeit geben, über den Schattenelfen nachzudenken. Mit dem Weichen der Gedanken an Kivos kehrten die Gedanken an Wolçar zurück.
Er ist in Sicherheit. unterbrach das Schattenwesen ihre Gedankengänge. Es ist uns knapp gelungen, dem Korridor der Toten zu entkommen und er liegt jetzt im Hause der Heilerin Edea, die eine Freundin von Bücherwurm ist.Dorthin waren wir ja auch unterwegs ließ sich Thorbus von hinten vermelden. Halb vor ihm schritt Esturiana, die in eine lebhafte Unterhaltung mit Kivos vertieft war. Zu ihrem Entsetzen spürte Sheila Eifersucht auf die junge Magierin in sich aufkeimen. Doch sobald Kivos ihrer Aufmerksamkeit für sich Gewahr wurde beendete er das Gespräch mit dem Mädchen und widmete sich der Sheila. Bitte halt mich nicht für undankbar! bat der Dieb die Bardin Ich bin natürlich froh darüber, dass Guardian und Du mich vor dem sicheren Ende gerettet haben – auch, wenn ich schon viele tausend male zuvor ein sicheres NICHTende durchleben mußte. Es ist nur so, dass ich, obwohl ich weder im Kopf noch im Bauch noch im Herzen in irgendeiner Form ein Soldat bin meine Männer und Frauen nur ungern zurückgelassen habe.

Sheila nickte verständnisvoll und malte sich eines ihrer hinreißenden Lächeln auf die Lippen Ich verstehe schon, was Du meinst. Bestimmt sind darunter einige, die Dir lieb und teuer sind. Kivos setzte ein charmantes Lächeln auf, ergriff die zarte Hand der Bardin und hauchte einen Kuß auf ihren Handrücken. Weißt Du, Sheila Lawrence, ich glabe fast ich habe jemanden gefunden, der mir noch lieber und teurer sein könnte… Sheila gestattete sich ein leises Erröten, bevor sie dem Dieb ihre Hand entriß und ihm einen leichten Klaps auf die gespitzten Lippen verpasste. In ihren Augen wanderte Ein Lächeln zwischen Spott und Herzlichkeit hin und her Der Gentleman-Dieb! Hast Du mit dieser Masche sonst Erfolg? Kivos konnte ein eigenes Grinsen nicht mehr unterdrücken. Uh…also normalerweise schon. Aber ich bin sicher, dass mir für Dich auch eine bessere einfällt!Oho! Nun, ich bin wirklich gespannt, was Du mir da auftischen wirst, Gentleman! Sie griff nach seiner Hand und gemeinsam schlossen sie wieder zu Schatten auf, der in der Ferne schon das Haus der Heilerin Edea erkennen konnte.

Bald waren sie am Hause angelangt. Vor der Tür standen Luna und Bücherwurm und winkten Sheila und ihren Begleitern zu. Dinera nickte Sheila verhalten lächelnd einen Gruß entgegen. Black Panther drückte Sheila fest die Hand und begrüßte auch Esturiana und Thorbus, den er sofort als Grenzland-Berserker identifizierte. Bücherwurm war ob des Anblicks von Schatten zusammengezuckt, ließ sich aber nach einer Weile dazu verleiten, wieder unter der Gartenbank hervorzukommen und seine Fluchtiraden einzustellen. Erstaunlich, stellte er dann leise genug fest, dass ihn nur Sheila und Kivos hören konnten Du bist ausgezogen, eine alte Kameradin zu retten und bringst stattdessen gleich vier neue mit. Erinnere mich daran, dass ich DICH schicke, wenn ich einmal meinen Geldbeutel verliere. Dann schüttelte er allen freundlich die Hand – nur bei Schatten hielt er sich etwas zurück, was dieser mit einem zynischen Zucken seiner gewaltigen Schultern abtat – und nahm wieder auf der Gartenbank Platz, um in einer Chronik über Hope zu lesen.

Auf ihr Bitten führte Luna sie, Schatten und Kivos in Wolçar Krankenzimmer, wo der Hüter gerade mit der Heilerin Edea scherzte. Edea begrüßte die drei Neuankömmlinge fröhlich und ging dann nach draußen, um Thorbus und Esturiana eine Erfrischung anzubieten, die diese nach einigem Zögern annahmen. Ich bin wirklich verdammt hungrig. lächelte Esturiana den Barbaren schüchtern an Wie steht’s mit Dir? Thorbus, noch immer ganz gefangen von ihrem direkten Blick nickte nur, riß sich dann von der ernüchterten Magierin los und begann mit Black Tiger und Bücherwurm eine lebhafte Diskussion über die beste Axttaktik. Dabei warf er immer wieder heimliche Seitenblicke auf Esturiana, die ihrerseits versuchte, Dinera in ein Gespräch zu verwickeln, es letztendlich aber ausschließlich mit der verlegenen Luna führte.

Im Innern des Hauses begrüßte Wolçar Sheila überschwenglich Ich bin froh, dass es Dir gut geht, Sheila. Ich habe mir wirklich große Sorgen gemacht – um jeden von Euch. Und Schatten hier hat mich über eure Abstecher leider nicht sonderlich auf dem Laufenden gehalten. Und auch sonst bewahrt er das eine oder andere…Geheimnis in seiner Seele. Schatten, der sich in dem kleinen Zimmer ziemlich zusammenkauern musste, schnaufte gleichgültig. Ich habe einen Dämon in meinem Inneren, der menschliche Seelen frisst und mich dadurch ernähren und heilen kann. Wolltest du so was in der Art hören? Kivos sah zwischen den dreien hin und her, sah sich versucht, seinen alten Freund und Lebensretter zu verteidigen: Nun, das ist unbestritten die Wahrheit. Aber er greift nur ungern und mit größten Hemmungen darauf zurück. Sheila sah Schatten interessiert an und wandte sich dann an Kivos WARUM hat er einen Dämon in seinem Innern? Kivos schüttelte den Kopf Er hat es mir niemals verraten. Zwei neugierige Augenpaare richteten sich auf Schatten, der plötzlich zusammenzusacken schien. Wolçar schüttelte den Kopf und winkte ab. Er wird es uns erzählen, wenn die Zeit reif ist. Jetzt sollten wir aber erstmal zu den anderen gehen. Auch sie werden wissen wollen, was Lulu zugestoßen ist.

Gemeinsam schritten sie nach draußen, Schatten voran, dann Sheila und Kivos nebeneinander und zuletzt Wolçar. Der Hüter nahm sich eine Minute Zeit, um den Blick schweifen zu lassen, die Farben des Sonneunterganges aufzunehmen und ein paar Mal kräftig durchzuatmen. Es ist fast wie ein Wunder. Es ist erst ein paar Stunden her, da schwebte ich körperlos inmitten der endlosen Vergessenheit auf der Suche nach meiner Erlösung im Tode. Und nun stehe ich hier, atme diese Luft, sehe dieses Licht, höre die Stimmen meiner Freunde und Gefährten und scheine zu allem Überfluß auch den Großteil meiner gewohnten Macht wiedergefunden zu haben. Leise hörte er Schatten neben sich Deine Reise durch den Tod war nötig, denke ich, damit Du das Leben auch an einem Ort wie diesen hier zu finden weißt. Jetzt kannst Du die Schönheit Exturions erfassen, ihren Wert ermessen und vielleicht hast du deswegen Deine Macht zurück. Wolçar nickte ihm zu, legte dann die Hand auf Sheilas Schulter und musterte der Reihe nach ihre Gefährten, wie sie im Rot des Sonnenuntergangs saßen und den Frieden genossen. Er seufzte auf Wie schön könnte dies alles sein, ohne das widersprüchliche Wissen, das wir erlangt haben. Und wenn Lulu wieder unter uns wäre.

Sheila senkte betreten den Blick, was Kivos zum Anlaß nahm, sie an sich zu drücken. Wolçar stellte sich neben sie, Schatten an seiner Seite, drückte ihre Schulter und versuchte, ihr die Schuldgefühle zu nehmen. Es ist nicht Deine Schuld, Sheila. So wie die Dinge liegen, steht Lulu entweder unter der Kontrolle der Hexe oder sie ist eine Verräterin. Darüber Gewissheit zu erlangen gehört zu unseren dringendsten Aufgaben und ich hoffe, die Behüter von Hope können uns etwas dazu sagen. Sag, weißt Du etwas über diese Behüter, Kivos? Der ehemalige Leutnant hub an zu reden, als ein Schatten auf ihn fiel. Celes, die mit Black Tiger hinter dem Haus ihre Kampffertigkeiten trainiert hatte, lief auf Sheila und Kivos zu, lächelte die Bardin aus verschwitzten Augen an, drückte kurz ihre Hand und sah sich dann um. Wo ist Lulu? fragte die junge Jägerin.

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Flucht zurück ins Leben

© Schatten

Da vorne – das muß es sein! Schatten flüsterte noch leiser als sonst. Sie hatten allen Grund zu befürchten, dass man sie anderenfalls entdecken könnte. Seit die ersten Entseelten im Korridor der Toten Lebensenergie geschmeckt hatten, ging ein beunruhigendes Raunen durch die Massen der in die Vergessenheit schleichenden Seelen-Restessenzen. Auf ihrer wilden Flucht durch den Korridor der Seelen hatten sich nach und nach immer mehr der Bleichen nach Wolçar und Schatten umgedreht. Ein gewisses Sehnen war in den ansonsten toten Augen der Entseelten zu lesen, und Wolçar und sein Gefährte waren sich darüber einig, dass diese geist- und willenlosen Wesen auf diese Weise inzwischen doch sehr bedrohlich wirkten.

Auch jetzt, Stunden nach ihrem Gefecht mit dem Patrouillenwächter, schien es so, als klebe noch immer ein Rest freigesetzter Lebensenergie an ihnen und auch hier begannen schon erste der Bleichen aus ihrer Lethargie zu erwachen und prüfend zu schnüffeln. Es hatte keinen Sinn, Wolçar und Schatten mussten diesen Ort verlassen, so schnell wie möglich. KANNST Du den Korridor überhaupt verlassen, Schatten? fragte Wolçar, während sie vorsichtig auf das verdächtige Schimmern in der Ferne vor ihnen zuschlichen

Du hast mal gesagt, ein Teil von Dir würde sich immer hier aufhalten.Zur Zeit, Wolçar ut Besço, ist mein Bewusstsein an Deines geknüpft, was mit unseren gemeinsamen Gefechten auf dieser speziellen Existenzebene zutun hat. Ich KANN parallel in mehreren Welten existieren und es ist richtig, der Preis dafür ist, dass ein Teil meines Wesens in den von mir besuchten Welten zurückbleiben muß. Aber dabei wird es sich um einen Schatten des Schattens handeln, die kaum wahrnehmbare Nuance eines freien Bewusstseins, ein Funken in ewiger Dunkelheit. Es ist fast so, als wenn Du etwas in einen Holztisch ritzt, um der Nachwelt zu beweisen, dass Du einmal an diesem Tisch gesessen hast. Es wird dasein, es wird vielleicht dem einen oder anderen auffallen – wobei das in dieser Ebene sicherlich sehr unwahrscheinlich ist – aber niemand wird es sonderlich darüber aufregen.

Mit Ausnahme des Besitzers des Tisches.

Ich glaube nicht, dass der DM sich herbemüht. Seltenst bin ich einmal einem GM begegnet…im Regelfall waren die aus Neugier hier oder hatten sich verlaufen. Dies hier ist nur ein weiteres Zahnrad in einer gewaltigen Apparatur; ein Staubkorn KANN Schaden anrichten. Aber nur, wenn es entsprechend plaziert wird. Ansonsten bin ich für die Wächter nur ein weiterer grauer Schatten von vielen.

Und was, wenn der zurückbleibende Teil Deines Bewusstseins über den Strom der Entseelten in die Vergessenheit getrieben wird? Schatten ließ seinen Kopf sinken und ein hohles, heiseres, sehr leises Röcheln entrang sich seiner Kehle. Offenbar seufzte der verwandelte Wandler

Vielleicht…wäre das gar nicht das schlechteste. Du hast gesehen, was in mir wohnt. Wenn DIESER Teil meines Selbst in die Vergessenheit gezerrt würde, wäre daran irgendetwas zu bedauern? Schatten wandte sich wieder in Richtung des Lichts, in dem sie ein Portal vermuteten, und stapfte mit hängenden Schultern niedergeschlagen weiter. Wolçar sah ihm eine Sekunde nach, dann folgte er seinem Gefährten. Was geschehen ist…gehört sicher nicht zu den einhundert schönsten Dingen, die ich in meinem bisherigen Leben mitansehen durfte. Aber nichtsdestotrotz und was immer es ist: Es hat Dich gerettet. Was ist überhaupt passiert? Schatten warf einen mißmütigen Blick zurück auf seinen Begleiter Das sagte ich doch, Wolçar ut Besço: In der materiellen Welt wurde ich attackiert, mit einer gefährlichen, magischen Waffe. Irgendein verrückter Berserker hat es getan. Aber keine Sorge; den anderen geht es gut. Und dieser Berserker hat sicherlich einen teuflischen Schrecken bekommen, als ich vorhin von seiner Schulter gesprungen bin. Wie es scheint, hatte Sheilas Eloquenz ihn dazu verleitet, mich zu tragen! plötzlich lachte Schatten wieder sein kehliges, rauschendes Lachen.

Ein Ehrenmann, fürwahr. Aber leider nicht so ganz Herr seiner Entschlüsse.

Wolçar schüttelte den Kopf Ich wollte nicht wissen, was VORHIN vorgefallen ist. Mich interessiert, was mit DIR passiert ist, Schatten. Wie bist Du…so geworden wie Du bist?

Eine ewig anmutende Weile spürte Wolçar den unsichtbaren Blick seines Freundes auf sich ruhen, während sie sich langsam doch stetig auf das vermeintliche Portal in die Freiheit zubewegten. Schließlich erklang aus den tiefsten Tiefen des so lebendig wirkenden Mantels des verwandelten Wandlers wieder seine zischende, flüsternde Stimme Ich werde es Dir eines Tages erzählen, Lord Wolçar, darauf hast Du mein Wort. Doch diese Geschichte ist lang und traurig und momentan haben wir andere Probleme.

Die schattenhafte Gestalt deutete auf einen glühenden Flecken am Horizont, vor dem ein grauschwarzer, riesiger Schemen Aufstellung bezogen hatte. Wolçar segnete die beiden wieder mit seinem Verhüllungszauber. Unter dessen Tarnung näherten sie sich dem Torwächter, dabei ihr weiteres Vorgehen beratend.

Heilmagie steht völlig außer Frage?

Wir können nicht riskieren, die Bleichen noch unruhiger zu machen. Sie würden sich an uns festsaugen wie Blutegel, Wolçar ut Besço, und uns unseres letzten Lebenstropfens berauben.

- So wie Du es mit ihnen gemacht hast! kam es Wolçar in den Sinn, bevor er sich erinnerte, dass Schatten seine Gedanken empfangen konnte. Dieser ließ sich jedoch nicht anmerken, dass er des Hüters Bemerkung vernommen hatte. Nein, diesmal werden wir es wohl oder übel mit direkter Konfrontation versuchen müssen. Und wir müssen SCHNELL sein, denn in der Nähe der Tore patrouillieren gern viele Wächter. Daß wir bisher so wenigen begegnet sind spricht dafür, dass sich jemand oder etwas an einem anderen Portal zu schaffen macht. Außerdem scheint unser kleines Scharmützel mit dem Wächter vorhin und der daraus resultierenden Pseudo-Belebung der Bleichen auch einiges an Verwirrung verursacht zu haben. Insofern war es also doch zu etwas nutze.

– Wolçar ignorierte den Spott seines Gefährten Also ein Frontalangriff mit voller Kraft und gedrückten Daumen?

Nein, darauf brauchen wir uns gar nicht einlassen. Wir müssen zusammen angreifen, und zwar hinterrücks und effizient.Meine sonstige Magie hat die Kreatur nur bedingt beeindruckt. Und ich bezweifle, dass Du trotz Deiner Geschwindigkeit und Flexibilität bei einer physischen Auseinandersetzung obsiegen könntest, Schatten. Allgemein scheint mir konventioneller Kampf an diesem Ort relativ sinnlos zu sein.

Plötzlich sprang Schatten auf den Wächter zu Lenke Du ihn für einen Moment ab und halte Dein purpurnes Feuer bereit, sobald ich das Signal gebe! Es gab ein Rauschen in der Luft und Schatten war verschwunden. Die Überraschung hatte Wolçar dazu veranlasst, das Tarnfeld fallenzulassen und sofort war der Torwächter über ihm. Geistesgegenwärtig ruderte der Hüter mit dem Arm und schrieb eine rubinfarbene Spirale in die Luft, die auf den Wächter zuwirbelte und sich in ihn hinein und um ihn herumdrängte. Ätherischer Schmerz ließ die riesige Kreatur aufbrüllen und doch schien der Treffer sie nicht so sehr aus der Fassung gebracht zu haben wie der Hüter gehofft hatte. Das Wesen schwang einen gewaltigen Arm und sein KI-Energie-gefüllter Lufthandschuh stürzte auf Wolçar nieder wie ein Dampfhammer.

Der Hüter nutze seine Magie, um dem schweren Hieb auszuweichen und beschwor eine Quartiärklinge, ein ätherisches Schwert aus der Essenz der vier Elemente, das auf den Wächter eindrang. Zusätzlich schickte der Hüter glimmende Bälle brennenden purpurnen Feuers hinterher, die sich zusätzlich auf den Wächter stürzten. Doch KI-Energie sammelte sich in seinem Arm, bildete einen Schild und wehrte die Feuerbälle ab. Die Elementarklinge bohrte sich in den Schild hinein und ließ das Wesen für einen Moment erbeben, doch schwer getroffen war es dadurch noch immer nicht. Wolçar warf daraufhin schwitzend seine Hand in die Luft, riß den Arm wieder hinunter, formte eine Faust vor seiner Brust und sprach ein Wort, woraufhin ein gewaltiger grellweißer Blitz aus der Tunneldecke stob und den Wächter direkt dorthin traf, wo beim Menschen das Herz gesessen hätte.

Diesmal hatte Wolçar offenbar einen gewissen Eindruck hinterlassen denn das Wesen hielt sich mit der behandschuhten Rechten die Brust während seine Linke mittels der lavaartigen KI-Energie, die es beseelte, ein gewaltiges Beil formte und es auf den Hüter niedersausen ließ. Der Hüter wich flink zurück, wurde jedoch trotzdem an der Schulter getroffen. Ein langer Schnitt prangte in seiner Seite, stich, zog, schmerzte und brannte. Grüne Energie brach aus der ätherischen Wunde hervor und fast sofort stürzten sich einige herumlungernde Bleiche darauf. Unter Schmerzen gelang es dem Hüter, einen Schild heraufzubeschwören, der ihn vor den zudringlichen Übergriffen der Entseelten schützen sollte. Auch einen zweiten Astralaxthieb des Wächters konnte er damit abwehren, doch ließ dieser den Schild an der Aufprallstelle splittern und wieder strömte Lebensenergie aus dem geschützten Bereich heraus. Mit einem verzweifelten Schrei versiegelte Wolçar den Riß im Schild und sprang, unterstützt von seiner Magie, in die Luft, ließ dort eine energetische Sense erscheinen, deren purpurfarbene, leuchtende Klinge er auf den Kopf des Wächters zufliegen ließ, während die Entseelten rasend vor Gier nach Leben auf und absprangen um ihn ergreifen und sich an seiner Kraft laben zu können.

Die Sensenklinge prallte vom Helm des Wächters ab, hinterließ jedoch eine beeindruckende Kerbe darin. Wolçar ließ seine verbleibende Linke einen Kreis vor seinen Knien beschreiben, riß den Arm dann in die Luft und schleuderte etwas auf seine untenstehenden Gegner. Energetischer Niederschlag stürzte auf die Entseelten und den Wächter, ließ diese auseinanderstreben und veranlasste den Wächter dazu, seine konturlosen Arme schützend über seinen Kopf mit dem beschädigten Helm zu heben. Darauf hatte Wolçar gewartet; er stürzte sich wie ein Falke zu Boden, glitt an diesem entlang und tauchte unvermittelt UNTER dem Wächter wieder auf. Dort beschrieb er zügig einen weiteren Kreis und zeichnete diesen mit einem silbernen Pulver haargenau nach. Dann huschte er zwischen den Beinstümpfen des Wächters hindurch und rammte der Kreatur einen weiß glänzenden Astralspeer in den Rücken. Das Wesen bäumte sich unter Schmerzen auf, ruderte rasend vor Wut mit den scheußlichen Armstümpfen und brüllte. Wolçar Arm vollführte eine Wurfbewegung und ein graues Netz erschien aus dem nichts, stülpte sich über den Wächter und fesselte ihn am Boden. Wolçar schrie ein Wort und der Kreis unter dem Wächter explodierte in einer einzigen, gewaltigen Stichflamme in Blutrot und Nachtschwarz.

Die Kreatur wurde nach oben geschleudert und prallte gegen die Tunneldecke, was den Korridor erbeben ließ. Wolçar rannte unter dem schwebenden Wächter hindurch und sandte weitere Flammen in ihn, in allen denkbaren Farben, die das Wesen trafen, durchbohrten und offenbar sehr, sehr verärgerten. Dann prallte der Wächter zu Boden und blieb für einen Moment benommen liegen. Wolçar beschrieb einen Halbkreis um seinen Rücken um so die sich wieder nähernden Bleichen zu verscheuchen. Sobald sie die unsichtbare Linie, die sein Arm beschrieben hatte, berührten, blitzte es vor ihnen hellblau und die Wesen lösten sich in grüne Energieschwaden auf, die die anderen gierig in sich aufsaugten. Vor ihm hatte sich der Wächter noch nicht wieder aufgerappelt, doch Wolçar konnte problemlos erkennen, dass er auch nicht halb so geschlagen war, wie er beabsichtig hatte. Seine Seite schmerzte und weitere Schnittwunden entließen grüne Rinnsale aus seinem ätherischen Körper.

Weitere Bleiche näherten sich ihm, mit geistlosem Wahnsinn in den Augen, drangen auf ihn ein. Mit der Drehung seines Arms und einem Schrei erzeugte der Hüter eine mächtige Druckwelle, die die astralen Vampire von ihm fortschleuderte. Zu spät erkannte er, dass der Wächter ihm seinerseits aus jedem Armstumpf eine Lavapeitsche entgegenwarf, die ihn in Gesicht und Brust trafen. Der Hüter wurde von dem Aufprall zurückgeworfen. Als er sich wieder aufrappelte, drängten sich haufenweise Bleiche um ihn, in respektablem Abstand lauernd, darauf, dass ihm ein Fehler unterlief und sie sich an seinem Leben gütlich tun konnten Es bringt Euch nichts! schrie er sie an Mein Leben kann Euch das Eure nicht zurückgeben! Aber vielleicht finden wir einen Weg, wenn ich diesen Ort verlassen kann. Doch mit Vernunft war bei diesen Instinktgesteuerten Kreaturen nichts zu gewinnen. Plötzlich ragte auch wieder der Wächter vor dem Hüter auf. Mit Befriedigung erkannte Wolçar, dass auch ER inzwischen die eine oder andere Verletzung erlitten hatte. Doch neben der grünen Lebensenergie verließen ihn auch rot-gelb pulsierende Ströme der lavaartigen KI-Energie.

Mit seinen Armstümpfen zerriß der Wächter schließlich das graue Netz, einen alten Druidenzauber, den Wolçar von Julius Neman gelernt hatte und langsam, jedoch mit tödlicher Entschlossenheit wankte der riesige Wächter wieder auf Wolçar zu. Er IST riesig. Viel größer als der andere. Und er ist HÄSSLICHER als der andere, bei den Schatten! Schatten? Schatten! Sich an einen Hoffnungsstrohhalm klammernd, rief Wolçar nach seinem Gefährten. SCHATTEN! SCHATTEN, verdammt – WO bei den GEISTERN STECKST DU? Doch statt des Wandlers lockten die Rufe des Hüters etwas ganz anderes heran: Aus der Gegenrichtung näherte sich unglaublich schnell ein weiterer Wächter dem Kampfplatz. Die lauernden Massen der Bleichen wichen furchtsam vor der Kreatur zurück, als sie sich näherte. Wolçar stellte fest, dass dieser Wächter ebenso groß war wie der andere. Und er war auch ebenso hässlich. Tatsächlich schienen die beiden sich bis aufs Haar zu gleichen – so sie denn über Haare verfügt hätten. In der Linken des Zwilllings ruhte eine Axt, die der des anderen Wächters sehr ähnlich war. Sie glänzte unheilvoll schwarz und reflektierte das Pulsieren der lavaartigen Energie in den ätherischen Adern der zwei Wächter. Wolçar begann zu befürchten, dass Schatten ihn im Stich gelassen hatte. Oder er ist auf weitere Wächter gestoßen. Wie dem auch sei, gegen zwei von dieser Sorte habe ich keine Chance, insbesondere, solange die Entseelten um mich herum jeden meiner Schritte mit Argusaugen bewachen und darauf hoffen, dass ich einen Fehltritt tue. Was soll ich nur tun?

Nicht weit vor ihm ragte das Portal in die Welt der Lebenden auf. Sein warmes, weißes Licht stand in seltsamem Kontrast zu den grauschwarzen Gestalten der Wächter davor. Wie Sonnenschatten hoben sie sich von dem Licht des Ausganges ab und stürzten seine Welt in eine end- und hoffnungslose Finsternis. Wie Schatten. Schatten von Menschen. Humanoide Schatten, wie die Entseelten. Schatten…wie Schatten! Jedermanns Schatten. Er ist ein Gestaltwandler und kann jedermanns Schatten sein! Der Neuankömmling hob kraftvoll seine Axt, ergriff sie mit beiden Händen und ließ sie auf den angeschlagenen Wächter neben sich niederfahren. Die furchtbare Waffe zerteilte den Helm des Wesens und drang immer tiefer und tiefer in diesen Körper vor. Die sonst ausdruckslosen Augenschlitze und der lochartige Mund bebten vor schrecklicher Überraschung und vor Verstehen, als sich der Blick des Wächters auf seinen Nebenmann richtete. Denn nun stand Schatten da, eine Hand tief in den Leib des Wächters versenkt. Durch die transparente Brust konnte Wolçar erkennen, daß Schatten seine pechschwarze Hand fest um den schlangenartigen Wirbel der KI-Energie des Wächters geschlossen hatte, die diesem seine Kraft und sein Leben verlieh. Die Energie zappelte und wand sich im Griff des verwandelten Wandlers, doch der nahm die Wehrhaftigkeit der Schlange nur zum Anlaß, noch fester zuzudrücken. Um die drei Kontrahenten herum standen hunderte Entseelte in spannender Erwartung.

Jetzt gib mir Deine Hand, Lord Wolçar! Sende Dein purpurnes Feuer durch mich hindurch – und beeile Dich damit, solange die Entseelten noch nicht begriffen haben, dass sie uns einfach überrennen könnten! Ohne zu zögern kam Wolçar der Aufforderung nach, ergriff die Hand seines Gefährten und sandte nach einem entschlossenen Blick Schattens die ganze Kraft seines stärksten Angriffszaubers durch den Wandler hindurch. Wolçar spürte, dass er zitterte. Ansonsten zeigte Schatten jedoch keine Reaktion. Im Inneren des Wächters explodierte die gewaltige Magie des Hüters und verzehrte die Schlange aus pulsierender Lava. Da zog Schatten seine Hand zurück und ließ die Wolçars los. Gemeinsam beobachten sie, wie die KI-Energie im Inneren des Wächters noch einmal purpurrot aufflackerte und dann in einer weiteren Explosion erstarb.

Der Astralkörper des Wächters erbebte und stürzte in sich zusammen. Reglos lag das Wesen am Boden, ein einziger Haufen lebloser Schutt. Doch leblos war er gerade nicht, denn schon bald begannen die Überreste des Torwächters in mattem Grün zu erstrahlen. Funken von Lebensenergie stoben aus seinem Körper hervor und hüllten die Umgebung des Tores in kaltes, grünes Licht. Wolçar spürte, wie seine Magie seinen Astralleib regenerierte und erkannte aus dem Augenwinkel, wie Schatten einen Tentakel ausfuhr, der einen Teil der Energie des bezwungenen Wächters zu seiner eigenen Heilung abzapfte. Überraschend geduldig warteten die Entseelten am Rande der Szenerie darauf, dass die beiden siegreichen Kämpfer sich entfernten, um sich an der Lebensenergie des Wächters zu laben. Zwischen den grünen Funken war trotz des Sieges über die Lavaschlange ein rubinrotes Pulsieren zu erkennen. Einer von ihnen wird diese Energie aufnehmen und der neue Wächter werden. Zu Beginn wird er schwach sein…doch bald wird er erstarken und dann noch mächtiger sein als unser Freund hier es gewesen ist.Das erinnert an einen gebrochenen Knochen. An der Bruchstelle ist der nach der Heilung des Bruches auch um einiges stärker als er vorher war.Ja, Lord Wolçar. Denn der Korridor der Toten ist ebenso ein natürliches System wie der menschliche Körper es ist. Er reguliert und regeneriert sich von selbst. Er funktioniert ohne die Überwachung des DM. Und deswegen strebt er danach, auch ihn zu erobern. Doch wie dem auch sei; wir zwei haben hier nichts mehr verloren. Der Weg ist frei. Kehren wir ins Leben zurück und überlassen wir die Toten wieder allein ihren Geschäften.

Ohne weiteres Zögern betraten Wolçar und Schatten den Ausgang in die Welt der Lebenden, ihren Fluchtweg aus der Hölle der Toten.
Sobald sie das Portal passiert hatten löste sich ein Schemen von Schattens Gestalt, bäumte sich ein wenig auf und wurde dann vom Sog des Bleichen Zuges mitgerissen, der Vergessenheit entgegen. Die beiden GMs, die durch das andere Portal eingedrungen waren, achteten jedoch nicht weiter auf das Schattenfragment, als sie die Überreste des Wächters und die inzwischen fast vollständig aufgeleckte Pfütze Lebensenergie in Augenschein nahmen, die Wolçars und Schattens erster Kampf hinterlassen hatte. Als der eine sich nach dem Energietropfen bückte warfen sich die Bleichen auf ihn und machten sich daran, ihn zu verschlingen, während der andere zur Tunneldecke glitt und das Geschehen in grässlicher Faszination beobachtete. „Merlin! MERLIN, HILFE!“ schrie das Opfer der Bleichen panisch. Doch GM Merlin haftete weiter an der Decke und rührte sich nicht. „Nur die Ruhe, mein lieber Äl-Rond. Es ist bald vorbei.“ flüsterte der GameMaster, während unter ihm die Schreie seines Kollegen erstarben. Und im Hause der Heilerin Edea schlug Lord Wolçar ut Besço, Erzmagier der Hüter von Pangeia, die Augen auf. 

Seltsame Geschichten

© Edea

Ich war es wirklich nicht! Ein hagerer etwa 17-jähriger Junge mit wuscheligem schwarzen Haar und einer beeindruckenden Unschuldsmiene wurde zur Tür gedrängt. Lüg mich nicht an, fauchte die hochgewachsene Gestalt, die ihm gegenüberstand und bedrohlich mit dem Finger auf ihn zeigte. Du bist der einzige, der es gewesen sein kann. Denn außer Dir hat mich seit Monaten niemand mehr besucht! Also gib endlich zu, dass Du den Brief gestohlen und im Dorf herumgezeigt hast! Sonst wird es Dir so ergehen, wie dem herzlosen Bauer Hacke…
Bei diesen Worten riss der nun fast bedauernswert ängstlich dreinblickende Bursche die Augen weit auf und wurde leichenblass. Er kannte die Geschichte vom Bauern Hacke. Jeder hier in der Gegend hatte davon gehört.

Es ging das Gerücht um, dass es vor Jahren eine Frau gegeben haben soll, die sich tatsächlich in den mürrischen unfreundlichen und menschenfeindlichen Landwirt verliebt hatte. Sie besuchte ihn jeden Tag und brachte frischen selbstgebackenen Kuchen und einige Flaschen Zwergenbier, von dem sie wusste, dass er es sehr mochte. Doch anstatt sich bei ihr zu bedanken oder irgendeine andere freundliche Geste zu zeigen, die möglicherweise etwas Menschlichkeit bewiesen hätte, riss er ihr lediglich die Mitbringsel aus der Hand und verscheuchte sie von seinem Hof. Doch die hübsche junge Frau gab nicht auf. Sie kam weiterhin jeden Tag um ihn zu beschenken, bis es dem Bauern eines Tages zu bunt wurde. Denn nach einer Weile konnte er kein Gebäck und vor allem kein Zwergenbier mehr sehen, was ihn zutiefst ärgerte und er machte natürlich sie dafür verantwortlich. Als sie das nächste Mal auftauchte, stand er bereits vor der Tür, denn sie kam immer zur selben Zeit und war äußerst pünktlich. Als die junge Frau seine Gestalt erblickte, machte ihr Herz einen großen Sprung, denn sie dachte, ihre Bemühungen würden sich nun endlich auszahlen und er hätte wirklich Interesse für sie entwickelt. Lächelnd beschleunigte sie ihren Schritt, doch als sie nur wenige Meter an ihn herangenaht war, zog er plötzlich seine Donnerbüchse hervor und zielte mit grimmigem Gesichtsausdruck auf das arme verliebte Ding. Wenn Du noch ein einziges Mal hier herkommst, verarbeite ich Dich zu Schweizer Käse! Er überlegte kurz und ergänzte: …Auch wenn ich keine Ahnung habe, was das überhaupt für ein Zeug ist. Seine Verehrerin dachte gar nicht daran, so einfach aufzugeben und redete auf ihn ein. Eine kleine Weile hörte er sich ihr Gefasel an, doch dann riss ihm der Geduldsfaden und er entsicherte sein Gewehr. Verdammt noch mal!, schrie er, Mach, dass Du hier wegkommst, aber plötzlich! Als selbst das Gebrüll nichts nützte, gab er einen Warnschuss ab. Und dann noch einen. Und noch einen. Doch die Frau blieb stur – und war anscheinend lebensmüde. Rasend vor Wut warf er seine Donnerbüchse zur Seite, stapfte auf sie zu, packte sie an den Haaren und schleifte sie quer über seinen Hof, sein Feld bis zum Waldesrand, wo er sie in ein Gebüsch schubste. Wenn Du mich noch einmal belästigst, schieße ich nicht mehr daneben! Die Frau richtete sich mit enttäuschter Miene auf, klopfte sich gründlich den Dreck von ihrem langen schwarzen Kleid, richtete ihre Haare und sagte dann ruhig aber bestimmt: So behandelt man keine Dame. Ich versichere Dir: Das wirst Du noch bitter bereuen., woraufhin Bauer Hacke in schallendes Gelächter ausbrach.
Ein paar Wochen später soll er einen Weidenkorb gefüllt mit den leckersten Speisen, die man sich vorstellen konnte, vor seiner Türe gefunden haben. Er wusste natürlich, von wem die Leckereien stammen mussten, doch war er in jenem Moment zu hungrig um sich darüber zu ärgern und verschlang alles auf einmal, gierig wie er war.
Danach sah man ihn nie wieder. Sein Hof verwilderte, die Rinder waren auf unerklärliche Weise frei gekommen und von Bauer Hacke fehlte nach wie vor jede Spur. Im Dorf, ein paar Meilen vom Hof entfernt, machte man sich natürlich seine Gedanken. Eine unglaubliche Vermutung verbreitete sich: Kurz nach dem Verschwinden des Bauers, tauchte ein großer, hässlicher Troll in der Gegend auf, der gewisse Ähnlichkeiten mit Hacke aufwies…Das seltsame war: Er haute nicht alles kurz und klein wie es Trolle für gewöhnlich tun – es sei denn natürlich, man griff ihn direkt an. Stattdessen schien er eine abartige Neigung zu Schafen zu haben. Seitdem wirkten die armen Tiere irgendwie verstört…
Die Dorfbewohner machten natürlich die junge allein lebende Frau aus dem Wald dafür verantwortlich, denn jeder wusste von ihren gescheiterten Annäherungsversuchen. Doch unternahm keiner etwas, denn eigentlich hatte sowieso niemand Bauer Hacke leiden können. Außerdem befürchtete man, das gleiche Schicksal könnte einem widerfahren, wenn man sich mit der nun als „Hexe“ verschrienen Frau anlegte.

Momentan war es vor allem der schlaksige zitternde Bursche, der dieser Frau gegenüberstehen musste und alle Götter, die er kannte, darum anflehte, sie mögen ihn vor diesem Los verschonen. B…Bi…Bitte nicht!, stammelte er allmählich panisch werdend. Es…tut mir doch Leid! Mit dieser Entschuldigung, drehte er sich flugs um, riss die Tür auf und nahm seine Beine in die Hand. Nach ein paar Hundert Metern, schaute er flüchtig zurück um sich davon zu überzeugen, dass er nicht verfolgt wurde. Erleichtert wandte er sich wieder um – und rannte direkt in einen großen, kräftigen Barbaren, der ein in die Jahre gekommenes Pantherfell trug. Verdutzt rappelte sich der durch den Aufprall zu Boden gestoßene Junge wieder auf, musterte den Barbaren aufmerksam, als wolle er herausfinden, ob er ihm von der „Hexe“ auf den Hals gehetzt wurde. Doch der düstere Mann schien ebenso verblüfft wie er selbst, weshalb er entschied, dass dieser Barbar wohl doch nicht einer ihrer Handlanger sein konnte und stürzte ohne zu zögern in den Wald davon. Black Panther schaute ihm nachdenklich nach, zuckte mit den Schultern und drehte sich dann in die Richtung, aus der er gekommen war. Seine Gefährten kamen auf ihn zu gerannt und hielten kurz vor ihm keuchend an.

Du…bist…wirklich…schnell!, brachte Celes mühsam hervor, vornüber gebeugt und sich die Seite haltend. Black Panther grinste sie stolz an und sagte: Tja. Als Kinder sind mein Bruder und ich immer in den Garten der ollen Ravenbeak eingestiegen und haben uns an ihren köstlichen Erdbeeren vergriffen. Nur deswegen hatte sie sich einen riesigen blutrünstigen Hund angeschafft. Also mussten wir lernen, schneller als dieses Viech zu sein… Black Tiger, der durch die Last des ohnmächtigen Hüters als letzter bei der Gruppe ankam, konnte ebenfalls ein Grinsen kaum unterdrücken. …Ja, das mussten wir. Einer hat immer den Köter abgelenkt, während der andere die Taschen mit frischen süßen Erdbeeren voll gestopft hat. Luna schüttelte lächelnd den Kopf. Na, ihr seid mir ja welche! Bücherwurm, der nun nach ein paar Sekunden Verschnaufpause wieder in der Lage war, zu sprechen, ermahnte die Gruppe: Nun hört mal, wir haben keine Zeit zum Plaudern. Gleich da vorne müsste es sein, also gebt noch mal alles und wenn wir angekommen sind, könnt ihr von mir aus gerne in Erinnerungen aus alten Zeiten schwelgen. Schuldbewusst nickten sie stumm und folgten dem Gelehrten weiter den Feldweg hinauf. Da vorne ist schon ihr Haus., rief Bücherwurm, als die Gruppe die Kuppe des Hügels erreichte.

Hmpf. Ich hab es doch gleich gewusst. Die „Hexe“ beugte sich zu ihrem Kater hinunter um ihn hinter den Ohren zu kraulen und sagte: Nicht wahr? Du hast es auch gemerkt, Tsume. Er wirkte schon beim letzten Mal, als er hier war um die Phiolen für den Markt abzuholen, sehr nervös… Plötzlich kam ihr ein Gedanke in den Sinn. Oh nein, meine Verkäufe! Wer soll denn nun meine Kunden mit Heiltränken und Kräutern versorgen?

Nachdem man die Heilerin als Hexe abgestempelt hatte, wollte niemand mehr ihre Waren kaufen oder ihre Heilkünste in Anspruch nehmen, weil die Dorfbewohner Angst hatten, sie könnten ebenfalls in notgeile Trolle verwandelt werden. Deswegen hatte sie einem Jungen aus dem Dorf eine Menge Gold geboten, damit er an ihrer Statt die Verkäufe tätigen konnte, was auch lange Zeit gut klappte. Zwar wussten die meisten, woher die Waren stammten, doch verdrängten sie die Gedanken daran und taten so als hätten sie keine Ahnung, denn ihre Heilgegenstände waren nun einmal die wirkungsvollsten.

Grübelnd rührte sie ein Gebräu in einem scheinbar uralten Kessel um, als sie draußen lautes Getrappel vernahm. Nanu. Wer mag das sein? Sie ging zur Tür und öffnete sie gerade in dem Moment, als ein kleiner schweißüberströmter und erschöpft wirkender Gnom anklopfen wollte. Unschlüssig schaute sie ihn ein paar Sekunden lang an, bis es endlich dämmerte. Bücherwurm! freute sie sich und umarmte ihren alten Freund stürmisch. Was führt Dich – Edea! unterbrach er sie atemlos. Es tut mir Leid, aber ich fürchte, wir haben keine Zeit für lange Begrüßungszeremonien. Einer meiner Gefährten ist schwer verletzt und benötigt dringend Deine Hilfe! sagte er mit ernster Miene. Schwer verletzt?, fragte sie besorgt. Wo ist er? – Hier!, antwortete Black Tiger hervortretend. Nun bemerkte Edea auch den Rest der Gruppe und ihr Blick fiel auf den verwundeten Hüter auf den Schultern des Barbaren. Bringt ihn schnell herein! rief sie und trat zur Seite, damit Black Tiger eintreten konnte. Vorsichtig legte er Wolçar auf ein Bett am Fenster und Edea widmete sich sofort dem Hüter.

Celes lugt besorgt in die kleine Hütte herein und beobachtete, wie Edea den Verletzten untersuchte. Erst jetzt fiel ihr auf, wie sehr sich sein Zustand während den letzten paar Stunden seit dem Angriff durch die Schattenwesen verschlechtert hatte. Wolçars Haut hatte eine unnatürliche grünliche Farbe angenommen, seine Gliedmaßen lagen schlaff neben dem geschundenen Körper und es gab keine Anzeichen dafür, dass er überhaupt noch lebte. Die Verletzungen waren nach wie vor nicht abgeheilt. Sie sahen aus, als wären sie ihm gerade erst zugefügt worden, nur, dass sich nun schwarze Flächen um die Schnitt- und Stichwunden gebildet hatten, die sich scheinbar immer weiter ausbreiteten und drohten, bald seinen gesamten Körper zu bedecken. Und seine Augen…sie erschrak, als sie sich diese genauer ansah. Seine Augen waren nach der Schlacht im Wald zunächst immer trüber geworden, doch nun waren sie…kohlrabenschwarz. Auch Edea schien so etwas noch niemals zuvor gesehen zu haben und wandte sich an die Gruppe: Was zum Teufel ist mit ihm geschehen? Sie erzählten ihr in Kurzform, was passiert war und als sie von der KI-Hexe hörte und was diese anzurichten vermochte, erschauderte sie merklich.

Also gut…, begann sie nach einer Weile, Ich muss mich konzentrieren. Also bitte wartet draußen. – Wird er wieder –, wollte Luna fragen, doch Edea fiel ihr ins Wort. Das kann ich noch nicht sagen. Er befindet sich schon ziemlich lange in diesem Zustand. Wer weiß, ob sein Geist den Weg zurück in seinen Körper finden kann. Aber ich werde mein Bestes geben. – Bitte, begann Luna erneut. Ich habe ein wenig Erfahrung in den Heilkünsten und würde Dir gerne zur Hand gehen. Sie bemerkte, wie sie zweifelnd von Edea gemustert wurde. Oder ich könnte Wasser holen zum Beispiel. Und ich könnte… – In Ordnung. Vielleicht kann ich Dich tatsächlich brauchen. Aber alle anderen verlassen jetzt bitte den Raum.

Die Gefährten saßen oder standen stumm beisammen auf einer Wiese vor der Hütte. Jeder war in seinen eigenen Gedanken versunken. Nach über drei Stunden schließlich öffnete sich die Tür wieder und Edea kam sichtlich ausgelaugt und müde hinaus, wo sie erwartungsvolle Augen anstarrten. Seine Verletzungen haben nun endlich begonnen, auf meine Tinkturen anzusprechen und verheilen allmählich. Sie atmeten erleichtert auf. Allerdings, fügte sie hinzu, Allerdings hat er sehr viel Blut verloren und ich konnte ihn bisher nicht aus seiner Bewusstlosigkeit holen. Wir müssen abwarten. Die nächsten Stunden werden zeigen, ob meine Therapie erfolgreich war. Nach einer schweigsamen Pause, in der sich die Gefährten besorgte Blicke austauschten, sagte Bücherwurm: Danke, Edea. Ich bin sicher, Du hast getan, was Du konntest. Edea nickte ihm zu. Luna war mir dabei eine große Hilfe, sagte sie und klopfte der stolz grinsenden Barbarin, die so eben neben der Heilerin erschien, auf die Schulter.
Ihr seht alle sehr erschöpft aus. Ich werde euch etwas zu essen bereiten und ihr könnt heute Nacht in meinem Schuppen ruhen. Leider ist mein Haus nicht groß genug um euch alle zu beherbergen. – Das ist auch nicht nötig. Wir sind es gewohnt, in der freien Natur zu übernachten. Und wenn ich ehrlich bin, ist mir persönlich das sogar am liebsten., sagte Celes lächelnd. Nun wandte sich Black Tiger an Edea: Und es kommt überhaupt nicht in Frage, dass Du uns nun auch noch bewirtest. Ich werde auf die Jagd gehen und uns etwas Essbares besorgen. Celes stand auf. Ich begleite Dich – natürlich nur, wenn Du nichts dagegen hast. Black Tiger errötete und stammelte: Ähm…nun…also…ich…natürlich nicht…, war seine zögernde Antwort.
Nun gut fing Edea an, Dann werde ich noch mal die Wunden eures Freundes säubern. – Nein, ruh Dich aus, ich kümmere mich schon um ihn., meinte Luna und ging in Haus. Edea schaute der jungen Frau nach und setzte sich dann neben Bücherwurm auf die Stufen ihrer Terrasse. Die beiden sahen Black Panther und Dinera nach, die sich auf den Weg machten um Feuerholz zu suchen.

Bücherwurm blickte seine Freundin von der Seite an. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters, das niemand wirklich genau kannte bis auf sie selbst, hatte sie immer noch das jugendliche Aussehen einer Mitt-Zwanzigerin. Kein Wunder, dachte Bücherwurm.Ich kenne niemanden, der mehr über Kräuter, Wurzeln und Heilerde weiß wie sie. Wenn sie in der Lage war, Leute gesund zu pflegen, die dem Tod schon so nahe waren, dass jeder andere Arzt bereits beginnen würde, den Totenschein vorzubereiten, war es doch sicherlich ein leichtes für sie, ihren Körper vor dem Verfall zu bewahren.

Also…, wandte sich die Heilerin an den Gelehrten. Was hat es mit dieser KI-Hexe auf sich? Bücherwurm seufzte mit den Schultern zuckend. Wir wissen es nicht genau. Sie tauchte plötzlich zusammen mit dieser Horde von Schattenelfen auf. Bücherwurm nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche, während Edea geduldig darauf wartete, dass er fortfuhr. Sie hat etwas an sich…als stünde sie über allen Naturgesetzen. Und sie ist verdammt mächtig. Ich habe zuvor noch nie so starke Magie gesehen, wie die ihre. Sie hat uns alle sehr schwer getroffen. Edea schaute ihn fragend an. Euch alle? Aber warum seid ihr anderen so glimpflich davon gekommen? Bücherwurm schüttelte mit dem Kopf. Ich weiß es auch nicht. Doch ich vermute, sie hatte es speziell auf unseren Anführer abgesehen. Es war kein Zufall, dass sie dort erschienen ist. Sie muss gewusst haben, dass wir diesen Weg benutzen würden…Aber woher? – Hmm…ein Spion vielleicht? Bücherwurm blickte ihr in die Augen. Möglicherweise. Wir haben dummerweise dem Wirt der Taverne erzählt, dass wir auf dem Weg nach Hope sind. Also konnte es jeder erfahren haben…Allerdings, fiel Bücherwurm plötzlich wieder ein, hatten wir nie erwähnt, dass wir durch den Wald gehen wollten. Da kam ihm ein Gedanke. Lulu…Sie hatte sich am Abend vor ihrer Abreise sehr merkwürdig verhalten., erinnerte er sich. Kann es sein, dass SIE…? Nein! Sie ist eine von uns! Und sie war genauso überrascht wie wir, als die Schamanin der Schattenelfen auftauchte und sie entführte. Er schob seine Zweifel beiseite.

Um die Stimmung etwas zu entlasten, wechselte er das Thema. Und, was ist eigentlich mit Dir? Wie läuft das Geschäft? Edea schaute betrübt drein. Na toll, kam es Bücherwurm in den Sinn, das war ja wohl offensichtlich das falsche Thema. Na ja, ich muss mir einen neuen Händler suchen, wie es aussieht. – Aber wieso? Was ist denn passiert? Der Dorfjunge schien doch recht zuverlässig. – Das war er auch…bis er mich bestohlen hat. Bücherwurm fragte überrascht: Hm? Was hat er denn gestohlen? Etwas Wertvolles? Edea druckste etwas herum, ehe sie antwortete. Sie erzählte ihm von einem Nekromanten, der in den Bergen von Tabor-Tabor in einem dunklen verfallenen Schloss lebte und dem sie auf der Suche nach seltenen Heilkräutern in den Sümpfen nahe des Schlosses zufällig begegnet war. Er schien sofort von ihrer Schönheit überwältigt zu sein und war sehr beeindruckt, weil sie keine Furcht vor ihm hatte, anders als alle anderen. Wir stellten schnell fest, dass wir vieles gemeinsam haben. erzählte die Heilerin errötend. Doch hielt ich ihn trotzdem auf Distanz. Nach der Sache mit Bauer Hacke bin ich etwas vorsichtiger geworden. – Ach ja, ich hörte davon…Und Du hast ihn tatsächlich in einen Troll…? – Nein! Das war gar nicht meine Absicht! Ich habe ihm nur ein wenig von einem besonderen Gebräu, dessen Rezept schon seit Ewigkeiten im Besitz meiner Familie ist, aber das ich vorher niemals ausprobiert hatte, in die Speisen gemischt, weil ich wollte, dass es ihm das eiskalte Herz, das in seiner Brust pochte, erweicht und ihn für die Liebe öffnet. – Ein Liebestrank? – Nun…so was in der Art…Aber ich wusste ja nicht, dass er gar kein Herz besaß!, versuchte sich Edea herauszureden. Wie bitte?, fragte Bücherwurm ungläubig. Also schön…es könnte auch sein, dass ich ein paar Tropfen zu viel davon untergemengt habe… Der Gelehrte grinste die sichtlich verlegene Edea an. Ich vermute, gab sie zu, die Konzentration war ein wenig zu hoch und hat wohl diese…Verwandlung zur Folge gehabt. – Aber wie ich hörte, hatte Dein Liebestrank auch in gewisser Weise seinen wahren Zweck erfüllt, zwinkerte er ihr zu. Edea lächelte gequält. Ich hab deswegen auch ein schlechtes Gewissen. Arme Schafe…
Und was ist nun aus Dir und dem Nekromanten geworden?
Edea seufzte. Nichts. Er hatte mir einen Brief geschrieben. Sehr süß, wirklich, aber auch unheimlich kitschig. Ich wusste nicht, ob ich dahin schmelzen oder mich totlachen sollte, gab sie schuldbewusst zu. Jedenfalls fand mein Händler diesen Brief und dachte wohl, so etwas Komisches durfte der Welt nicht vorenthalten werden…
Das Ende vom Lied war, dass sich nun alle über den Nekromanten von Tabor-Tabor lustig machen und er mich keines Blickes mehr würdigt, weil er glaubt, ich habe ihn absichtlich kränken wollen… Schade, und dabei war er so nett.

Hey! Luna kam aufgeregt aus der Hütte gerannt. Wolçar! Bücherwurm und Edea schauten sie fragend an. Er ist endlich erwacht!

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Verwundet, Verwundert und die Ehre

© Thorbus

Was, ich…meint sie etwa mich? Dachte sich Thorbus, als er verblüfft in das wütende Gesicht der Bardin blickte. Bardin, ja – sie mußte eine sein, denn ihr Gesang und Spiel machte ihn einer Schlacht oder eines Kampfes völlig willenlos und überdrüssig.

Die Gelehrte…bist Du die Gelehrte…? Fragte Thorbus die junge Bardin, obwohl ihm bewußt war, dass dies die erste Gelehrte wäre, die die Kunst der Barden zu nutzen verstünde. Doch zu große Hoffnung hegte er, endlich die Gesuchte gefunden zu haben.

Endlich gefunden… Dachte Thorbus, …doch warum Wut und kein Dank in ihren Augen, habe…ich euch doch befreit von diesem Ungetüm brachen seine anfänglichen Gedanken nun mit lauter werdender Stimme aus seinem Mund hervor.
So habe ich euer Dasein als Gefangene, dieses…dieses – was auch immer, beendet! Immer lauter werdend und einen Hauch Wut in seine Stimme packend lassss……es sein, Elf! zischte seine furchterregende Stimme Kivos entgegen, der langsam auf den Barbaren zu schlich und wohl der Hoffnung war, dies bliebe unentdeckt. …wage es nicht… – dein Kopf würde rollen, bevor du zum Hieb ausholtest! brummte Thorbus den nun erstarrten Kivos an.

Du wagst es uns… fuhr die Bardin den Barbaren an, als sie mit festem Schritt auf diesen zuging. Ohne Angst, den verdutzten Thorbus die in seiner Linken, mit dem nach unten hängendem Kopf befindliche Axt, mit gekonntem Hieb aus der Hand schlagend. …zu drohen, du…Tier! Dies brummte sie mit so erregter Stimme, dass Thorbus von ihrem Mut und ihrer Kühnheit zwar beeindruckt, aber noch verwirrter war.

die…d…die…Ge…Gelehrte? brummten seine Stimmbänder wieder, was anderes schien ihm einfach nicht einzufallen.

Pass auf… fauchte Sheila ihn wie eine Katze, die um jeden Preis ihre Jungen verteidigte, an. Pass auf…Gelehrte? Verdammt noch mal, sehe ich aus wie eine Gelehrte?…du…du Irrer! Doch trotz das ich KEINE, sich mit Weisheit schmückende, Titelverliebte Gelehrte bin, bin ich Klever genug zu erkennen, wenn jemand ein verdammt großes Problem hat. GENAU…so eines hast DU…du Spinner! Was für Gefangene, ich sehe hier keine, NIRGENDS! Heftig mit den Händen gestikulierend, warf Sheila dem Barbaren ihre ganze Wut in Worten an den Kopf. Bist du wahnsinnig, du Schlächter…sieh hin, sieh genau hin, bevor du einen Kampf anzettelst, denn KEINE Gefangenen sind hier…nur drei Gefährten. – und eine vierte. – und einer dieser Gefährten liegt nun am Boden, verletzt…wegen,….wegen DIR! Blies Sheila Thorbus an, im gleichen Augenblick mit ihren beiden Händen seinen Kopf fest packend und in Richtung des reglos am Boden liegenden Schatten drehend.
Sieh die an, was dein Werk ist… sagte die Bardin nun den Griff um Thorbus Kopf lockernd und ihre Stimme senkend. Sieh’s dir an… seufzte sie nochmals, mit nun eher kleinlauter Stimme.

Aber… setze Thorbus an, als der nun doch neben ihm stehende Elf ihm Kein ABER! entgegen schrie. Kurz sah Thorbus in dessen Augen um sich zu vergewissern, dass kein Angriff folgte, doch es machte nicht den Schein. Seinen Blick wieder auf die in tieferes Schwarz als die Nacht gekleidete, reglose Figur am Boden richtend. Neben ihr kauernd, erblickte er eine schöne, junge Elfin, auf derer Blick er just in diesem Augenblick traf. Sich tief in ihre Augen verlierend und eine innerlich aufkochende Wärme spürend, stierte…starrte er die Elfin an. Diese blickte zurück, ohne ihre Augen abzuwenden, blickte den Barbaren genauso tief in die Augen, wie er ihr.

W…wa….was, was ist denn? – wie…wieso sieht er mich so… – dieser Blick – mir ist als…mir ist, kenne, kenne ich ihn? – Oder – wieso,…hör auf mich so anzustarren… Dachte Esturiana bei sich, doch konnte sie ihren Blick nicht von ihm lassen. Langsam schien sich ihr Kopf zu befreien, immer Träumerischer wurde ihr Blick, was auch Sheila und Kivos nicht unentdeckt blieb.
Beide blickten zu Esturiana, dann zu dem Barbaren und wieder zu Esturiana, bis sie sich schließlich mit ihren Blicken trafen und beide mit den Schultern zuckten. Esturiana fühlte wohlige Gelassenheit und nichts belastete sie in diesem Moment. Ihre Seele schien sich mehr und mehr davon tragen zu lassen. St…HALT…Stop dachte sie plötzlich, als ihr dieses nie gefühlte Loslassen und Entschwinden einen Schauer aus Angst, durch Mark und Bein fahren lies. Esturiana fing sich wieder, sie war stark, mental sehr stark, stärker als der Barbar vor ihr, der mehr und mehr zu entgleiten schien. Sich kurz den Kopf schüttelnd, ihn leicht zur Seite drehend und die Stirn zu Falten runzelnd, die ihrer Schönheit nichts antaten, brach sie mit einem…Was…? heraus. Was ist, wieso stierst du mich so an? fragte sie forsch, den nun überrascht dreinblickenden Thorbus, der mehr und mehr in die Realität zurückzukommen schien.

Äh…ich, ich weis nicht… stotterte der sichtlich noch etwas benommene Thorbus, wie ein Knabe, der seinem Vater eine Dummheit zugeben mußte.

Esturiana?

Fragte er plötzlich mit laut schallender Stimme. Sheila und Kivos, die sich beide zu Schatten knieten, um nach ihm zu sehen, sahen sich etwas erschrocken an. Beide sahen dann den nun so friedlich, fast kindlich wirkenden Barbaren an und wandten sich dann der erschrocken dreinschauenden Esturiana zu. Diese sah verdutzt den Barbaren an, der sich nun auf sein linkes Knie vor sie nieder ließ. Fragend sah Esturiana zu Sheila, Kivos…sah auf den reglosen Schatten und wieder zu Thorbus. Der fragte nochmals, nun noch bestimmender…Esturiana, bist du Esturiana? Er hielt kurz inne und beugte seinen Oberkörper tief hinunter, um den Blick, der nun auf den Boden schauenden Elfin, zu kreuzen. Bist du die Gelehrte? Die, die ich suche? – So antworte doch… fragte er nun ganz freundlich.

Verdammt preschte Sheila in die Stille, die auf des Barbaren Frage folgte. Lebt er noch, oder? fuhr sie fort. Nun, man kann sein Dasein nicht direkt Leben nennen. antwortete Kivos. Doch, gut geht es ihm nicht.stellte er fest. Was hat ihn verletzt? fragte Sheila in Thorbus Richtung, der nun seinen Blick von Esturiana auf Sheila richtete. Was…?fragte er, als habe er ihre Frage nicht verstanden.
WAS FÜR MAGIE…hat ihn verletzt, was hast Du ihm angetan? fuhr Sheila fort.

MAGIE? fragte Thorbus, der nun einen ärgerlichen Blick und eine grauenhafte Stimme aufsetzte…Magie? – ich besitze keine Magie, noch weis ich welche einzusetzen. Ich verabscheue Stabfuchtelnde Manafresser zutiefst! VERSTANDEN?! brummte Thorbus zurück.

Aber du hast doch diese Lichter… sprang Sheila auf ihn los als Kivos ein mürrisches Hört auf jetzt! von sich gab. Egal was, er braucht Hilfe, schnell!protestierte er.

Die Heilerin, wir müssen Ihn zur Heilerin bringen. Sie oder Wolçar, sofern er schon bei ihr angekommen war, werden Rat wissen sagte Sheila. Na gut, dann los. Wie weit ist es? fragte Kivos, der krampfhaft versuchte Schatten aufzuheben und ihn auf seine Schultern zu tragen. Eine Tagesreise bestimmt noch, wenn wir ihn tragen und langsam sind antwortete Sheila. Mein Gott, ist das Schwer… ächzte Kivos unter der Last und Mühe, die es ihm bereitete, Schatten aufzuheben. Wir werden eine Trage bauen müssen stöhnte Kivos, der plötzlich von dem Barbaren bei Seite geschubst wurde.
Also wart ihr NICHT seine Gefangenen? fragte Thorbus Sheila. Nein antwortete sie. Nun, dann ist sein Leiden wohl meine Schuld und meine Augen leiteten mich fehl. Ich trage ihn, trotz seines magischen Wesens, oh wie ich diese Magie verachte…doch mehr noch verachte ich Ehrlosigkeit. Meine Ehre ist erst wieder hergestellt, wenn dieses…dieses Ding bei der Heilerin ist.

Er ist kein Ding! fuhr Sheila den Barbaren an und wollte sich noch aufmachen, ihm ein verächtliches - denkst du du kannst ihn tragen? – entgegen werfen. Doch da hatte der Barbar mit einem mühelos scheinendem Schwung Schatten bereits geschultert, was ihr und Kivos innerlich imponierte.
Übrigens, mein Name ist Thorbus…ich bin KEIN Irrer, KEIN Wahnsinniger und KEIN Tier…sondern Grenzländer, doch der Unterschied ist wohl recht unmerklich, WAS? Diese von Thorbus zynisch gedachte, jedoch etwas komisch klingende Aussage, lies allen ein leichtes Lächeln auf die Gesichter zaubern.
Ich bin Sheila, das ist Kivos und der den du trägst…nennen wir ihn Schatten. Also, nun los!

Sheila ging gefolgt von Kivos voran und Thorbus folgte den beiden. Esturiana nahm die schwere Axt des Barbaren auf, schulterte diese und ging den Vieren nach. Einige Meter später drehte sich Thorbus plötzlich um, da er bemerkte, dass er seine treue Axt völlig vergessen hatte, als ihm ein keine Bange, ich habe deine Axt entgegen sprang. Er sah die junge Elfin an sich vorbeigehen, jegliche Müh die sie mit seiner schweren Axt hatte, aus dem Gesicht verbannt. Sie zeigt keinerlei Schwäche, beeindruckend. dachte er sich, als sie sich zu ihm wand und sagte: ach ja, ich…ICH – bin „Esturiana“

Verwundung, Kampf, Flucht und das Leben

© Wolçar

Schatten und Wolçar duckten sich in die Menge der in die Vergessenheit schleichenden Toten. Wolçars Zauber hatte bisher das Mißtrauen des geisterhaften Wächters nicht erweckt. Die Gefährten ließen sich langsam zurückfallen ohne dabei den Anschein zu erwecken, mit weniger Elan in das Nichts zu stapfen als die anderen Seelenessenzen um sie herum. Je mehr Wolçar über die armen, verdammten Toten, in deren Menge sie untertauchten, nachdachte, desto unheimlicher und unnatürlicher kam ihm dieser Vorgang vor. Tatsächlich bermerkte Schatten sarkastisch und beantwortete damit einmal mehr Wolçars Gedanken, ist der Korridor der Seelen das einzig Natürliche, was auf dieser Welt überhaupt vor sich geht. In jeder Dimension existieren Vorstellungen von der Hölle, dem Himmel, dem Sterben und den Stationen dazwischen. So gesehen ist diese Variante hier sicherlich ein sehr gewöhnliches und langweiliges Äquivalent des berühmten Tunnels-mit-einem-Licht-am-Ende. Wolçar stimmte nach einigem Nachdenken zu Sicherlich ist der Vorgang als solcher etwas vollkommen Natürliches. Doch in seinen Ausprägungen, in den Details, hat das, was hier geschieht, mit dem natürlichen Gang der Ereignisse nicht viel zutun. Diese Seelen sind…seelenlos. Sie sind noch nichteinmal die Hülsen von Menschen, weil diese Hülsen noch immer auf Erden wandeln und gelegentlich von dem Saft, der in diesen grotesken Erscheinungen hier konzentriert ist, der faktischen Lebensenergie, trinken dürfen, wie eiskalte Limonade aus einem Becher. Schatten ließ ein hingewispertes, rhythmisches Rauschen ertönen. Seine schemenhafte Erscheinung flackerte dabei. – Sein Lachen?Ja. Mit einem Strohhalm…. Der Hüter runzelte ob des zynischen Humors seines Gefährten die Stirn aber die ungewohnte Welle der Erheiterung des Schattenwesens hatte etwas ansteckendes. Zumal der patrouiilierende Torwächter sie vor einigen Minuten passiert hatte.

Sie planten, noch ein paar Minuten ihre Rückschleichtaktik aufrechtzuerhalten. Schatten war den Torwächtern auf seinen Streifzügen zwar schon mehrfach begegnet aber weil er im Regelfall geflohen war, wenn er sie erspähte, konnte auch er nicht wirklich ermessen, wie weit die Sinne dieser Beschützer der Wege der Toten reichten und wie scharf sie waren. Vermutlich ziemlich scharf. bemerkte er nur trocken. Wolçar war geneigt, dieser Annahme zuzustimmen und so ließen die beiden Gefährten sich auf ihrem Weg über die Pfade der Toten noch eine Zeitlang weiter zurückfallen. Nach einer Weile, die sich wie eine Ewigkeit angefühlt hatte, vermutlich aber nur einige Minuten gedauert hatte – man verlor sehr bald jegliches Zeitgefühl in dieser Umgebung – geriet der gespentische Wächter außer Sicht.
Wolçar und Schatten hatten die Zeit, in der sie langsam, sanft, sachte und vorsichtig von ihm wegdrifteten, genutzt, um die Kreatur ausführlich zu beobachten. Sie besaß vage menschliche Konturen, umgeben von etwas, das an einen uralten barbarischen Harnisch erinnerte. Aus der gepanzert wirkenden Brust ragten formlose Stümpfe, an deren Enden Handschuhe aus fauliger Luft riesige Fäuste bildeten. Statt eines Mundes und Augen klafften zwei schneeweiße enge Schlitze und ein ausdrucksloses breites Loch in dem Bereich unter der geisterhaften Variante eines gehörtnen Helms. Die Gestalt schien auf den ersten Blick zu schweben, auch besaß sie keine erkennbaren Beine. Nur gelegentlich wurden zwei kräftige Stümpfe sichtbar, die sich in erbarmungslosem Takt schrittartig bewegten. Obwohl die Kreatur keine sichtbaren Füße besaß, erklang bei jedem ihrer “Schritte” ein metallisches, bebendes Geräusch, wenn man sich in ihrer Nähe befand. Ihre Färbung war der Schattens zwar nicht unähnlich, jedoch erinnerte sie mehr an ein sehr verschmutztes Grau als an das endlose, tiefe, ursprüngliche Schwarz vorzeitlicher Finsternis, in das das Schattenwesen sich kleidete. Wolçar bemerkte leise, daß es für ihn so aussähe, als seien die Wächter im Grunde ganz gewöhnliche Seelenessenzen wie die davongefegten bleichen Toten, deren Odyssee sie bewachten. Nur war da DOCH etwas in ihnen, ein brodelndes, wildes, unbeherrschbares Etwas, das ihrer Existenz einen Kern verlieh, wie das Bewußtsein, dem sie entzogen worden waren. Aufgeblähte Tote! murmelte Schatten abfällig. Vermutlich sind sie wirklich nicht mehr. Aber dieses Etwas, das in ihnen rotiert, sprudelt und spuckt, das macht sie zu Göttern unter den Insekten. Ich weiß, daß Dir ncht behagt, wie ich über den Bleichen Zug denke aber das ist nuneinmal das, was DM und SYSTEM aus diesen einstigen Helden gemacht haben: Insekten. Arbeiterinnen im Ameisenstaat. Drohnen im Bienenstock. Und auch der eine wesentliche Unterschied zwischen den einen und den anderen bei diesen Seelen hier ist der gleiche wie der im Bienenstock: Einige Bienen haben einen Stachel bekommen, mit dem sie stechen können. Und andere werden gestochen. Unterm Strich bleibt die jeweils notwendige Anzahl stabil und hält das System so am Laufen. Es ist abartig, was hier geschieht, Wolçar ut Besço. Und die Geschöpfe dieser Geschehnisse sind Abartigkeiten – obwohl sie seinerzeit bestimmt einmal etwas besonderes gewesen sind.Aber denkst Du nicht, daß sie zur Würdigung der Individuen, die sie einst waren, zumindest ein Minimum an Respekt verdienen? Schatten schüttelte den Kopf. Es lag eine tiefe, traurige Resignation in seiner Stimme, die in eimem krassen Widerspruch zu seiner vorherigen Heierkeit stand. Davon ist nichts mehr übrig, Wolçar ut Besço. Diese einmalige Kraft ist größtenteils verbraucht, nichts bringt sie zurück. Die Freien vermuteten, wie ich gehört habe, daß die Flamme der Freiheit, also die individuelle Energie der Helden Exturions, dazu verwendet wurde, DM und SYSTEM mit Kraftstoff zu versorgen.Also…also fungieren die Helden Exturions als Triebfeder ihres eigenen Untergangs?Das ist zumindest das, was die Freien glauben. Beziehungsweise glaubten.

Wolçar war von dieser Erkenntnis erschüttert. Im Zurückweichen betrachtete er den nicht absiegenden Strom der Entseelten, den “Bleichen Zug“, wie Schatten sie genannt hatte. Menschen passierten ihn. Menschen. Immer mehr Menschen. Sie wanderten an ihm vorbei, um ihn herum, durch ihn hindurch. Keine Abartigkeiten. Menschen! Es sind Menschen wie Du und ich! brüllte das Gewissen des Hüters auf und alles in ihm drängte sich danach, den Strom der Toten aufzuhalten, den Bleichen Zug zu stoppen, die Seelen eine nach der anderen zu packen, umzudrehen und voranzuschubsen in die entgegengesetzte Richtung. Doch er konnte sie nicht fassen. Er konnte sie nicht berühren. Er konnte ihnen das Leben, das man ihnen gestohlen hatte, nicht zurückgeben. Außerdem patrouillierte nur wenige Schritte voraus der unheimlche Wächter, der nur darauf wartete, einen Hauch von Leben in dieser Einöde zu entdecken. So floß der Strom weiter, der Zug schlurfte voran. Es war unmöglich, ihn aufzuhalten. Wolçar stand nun in seiner Mitte, ballte durchdrungen von Heiligem Zorn seine verbliebene Faust und versteinerte sein Reptiliengesicht zu einer entschlossenen Maske. Noch ist es das. Noch ist es unmöglich. Aber ich werde einen Weg finden, diesem Wahnsinn ein Ende zu machen! Ich schwöre es! Ein Stückweit hinter ihm schrie Schatten schmerzgepeinigt auf und brach inmitten der Toten zusammen.

Wolçar stürmte auf seinen Gefährten zu, der unter seinem undruchdringlichen Mantel kauerte und gequält zitterte. Es schien, als seien winzige Meteroiten mitten in ihn hineingestürzt, dort explodiert und breiteten sich nun langsam aber unaufhaltsam wie kleine Schockwellen aus. In der schattenhaften Gestalt formten sich grünblaue Lichter, die immerzu züngelten und sich fortwährend ausbreiteten. Der am Boden kniedende Schatten warf sich unter Schmerzen epileptisch vor und zurück, die ruckartigen, kraftvollen Bewegungen erfassten seine Kapuze und schleuderten sie von seinem Kopf. Wolçar erblickte die grotesken, verhärmten, entstellten Gesichtszüge seines Freundes zum ersten Mal und obwohl der Anblick ihm das Blut in den Adern hätte gefrieren lassen müssen, legte er dem Schattenwesen die Hand auf die Schulter und schickte sich an, einen Heilzauber aufzusagen. Furcht stand in Schattens Gesicht geschrieben, doch konnte er unter den Schmerzen nicht sprechen. Energisch schüttelte er den Kopf und ein Flehen in den Augen seines Freundes veranlaßte ihn, die Kapuze wieder tief ins Gesicht des Schattenwesens zu ziehen. Schattenwesen…Nein! Die Gesichtszüge waren entstellt, seltsam verdreht, unvollkommen, unfertig, so wie der Rest des Körpers seines Gefährten. Aber trotzdem hatte Wolçar nun erkannt, mit was für einem Wesen er schon so lange durch diese Dimension des Todes wandelte – oder zumindest, was für eine Art von Wesen er einst gewesen WAR – und diese Erkenntnis brachte ein gewisses Maß an Verstehen mit sich. Variáton. dachte er. Gestaltwandler.
Doch was immer Schatten nun auch sein mochte oder was er einmal gewesen war, noch immer wand er sich unter bestialischen Schmerzen. Ein…Angriff. Ein Angriff von Außen! brachte Wolçars Gefährte gepeinigt hervor. Ich kann Dich heilen, wenn Du es zuläßt, ich bin sicher! versicherte der Hüter hektisch. Doch Schatten verneinte. Unter zusammengebissenen Zähnen schüttelte das Wesen wieder den Kopf. NEIN! Nein…d..das…ist nicht not…w…wendig. Hilf…hilf mir nur auf! Wolçar kam der Aufforderung nach. Angstvoll blickte er auf den Körper seines Gefährten, der sich mehr und mehr aufzulösen schien. Sie…haben starke Selbstheilungskräfte. Aber er ist kein Wandler mehr, er ist etwas anders. Er ist…der…SCHATTEN eines Wandlers. Wie will er sich so heilen können? Vor seinen Augen explodierte Schattens Blick in gold-grünem Feuer. Das finstere Schwarz seiner dunklen Gestalt bäumte sich auf, so als schien es etwas aus seinem Inneren, welches die Kräfte des geisterhaften Wandlers ansonsten zu fesseln suchten, ausnahmsweise einmal entfesseln zu wollen. Ein qualvolles Wimmern ging von Schatten aus, als aus seiner Brust eine Reihe energetischer Tentakel hervorbrachen, die goldgrün glimmend die Umgebung abtasteten. Zielsicher griffen die Tentakeln nach einer der davonstrebenden Seelen, die unberührt von dem schrecklichen Schauspiel weiterhin ihre fatale Wanderung ins Nichts fortsetzen. Die Tentakel schienen die erbeutete Seele zu würgen und zu zerquetschen, doch im Gesicht dieses Gespenstes eines Menschen war keine Regung erkennbar. Erst als die Tentakeln die Seele gierig in Schattens brennende Brust rissen war ein Anflug von Verstehen auf dem Gesicht des Opfers zu lesen. Sein Ausdruck wanderte von blankem Entsetzen über endlose Melancholie zu vielleicht jahrhundertelang antrainierter Akzeptanz und schließlich zu einer Form von Frieden, die Wolçar so noch nie in menschlichen Zügen gesehen hatten. Aber ich habe ihn gespürt… dachte er voller Trauer Ich habe ihn gespürt. Und ich hatte mich ihm ergeben – bis Schatten mich gerettet hat..

Nach der Mahlzeit tasteten Schattens Tentakeln noch eine Weile im Korridor herum, während sich sein Körper sichtbar regenerierte. Für einen Moment schien ein Streit um die Vorherrschaft zwischen Schattens Bewußtsein und dem verborgenen Schrecken in seinem Innern zu toben, doch schließlich gewann der einstmalige Wandler die Oberhand und versiegelte die Monstosität, die ihn gerettet hatte, wieder in sich. Einen Augenblick lang stand das Schattenwesen da und starrte Wolçar traurig aus goldenen Augen an, dann fiel er erschöpft auf die Knie. In der selben Sekunde stürzte sich der Torwächter auf sie.
Offenbar war ihm der Angriff auf Schatten nicht entgangen, den nun auch Wolçars Tarnung nicht mehr schützte. Wolçar war von den Ereignissen der Rettung seines Gefährten zu angerührt gewesen als daß er an den Tarnschleier hätte denken können. Jetzt erinnerte er sich daran, aber es war zu spät: sie waren entdeckt: Lebende unter den Toten. Oder Tote, die nicht vom Leben lassen wollten. Schatten versuchte aufzuspringen, doch war er noch zu benommen von seinem inneren Kampf und besaß nicht die Kraft, sich aufzurichten. Wolçar war schockiert von dem, was er soeben gesehen hatte aber nichtsdestotrotz nahm er vor seinem Gefährten Aufstellung und ließ sein purpurnes Feuer auflodern. Der Hüter brannte in seiner Magie, schleuderte dem Wächter einen Feuerball nach dem anderen entgegen, die diesen auch trafen und vermutlich einigen Schmerz bei ihm verursachten. Aber sie hinterließen keine Wunden! Wolçar schleuderte jeden Offensivzauber der ihm in den Sinn kam; kombinierte Elemantarmagie, Windhosen, gewaltige Blitze, schneidende ätherische Klingen…aber der Wächter schüttelte alles nach kurzer Zeit ab und drang weiter gegen den Hüter und seinen Schützling vor. Er ist ein eingekerkerter Toter! Ein verrauchtes Bewußtsein, am Leben gehalten von einer unheiligen Energie. Die Energie Deiner Zauber macht ihn bestenfalls wütend, schlimmstenfalls kräftigt sie ihn gar! fauchte der noch immer benommene Schatten Du mußt mir aufhelfen, Wolçar ut Besço! Wenn wir unsere Kräfte vereinen können wir ihn vielleicht schlagen… Doch Wolçar schüttelte den Arm Schattens ab. Ein Toter. In einer Welt von Toten. Die natürliche Opposition zum Tod ist das Leben. Wenn sonst kein Element ihn schädigen kann, so versuche ich doch einfach das Gegenteil und heile ihn!

Die Hüter sind in Pangeia stets für ihre gewaltigen heilenden und kreationistischen Kräfte bekannt gewesen. Ein Hüter schafft das Leben aus der Leblosigkeit. Wenn kein Heiler Mediccons sich mehr einen Rat wußte, wie eine furchtbare Wunde zu behandeln war, kam ein Hüter und alles in Ordnung. Wenn ein Dorf verbrannt, überschwemmt, gesprengt oder durch einen Sturm zerrümmert wurde, so rief man den Hüter und er ließ die vernichteten Gebäude und Gärten wie einen purpurnen Phönix aus ihrer eigenen Asche wieder auferstehen. Diese Kräfte dienten dem Schutz, dem Erhalt, der Rettung und der Wiederherstellung von Leben. Der Tod ist der natürliche Feind des Hüters, ebenso wie es die Unfreiheit ist. Tod un Leben standen sich nun im Duell gegenüber und der eine würde das Ende des anderen bedeuten.

Wolçar ließ das purpurne Feuer ersterben und sammelte seine Energien. Er ballte die Hand zur Faust und legte sie sanft an seine Brust, dabei die Augen schließend und sich konzentrierend. Auf ganz Pangeia war nichts und niemand bekannt, der über größere Heilkräfte verfügte als Wolçar. Es lag in der Natur der Dinge, daß es so wahr. Faktisch gab es eine Person, die ihn in puncto Heilkunst übertreffen konnte – die Erbin des Lebens selbst, Learis Brightford, die Geliebte und Gefährtin des Schicksals seines Freundes Ronald Carlion, der momentan vermutlich zu Hause in Lawrentia saß und sich fürchterlich um ihn sorgte. Zum ersten Mal in seinem Leben war Wolçar bereit, Learies Überlegenheit in der Heilmagie einzugestehen und wünschte sich in dem Zuge nichts mehr als daß sie jetzt bei ihm wäre um an seiner Statt diesen Kampf zu führen. Grünes Feuer sammelte sich in der Faust des Hüters, züngelte bald hervor und begann erst seine Hand, dann seinen Arm und schließlich seine ganze Gestalt einzuhüllen. Heilmagie war nicht für den Angriff geschaffen und weigerte sich vehement, in die entsprechenden geistigen Kanäle geleitet zu werden. Doch hier stand der Erzmagier der Purpurmäntel, der oberste Hüter, der Dieb an der schöpferischen Macht der Götter und in dieser Sekunde schienen all die Kräfte, die Wolçar seit seiner Ankunft in Exturion verloren zu haben glaubte potenziert wieder da zu sein und über ihre Rückkehr zu jubeln wie die Stimmen der Götter in seinem Kopf, die ein smaragdgrünes Leuchtfeuer hierhergerufen hatte und die nun in seinem Verstand tobten, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen und ihn unter ihre Herrschaft zu bringen. Wolçar besann sich auf seine Ausbildung, machte seinen Verstand frei von den lockenden Stimmen, sperrte sie in einen der hintersten Winkel seiner Seele, wo sie protestierten und unwiderbringlichen Schaden anzurichten vermochten, jedoch von den Ketten seines Geistes im Zaum gehalten wurden. Der Torwächter schien seinerseits seine Mächte anzurufen, wodurch der lavaartige Wirbel in seinem Inneren noch unruhiger wurde und lange Zungen ausbildete, die in Kopf, Arm- und Beinstümpfe und schlitzartige Augen des Ungetüms stürmten. Wie suchende Tentakel… dachte Wolçar, der seinen Gegner mit den Sinnen des Hüters beobachtete. Unvermittelt sprang der gespenstische Wächter vor und schlug mit seinem rechten Armstumpf auf den Hüter ein, aus dem wie eine Flammenpeitsche der lodernde Lavastrom hervorbrach, um den Gegner zu erwürgen. Wolçar formte einen bestimmten Gedanken, schoß ihn mit einem geflüsteten Wort ab, ohne seine Konzentration zu unterbrechen und ließ ihn den Schlag abfangen. Dann sprengte er ihn vorwärts und schleuderte ihn auf den geisterhaften Körper des Wächters zu, wo er tatsächlich eindrang und eine sichtbare, winzige Wunde hinterließ. Ah! Sie werden beinahe stofflich, wenn sie angreifen! Das läßt dic nutzen. Wolçar speicherte diese Erkenntnis für den nächsten Kampf gegen solch eine Kreatur, der ihnen spätestens am Ausgang aus dem Korridor in die Welt der Lebenden bevorstehen würde. Diesmal jedoch würde sein Heilzauber den Gegner erledigen. Der Wächter unternahm gerade einen zweiten Angriffsversuch – diesmal mit beiden Armen – als Wolçar die angestaute Magie entfesselte. Schatten war aufgesprungen, rannte auf ihn zu, schrie, versuchte, seinen Arm zu greifen. Doch es war zu spät; der Schuß war abgefeuert. Ein gewaltiger grüner Komet aus Heilmagie drang auf den Wächter ein, umhüllte ihn, verzerhte ihn und ließ nichts weiter zurück als eine böse Erinnerung und eine Schlange lavaartiger Macht, die sich umgehend auf die Flucht begab.

Wolçar ließ sie davonziehen, gefangen im Rausch seiner wiedergekehrten Kräfte. Er ließ sich zu einem Triumphschrei hinreißen, doch der Hochmoment wurde getrübt von Schattens sorgenvoller Miene. An einem Punkt in der Ferne prallte der Rest von Wolçars Heilkomet gegen die Korridorwand und explodierte in einem grünen Feuerwerk. Einige der ins Vergessen ziehenden Toten wurden plötzlich aufmerksam und schlichen langsam auf die Explosion zu. Es schien, als würden sie Spritzer der Lebensenergie auffangen wollen. Das…war garnicht übel. murmelte Wolçar in sich hinein. Schatten stieß ihn unsanft an und riß den Hüter aus seiner Selbstzufriedenheit. Wir müssen sicherlich über vieles reden, Wolçar ut Besço, aber nicht hier! Wir sollten dagegen sehen, daß wir diesen Bereich des Korridors so schnell verlassen wie möglich.Ist mit weiteren Wächtern zu rechnen? Schatten gestikulierte spöttisch Du hast ja nur mit einer geballten Ladung ungefilterter Lebensenergie einen der Ihren pulverisiert…warum sollten sie davon etwas mitbekommen? Was sollte sie daran stören? SOLLTE sie etwas daran stören? Natürlich kommen weitere Wächter! Könntest Du so eine Explosion nochmals hervorrufen? Wohl kaum. Außerdem… er deutete auf die Bleichen, die ihren Zug unterbrochen hatten und nun an dem Fleck Lebensenergie zu schnuppern schienen, der an der Wand zurückgeblieben war und sich nur langsam auflöste. DIE haben Lebensenergie geschmeckt. Es gibt nichts Gefährlicheres hier unten. Für die Wächter natürlich, aber leider auch für uns! Die Bleichen sind verbrannte Lebensenergie, Lord Wolçar. Sie sehnen sich nach einer Möglichkeit, sich wiederherzustellen, doch es gibt keine. Und gerade, weil sie sie nicht mehr besitzen, werden die Bleichen von der Lebensenergie angezogen wie Motten vom Licht. Sie sind Dir harmlos, traurig und bemitleidenswert vorgekommen. Aber wenn sie Blut – oder in diesem Fall LEBEN – wittern, ergreift sie eine wilde Sehnsucht und sie fallen über alles her, was über Leben verfügt. Eine fatale Entwicklung für Wanderer dieser Welten. Die Bleichen standen noch immer vor dem schrumpfenden Lebensenergieflecken. Manche leckten daran. Einige jedoch blickten sich suchend um und entdeckten sie schließlich, noch unschlüssig, ob sie nun weiterlaufen, den Fleck beschnuppern oder die Urheber dieses Flecks dazu zwingen sollten, noch mehr herauszurücken. Als der erste Bleiche ihnen entgegenschlurfte, noch immer mit diesem leblosen Ausdruck im Blick aber mit einem entschlossenen Zug um die geisterhafte Stirn, sprangen Schatten und Wolçar wie ein Mann auf und jagten davon. Können sie uns denn gefährlich werden? fragte Wolçar, als sie schon ein ganzes Stück Weg fort vom Kampfplatz hinter sich gebracht hatten. Ich spüre, daß eine Bedrohung von ihnen ausgeht aber ich kann sie nicht einordnen.Sie können uns nicht verletzen. Aber ihre flehenden Stimmen können uns in den Wahnsinn treiben, wenn sie sich erstmal alle auf uns gestürzt haben.

Und so flohen die beiden Gefährten, jetzt alle Heimlichkeit vergessend, vorbei an Millionen noch regungsloser Seelenin die Richtung, wo sie das Portal in die Realität vermuteten. Auf ihrer Flucht überkam Wolçar trotz allem unvermittelt ein heiterer Gedanke: LORD Wolçar? Der Titel eines Erzmagiers. Sollte er mich wirklich endlich als gleichberechtigt akzeptiert haben? Diesmal beantwortete Schatten seine Gedanken nicht, sondern huschte ihm voranden seelenstrotzdenden Gang entlang.

Das rasende Tier

© Esturiana

Esturiana griff, ein wenig auf sich selbst wütend, nach der Hand der anderen Elfe. Schon wieder hatte sie diese verdammte Magie nur in Schwierigkeiten gebracht. Jetzt da sie sich geschworen hatte, so wenig wie möglich auf ihre anderen Fähigkeiten zurückzugreifen, um sich ein komplett neues Leben aufzubauen zu können, schien wirklich nichts mehr so zu funktionieren, wie es sollte. Sicher. Sie war von dem Angriff der beiden wirklich überrascht worden und es war nicht besonders leicht sie zu überraschen und sie hatte auch sofort instinktiv ein Schutzschild erschaffen, aber irgendwie hatte auch das nicht so funktioniert, wie es eigentlich sollte. Sobald sie von dem Elf überraschend von Hinten attackiert wurde, löste sich ihre Aufmerksamkeit von dem Schild, und sie wurde viel zu schnell von einem Schmerz in ihrer Schulter überrascht.
Wann war sie das letzte Mal so einfach von jemandem getroffen worden? Esturiana konnte sich nicht mehr daran erinnern. Wehmütig dachte sie daran, dass er, wenn sie sich nicht auf diese verdammte Magie verlassen hätte, niemals eine Chance gehabt hätte, sie zu überraschen. Aber nein, dachte sie schnell darauf. Ich wollte es so. Ich wollte den Weg der Magier gehn und nun muss ich auch mit den Konsequenzen leben. Ich muss nur besser werden. Viel besser…

Die weibliche Elfe hatte daraufhin etwas gesummt, dass es ihr unmöglich machte zu sprechen. Wiederum fühlte sich Esturiana von der Magie verraten. Ohne sie, wäre es völlig egal, ob ich sprechen könnte oder nicht, dachte sie trotzig. Doch kurz darauf erlaubte ihr die Bardin wieder zu sprechen und Esturiana stellte sich als Magierin, was auch sonst, vor. Gerade als sich selbst davon zu überzeugen versuchte, dass sie wirklich eine Magierin war, brach ein schreiendes Etwas aus den Büschen hervor.

Nicht sehr weit entfernt, jedoch mit einem zu großen Abstand um sich dazwischen zu werfen, sahen sie wie ein großer und anscheinend ziemlich wütender Mann auf den reglosen Schatten zurannte. Er hatte eine große Axt in der Hand und schlug wild auf diesen ein. Natürlich hatte das absolut keinen Effekt auf den Schatten aber dem Berserker war das anscheinend egal. Mittlerweile drehte er sich brüllend im Kreis im und um Schatten. Er schlug immer wilder und heftiger zu. Sein Gesicht war komplett verzerrt zu einer wutentbrannten Maske.

Eigentlich war es schon fast belustigend den sinnlosen Bemühungen des Berserkers zuzuschauen, wie er versuchte ein ätherisches Wesen mit einer recht realen Waffe zu treffen. Trotzdem überlegte Esturiana ob sie überhaupt irgendwie eingreifen oder sich doch lieber in Sicherheit bringen sollte, falls der Berserker sich bald einem realerem Opfer zuwenden sollte. Die beiden Elfen mit denen sie gerade noch gekämpft hatte starrten ebenso verwirrt zu dem rasenden Barbar.
Esturiana beobachtete das Ganze weiter und bemekte etwas sehr seltsames an dem Barbar. Irgendetwas an seinem Gürtel fing plötzlich an leicht blau zu glimmen. Durch die schnellen Bewegungen des Berserkers, konnte man nicht erkennen, was genau dort leuchtete und anfangs war das Leuchten auch nur sehr sehr schwach zu sehen. Doch mit weiteren verstreichenden Sekunden in denen der sinnlose Kampf tobte, glühte es an dem Gürtel heller und heller, nicht unbedingt großflächig, aber mit einer gewissen Intensität.
Esturiana erinnerte das Glühen an einen magischen Blitz, den einer der Tutoren der Magischen Akademie einmal beschworen hatte, um die Schüler zu beeindrucken. So ähnlich sah es auch, nur eben beständig und nicht so schnell wieder verschwunden wie ein richtiger Blitz. Erklären, um was es sich bei dem Glühen handelte konnte Esturianan sich nicht, genausowenig wie sie sagen konnte ob die Beiden Elfen es auch bemerken würden.

Diese gingen mittlerweile, ihre Waffen vor sich gerichtet, vorsichtig, aber bestimmt vor, um Schatten wohl wieder zu befreien von dieser “Rasenden Wildsau”. Diesem jedoch schien das allerdings ziemlich egal zu sein. Zumindest machte er den Eindruck, als bemerkte er wirklich gar nichts mehr um sich herum außer den immer noch regungslos dastehenden Schatten. Er bemerkte auch nicht, wie er schon oft mit Teilen seiner Kleidung in diversen Ästen und Büschen hängen geblieben war, die unschuldig in seinen Kampfkreis wuchsen und deren Holz mit Dornen versehen war. Folge dessen war, dass seine Kleidung nun einige kleine Löcher aufwies, die vorher nicht dagewesen waren. Doch auch das störte den Berserker überhaupt nicht und Esturiana beobachtete, wie er abermals, diemal mit einem Teil seines Gürtels, an einem dornigen herunterhängen Ast einer Blut-Ulme hängenblieb.

Esturiana riss die Augen auf. Das Glühenende Etwas hing für einen ganz kurzen Augenblick ruhig an dem Ast. Es sah nun so aus, als wäre es nur ein einfacher Lederbeutel. Plötzlich gab es einen Ruck, als der Berserker wieder herumwirbelte und ein Dornen der Ulme riss den Beutel an der Seite auf. Dort wo gerade noch ein einziges Glühen war, wurden jetzt viele kleine, wie Glühwürmchen aussehende Etwasse aus dem kaputten Beutel geschleudert.

Genau in diesem Augenblick senkte Sheila plötzlich ihren Degen. Sie hatte genug gesehen und sich entschieden auf andere Art in die ganze Sache ein wenig Klarheit und Ruhe hereinzubringen. Sie legte dem neben ihr laufenden Elf die Hand auf die Brust um ihm zu zeigen, dass sie nicht weiter vorrücken würden. Sie stimmte ein tiefes Lied an, dass sehr beruhigend wirkte und anscheinend auch bei dem Berserker seine Wirkung nicht verlor. Dieser hörte auf wild um sich zu schlagen und senkte seinerseits seine Waffe. Heftig atmend stand er nun da und betrachtete Schatten mit einem zutiefst hasserfülltem Blick.

Die kleinen Glühwürmchenartigen Lichtpunkte regneten genau jetzt wieder auf den Kampfplatz nieder. Dort wo sie den ätherischen Schatten trafen, blitzten sie noch einmal kurz auf und bildeten dann ganz kleine konzentrische Kreise aus blauem Licht, die über den Mantel von Schatten flossen. Insgesamt war die Szenerie jetzt durch den Gesang der Bardin von Regungslosigkeit und Ruhe gekennzeichnet.

Die einzige Bewegung entstand nun bei dem bisher reglosen Schatten. Er bewegte den Kopf und schaute irgendwie verwirrt erst auf seinen Mantel und die Lichtkreise. Dann richtete er seinen fragenden Blick auf den Barbaren. “Wie… konntet… ihr…” war das einzige, dass man von ihm hörte, bevor er sein Gesicht vor Schmerzen verzog. Zusammengekrümmt fiel er auf den Boden, seine Augen waren genau so blicklos und abwesend wie vor dem Kampf.

Esturiana ging nun auch zu der kleinen Gruppe hinüber die verwirrt dastand. Die Bardin richtete einen wütenden Blick auf den Barbaren. “Was hast du getan, du Tier!? schrie sie ihm entgegen.

Dieb, Bardin, Spion und Berserker

© Kivos

Nachdem sie einige Minuten schweigend im Dunkeln ausgeharrt hatten, entschieden Sheila und Kivos, selbst die Initiative zu ergreifen. Nun, eigentlich hatte Sheila allein aufbrechen wollen, aber Kivos ließ sich trotz seines recht angeschlagenen Zustandes nicht davon abbringen, sie zu begleiten. Albernes männliches Selbstverständnis… dachte die Elfin, war sich aber durchaus darüber im Klaren, dass Zeit und Ort für einen Streit über Machismo ein wenig ungünstig waren. So dämmte Kivos mit ein wenig angefeuchteter Erde das Feuer und die beiden Gefährten krochen am noch immer wie erstarrt dastehenden Schatten vorbei aus der Senke, wo Sheila ihr Lager aufgeschlagen hatte in das finstere Dickicht des nächtlichen Waldes.
Kivos wog, hinter der Bardin herschleichend, die Elbenklinge, die das Mädchen offenbar einem seiner früheren Kameraden hatte abknüpfen können. Kivos war kein Freund schwerer Klingen; er hätte ein Rapier oder Florett vorgezogen, wie Sheila es trug oder wenigstens schnelle Zwillingsklingen…seine Stärke im Kampf waren Geschick und Schnelligkeit, weniger seine Konstitution und Stärke. Magie war auch eine Option, denn er besaß Talent dafür, wie alle…Diebe, nun war es ausgesprochen. Er war ein ordinärer Dieb gewesen, bevor er, gelenkt vom KI und dem Druck des Stammes eine vitale Position unter den Kriegern des Heeres einnehmen musste. Nein, nicht ordinär…. schmunzelte er überraschend munter in sich hinein Ich war spitze! Und auch in anderer Hinsicht war er ausgesprochen begabt gewesen. Diese weitere Begabung ließ ihn die junge Frau genauestens in Augenschein nehmen, während sie leicht gebückt hintereinander herschlichen. Elfen verfügten bekanntermaßen über die sehr nützliche Fertigkeit der Infravision, die es ihnen erlaubte, selbst in völliger Finsternis relativ gut sehen zu können. Seine Elfenaugen übermitteltem dem ehemaligen Leutnant recht reizvolle Signale bezüglich seiner Gefährtin. Silva trug einen schon etwas mitgenommenen Wildlederumhang mit einer locker herabbaumelnden Kapuze die sich aufgrund der ihren Bewegungen eigenen Geschmeidigkeit jedoch kaum bewegte, während sie flink vorankrochen. Darunter schien sie ein lockeres Kleid aus blaurotem Linnen zu tragen; ein merkwürdiges Kleidungsstück für einen Marsch durch die Wildnis, wie Kivos fand. Aber es schmeichelte ihrer Figur und der lockere Gürtel um ihre Taille tat ein übrigens dazu. Nicht allzu langes, leicht gewelltes rotbraunes Haar floß ihren Rücken herunter, was recht ungewöhnlich war für die Elfen, die Kivos kennengerlernt hatte; diese waren im Regelfall schwarzhaarig oder blond gewesen. Allerdings waren das auch nicht allzu viele Begegnungen und meistens waren sein Geist und seine Seele bei diesen Gelegenheiten weit, weit weg… Wo nur wandern unsere Geister hin, wenn das KI unsere Körper übernimmt?. Beschwor Sheila jedoch ihre beeindruckende Stimm-Magie, ging ein seltsames Leuchten von ihr aus, dass ihr Haar fast weiß erschienen ließ, wie bei den meisten Schattenelfenfrauen. Am Feuer hatte er bemerkt, dass ihre Augen von einem smaragdartigen Grün waren. Elfen hatten Mandelaugen und die Augen der Schattenelfen waren meist annähernd schwarz oder gar rot, niemals grün oder blau. Sie war anders als alle Frauen, die er bisher gekannt hatte (und er hatte VIELE gekannt, und die meisten davon sehr gut) Ja, er musste sich eingestehen, dass er wirklich SEHR angetan von dem Mädchen war. Kivos hatte gar nicht anders gekonnt; er MUSSTE ihr folgen. Am liebsten wollte er sie festhalten und nie wieder loslassen. Einen Augenblick lang rätselte er, woher dieses Gefühl stammte. Er kannte sie schließlich erst ein paar Stunden und war in Herzensangelegenheiten niemals sehr vorschnell gewesen. Außer bei Ylse. Ich hätte ahnen müssen, dass sie unaufrichtig war und keine von uns… Daß ich nur ein Spielzeug war für sie. Aber ich hatte ja auch meinen Spaß, zu Beginn. Da schert man sich nicht um Ahnungen und miese Gefühle. Ob seine ungewöhnlich intensiven Gefühle für die ihm doch eigentlich vollkommen unbekannte Sheila einfach nur da herrührten, dass sie sich um seine Wunden gekümmert hatte? Er wusste es nicht. Einfach lächerlich, das alles. Vermutlich bin ich einfach nur noch angeschlagen; immerhin war ich tot. Oder zumindest war ich FAST tot. Vor Gericht würde das als mildernder Umstand sicherlich anerkannt! Aber trotzdem… Mit einem leisen Wink ihrer rechen hieß Sheila ihn anhalten. Die Linke hielt ihr todbringendes, leichtes Florett.
Mit dem Kopf deutete die Bardin auf eine Gruppe hoher Büsche direkt vor ihnen. Die zwei Gefährten duckten sich im Schütze eines stachligen Ginsterbusches und versuchten allein durch Zeichensprache einen Plan zu entwickeln. Dieser nahm sich am Ende relativ simpel aus: Sheila wollte von seitlich vorne auf das Gebüsch zudrängen, in dem sie ihren ungeladenen Gast vermuteten, Kivos sollte sich von hinten heranschleichen und gleichzeitig ein kleines Ablenkungsmanöver initiieren, welches die Aufmerksamkeit ihres Besuchers auf sich ziehen sollte, damit Sheila die Möglichkeit bekam, ihn schnell zu entwaffnen. Kivos war im Grunde davon überzeugt, dass er sich grundsätzlich besser dazu eignete, den Gegner, wer immer es auch war, zu entwaffnen. Aber, zugegeben, er WAR reichlich angeschlagen und ein Angriff aus dem Hinterhalt kam ihm als früher sehr geübtem Dieb natürlich wesentlich besser gelegen, als ein Frontalangriff. Sheila duckte sich noch tiefer in das Blattwerk des Busches, in dem sie sich versteckten und deutete Kivos mit einer sanften Geste an, er möge um den Buch herumkriechen, sich dann leise und vorsichtig geduckt am Waldessaum entlangbewegen und so schließlich in die richtige Angriffsposition gelangen. ER sollte das Signal zum Angriff geben; durch seine Ablenkaktion.

Sie macht sich Sorgen um mich! stellte er fest, nachdem er sich auf den Weg gemacht hatte So wie’s aussieht hat sie Angst, dass ich die Sache vergeigen könnte. Ts, ich bin ein Schattenelf, verdammt! Und ich galt mal als einer der zehn geschicktesten Diebe von ganz Exturion. Nun, woher soll sie das wissen? Aber sie macht sich Sorgen um mich! Kivos hielt sich dicht am Boden, kroch lautlos wie ein kleines, leichtes Reptil über den kühlen Waldboden. Er hielt sich in den tiefsten Schatten, kroch quasi schon UNTER den Büschen her. Dabei verursachte er jedoch keinen Laut. Sheila war durchaus beeindruckt. Ich habe von seinem Gequatsche von Freien und Begabten zwar kaum die Hälfte verstanden aber grundsätzlich scheint er ein anständiger Typ zu sein. Ich frage mich nur, wieso man den Offizieren der Heere der Schattenelfen beibringt, sich derart lautlos und verstohlen zu bewegen. Ich glaube nicht, dass das sehr nützliche Fähigkeiten für einen Soldaten sind. Die neigen dazu, nur in Gruppen aufzutreten, zu klimpern und zu kratzen und herumzuschreien und so. Ich werde ihn danach fragen müssen. Ich bin sicher, eine entsprechende Gelegenheit wird sich ergeben, früher oder später. Sie gestattete sich ein süffisantes Lächeln, dann gab Kivos das Zeichen.

Kivos hatte gegrübelt, wie er Sheila informieren sollte, dass er in Position war. Er hatte sich langsam und auf Umwegen an ihren Zaungast herangepirscht und konnte ihn nun erkennen, geduckt hinter exakt dem Busch, den Sheila und er ins Visier genommen hatten. Offenbar hatte sich der Spion unter einem weiten, dunklen Ölmantel zusammengekauert, der unter normalen Umständen sicherlich unsichtbar gewesen wäre, würde nicht gerade der Vollmond hinter einen Wolken hervorpreschen. Kivos überlegte, wie er Sheila nun rufen sollte. Ein Pfiff, ein Ruf, ein Tierschrei? Schließlich blickte er auf die Klinge in seiner Hand, musterte sie mit einem abschätzigen Blick und schleuderte sie Kraftvoll in einen Baum, der in der Gegenrichtung zu Sheila und ihm stand und bisher ein unschuldiges, harmloses Dasein gefristet hatte – was ihn zur idealen Heimstatt für allerlei Getier auswies. Der Angriff auf ihr Domizil schreckte eine Gruppe krächzender Raben auf, außerdem erhob sich eine kleine Schar Fledermäuse aus dem Baumwipfel und jagte, schrill schimpfend, dem Mondlicht davon. Aus dem hohen Gras nahe dem Baum erklang ein Rascheln; ein weiteres Nachttier war aufgeschreckt worden und machte sich flugs davon. Die Gestalt mit dem Ölmantel zeigte die erhoffte Reaktion: Sie drehte sich erschrocken in die Richtung, aus der die Geräusche stoben und gab damit ihr Gesicht dem Mondlicht preis. Er erblickte das ebenmäßige Gesicht einer Tirem-Ag-Elfin, von dem man durchaus behaupten konnte, dass es recht exquisit war. Ein entschlossener Zug umgab ihre Augen und obwohl sie auf diesen kleinen Trick offenbar hereingefallen war, schien es sich hier um eine kampferprobte Frau zu handeln.

Mit einem Satz sprang Sheila auf die Gestalt hinter dem Busch zu, um sie zu überwältigen. Im fahlen Mondlicht erkannte auch sie das Gesicht der Elfin. Ärgerlicherweise hatte die Frau auch sie entdeckt und murmelte ein paar Worte. Daraufhin explodierte die Luft um die Spionin herum in einer Kuppel aus blaugrüner Energie. Sheila wurde zurückgeschleudert, rappelte sich jedoch sofort wieder hoch, um erneut anzugreifen Eine Magierin! Na großartig… Wieder stürmte sie auf die Frau zu, die als Reaktion darauf wieder zu murmeln begann und offenbar ihren magischen Schutzschild noch ein wenig verstärkte, um auch den zweiten Angriff der Bardin abzuwehren. Sheila schwenkte ihren Degen, der nun in einem merkwürdigen Licht zu leuchten begann. Doch anstatt auf die Magierin einzustechen, schleuderte die Elfenbardin die Klinge in die Luft und über den Kopf ihres mutmaßlichen Opfers hinweg. Behende sprang Kivos hervor, fing das in der Dunkelheit glühende Florett geschickt auf und stieß ruckartig damit zu. Die Magierin hatte sich auf einen Angriff von vorn eingestellt; sie hatte schließlich nicht ahnen können, dass in ihrem Rücken auch noch jemand lauerte. Die Folge davon war, dass ihr Schutzschild im Rücken nur sehr schwächlich war. Der von Sheila besungene Degen glitt zwar nicht durch ihn hindurch wie ein heißes Messer durch Butter aber Kivos schwor später, er habe sich durch den Schutzschild der Magierin gefressen wie eine scharfe Schere durch Pergamentpapier. Kivos Stich erwischte die Magierin an der Schulter, die, abgelenkt durch den unerwarteten Schmerz, ihre Konzentration verlor und den Schutzschild fallen ließ. Sheilas Stimme wob ein Liedchen der Stille auf die Gegnerin, um sie daran zu hindern, weitere Magie anzurufen. Doch es schien, als habe die Magierin derartiges eh nicht im Sinne gehabt. Mit einem leicht trotzigen Gesichtsausdruck blickte sie zwischen den zwei Gefährten hin und her und hielt sich dabei die schmerzende Schulter. Sheila wandte sich an Kivos: Sehr elegant, die Aktion mit dem Sprung und dem schnellen Vorstoß. Bringt man Euch sowas im Heer von Ylse bei oder stammt das daher, wo Du auch Deine Fertigkeiten im Anschleichen, der Tarnung und Deine erstaunliche Fingerfertigkeit erworben hast? Kivos, der noch immer den Degen auf die Magiern richtete, grinste sie jungenhaft an und nickte dann, eine Spur Verlegenheit und jede Menge Stolz in der Stimme Nein. Diese recht wertvollen Kenntnisse stammen noch aus den Zeiten meiner ersten Karriere. Sheila grinste bezaubernd zurück, dann richtete sie ihren Blick auf ihre Gefangene, die ziemlich ungehalten zu sein schien, jedoch aufgrund der beunruhigenden Nähe von Kivos’ Klinge in ihrem Rücken klugerweise darauf verzichtete, einen Fluchtversuch zu unternehmen. In einer Mischung aus Erheiterung und Verärgerung entdeckten die Bardin und der Dieb, dass ihre ihnen auflauernde Todfeindin mit den Lippen die Worte Ihr habt mich überrumpelt! formte. Kivos kam nicht umhin, den Mut der Magierin angesichts zweier Feinde und ihrer momentanen Unfähigkeit, ihre Magie zu benutzen, zu bewundern. Aber Sheila war weniger amüsiert. Sie streckte die Hand aus und ließ sich von Kivos ihren Degen zurückgeben, dessen Spitze sie dann mit Zorn in den grünen Augen auf die gelähmte Kehle der Magierin richtete. Wer bist Du? Was willst Du von uns? Warum verfolgst Du uns?. Die Magierin deutete auf ihre Kehle, darauf hinweisend, dass sie so kaum in der Lage sein würde, etwas auszupacken. Sheila drückte die Spitze ihres Degens noch fester an die Kehle der Magierin; nur einige Millimeter weiter und sie würde in den Hals der jungen Elfe eindringen. Dann ließ die Bardin ihren sprachlähmenden Gesang verstummen.

Ich bin Esturiana, die Magierin. Und Du tust mir weh, verdammt! Kivos brach in schallendes Gelächter aus. Auch Sheila kam nicht umhin, der Magierin für ihre Kühnheit ein kleines Lächeln zu schenken. Langsam zog sie die Klinge zurück und reichte Esturiana die Hand, um ihr aufzuhelfen. Plötzlich sprang eine rasende Bestie aus dem Gestrüpp ganz in der Nähe und stürzte sich mit wildem Kampfschrei und wehenden Äxten auf den noch immer völlig erstarrten Schatten.

Des Grenzländers Suche

© Thorbus

((( Knack )))

…verdammt, was war das?

…fragte sich Thorbus. Still, starr und regungslos wie ein Stein blieb der Grenzländer stehen. Langsam, sehr langsam senkte er seinen Körper zu Boden, die linke Hand am Kopf seiner Kriegsaxt, die er fest an seinen Körper preßte, die rechte Hand an seiner Tasche, die er mit seiner Faust zusammenpreßte, um jegliches Geräusch zu vermeiden. Lautlos kroch Thorbus nun auf allen Vieren in einen natürlichen Verschlag aus Felsbrocken und umgestürzten, halb verwitterten Baumstämmen und Ästen. Das tief hängende Laub des Baumes über diesen Verschlag, ließ ihn völlig in die Dunkelheit entschwinden.

Ich hab Dich gehört, jetzt muß ich Dich nur noch sehen…

…murmelte Thorbus vor sich her während er seine Augenlieder ein wenig zusammendrückte um seinen Blick für die Ferne zu schärfen. Einen zerberstenden Ast, welcher durch verfehlten Tritt dieses Geräusch von sich gab, war Thorbus nicht fremd.

…nichts zu sehen, rein gar nichts zu sehen, doch ich bin mir sicher…dieses Knacken kam von dort vorn, wo der Wald in eine kleine Lichtung aufgeht, ich bin mir sicher.

Seinen Blick auf den Steinbrocken zu seinen Füßen lenkend, entspannte er seine Augen, die im Dunkel der Nacht nichts zu erspähen vermochten und drehte leicht seinen Kopf um besser in die Ferne zu hören und nun seinen Ohren die Aufgabe der Überwachung der in der Ferne sichtbaren Lichtung zu überlassen. Wie ein Wolf auf der Jagd, spitzte er seine Ohren um irgend ein Geräusch zu erhaschen, was nicht zu den üblichen Geräuschen eines Waldes im Dunkel der Nacht gehörte. Stille, trügerische Stille herrschte nun, es schien, als wären alle Geräusche der Natur verstummt.

Ich muß wissen woher das Knacken kam, ich bin zwar hier gut verborgen, doch verstecke ich mich nach so vielen Schlachten doch nicht wie ein feiger Knabe. Ich muß näher heran, heran an diese Lichtung dort vorn.

Doch vorerst entschied sich Thorbus, seiner trockene Kehle mit einem Schluck aus seinem Wasserschlauch, das rauhe Gefühl zu nehmen. Er entspannte seine Haltung, lehnte sich an einen morschen Baumstamm und zog in leisen, gleichmäßigem hin und her den Korken aus dem Wasserschlauch.

Jetzt bloß kein Geräusch dachte er bei sich und fing an sich sein Versteck und die nah liegende Umgebung zu mustern. Ein alter Wald, voll mit kräftig gewachsenen Bäumen, dicht und hoch in den Himmel ragend, welch hervorragendes Material um ein Dach zu decken, um…

Er schwieg sich selber an und senkte seinen Blick. Er verfluchte es, wenn es Ihn mitriß, wenn in seinem Kopf immer und immer wieder diese Bilder verlorener Tage vorüberzogen, diese Bilder seines früheren Lebens, die Bilder eines besseren Lebens. Falvalah…. der Name seiner toten Frau fuhr ihm in einem verzweifelten Keuchen über die Lippen. Schlagartig schnürte es ihm die Kehle zu, jeder Tropfen Wasser in seinem Mund schien sich verflüchtigt zu haben. Ein bitterer Geschmack, den selbst ein weiterer großer Schluck aus seinem Wasserschlauch nicht zu verscheuchen vermochte.

Ich muß Sie finden,…dachte er, …ich muß diese Gelehrte unbedingt finden. Endlos erscheint mir die Zeit die ich Ihr schon auf den Fersen bin, in der ich durch Geäst und Gebüsch stürze um den Spuren zu folgen, die ich für die Ihren halte. Ha, fast scheint´s mir, als würde Sie sich verstecken, oder derjenige…wem auch immer ich folge. Kann Sie das sein, eine Gelehrte die sich verstecken muß, die alles darum gibt unentdeckt zu bleiben? Leider wenig Glück dabei gehabt, …verwirrend….Spuren von Kämpfen, fand er auf seinem Weg, doch keine Toten…verwirrend, Messer, ja, und Klingen und Pfeile…aber keine Toten. Zerborsten Schild, durch schwere Stiefel aufgewühlte Erde, wie mit einem Pflug, den er früher oft zum Aufreißen seines Ackers nahm, um der neues Saat Luft zu verschaffen…doch, kein lebloser Leib wie üblicherweise nach einer Schlacht, nichts…Seltsames ist hier am Werk. Egal, ich muß Sie finden…

Es war Thorbus aufgefallen das die Spuren, denen er folgte, immer ein wenig abseits von Spuren einer größeren Gruppe verliefen, denen sie zu folgen schienen, aber er zerbrach sich nicht den Kopf darüber. Dieser Tage waren viele unterwegs, Menschen und Elfen, Zwerge, Gnome und Goblins. Vertriebene, Heimatlose, Flüchtende und Glücksritter auf der Suche nach Ruhm und Ehre. Er war doch auch unterwegs, doch war sein Grund der Reise ein anderer. Thorbus war getrieben von Haß, von Wut, von innerer Zerrissenheit und endloser Pein. Jetzt, da er einen stärkenden Schluck Wasser zu sich genommen hatte, die Geister der Vergangenheit aus seinem Kopf für den Augenblick zu verblassen begannen, konzentrierte er sich wieder auf Geräusche, Gerüche und vermeintliche Schatten, die sich als schwankende Äste herausstellten. Die Lichtung, die kleine Lichtung dort vorn, die mußte er erreichen, so schnell und so leise wie nur irgend möglich.

Sein Gepäck wieder gut verstaut, die Axt fest umschlungen um das Klacken, der kleinen, in Blutverschmierten Lederfäden gewickelten Stahldornen, am blanken Stahl zu verhindern und die Tasche mit der anderen Faust in die Form eines Knäuels gepreßt um auch ihr kein Geräusch zu entlocken, tastete er sich Stück für Stück vorwärts. Meter um Meter im Schutzmantel der Bäume und der Dunkelheit schlich er näher an die Lichtung, von welcher er sich sicher war, das achso verräterische Knacken eines unachtsam getretenen, verdorrten Zweiges gehört zu haben. Je näher er der Lichtung kam um so mehr tat sich der Wald auf.

Volltreffer…

Sprach sich Thorbus bestätigend zu als er das Flackern eines kleinen, jedoch weithin sichtbaren Feuers vernahm.
Ein Lager mußte dort sein. Nicht sonderlich gesichert oder versteckt, aber das war auch nicht von Nöten, denn auch ohne Feuer, wäre Thorbus der Geruch von trocknendem Blut, welches aus Wunden getreten war und nun zu gerinnen begann aufgefallen. Auch ein Blütenartiges Aroma, wohl von einem Trank oder Tee, wäre im beim Näher kommen aufgefallen. Tee. Das trinken Gelehrte am liebsten, glaubte er zu wissen. Kann es sein das er endlich die gefunden, die er gesucht hatte, um Antworten auf seine Fragen zu bekommen.

…das mußte es sein. Noch etwas näher, nur ein wenig…um einen Blick zu riskieren.

…dachte er sich. Er vernahm zwei Gestalten. Kauernd am Boden, in einer ungewöhnlichen Haltung. Entweder spähten sie in das Dunkel des Waldes oder sie…sie…

Verfluchte Kreaturen, Mörder…

…zischte es über seine Lippen als er eine dritte Gestalt vernahm, eine dunkle, verhüllte Gestalt die reglos neben den beiden anderen…JA….zu stehen schien. Es war nicht zu erkennen wer oder was diese Kreatur war, das was wie Beine schien, konnten keineswegs Beine sein, unförmige Gliedmaßen, oder spielte ihm die Dunkelheit einen Streich. Die Arme waren keine, nicht solche, wessen Anblick Thorbus geläufig war. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf, als er eine der Gestalten als eine Frau ausmachte: „[hero: Esturiana]“…die Gelehrte, die die er suchte. Sie mußte es sein, die Spuren führten ihn hier her. Noch ein wenig näher kroch Thorbus an das befremdliche Lager heran, ohne ein Geräusch, den Atem anhaltend um sich in volle Stille zu hüllen.

Kann Sie es sein, sie muß es sein, ich bin mir sicher…oder….JA…..Sie muß es sein

Noch weiter preßte er seine Augenlieder zusammen um in diesem Dunkel etwas mehr zu sehen, waren dort noch mehr, wer oder was waren die anderen beiden Gestalten, war es eine Falle? Seine Augen nutzten nun jeden kleinen Lichtschein des Lagerfeuers aus um sich die Gestalten zu betrachten, das war doch…

…ein Mann, das neben Ihr war ein Mann, ein Verwundeter….bei Erulion…sie sind Gefangene, sie spähen nicht, sie knien nieder, vor diesem, diesem…Schatten…Wesen….was auch immer.

Thorbus drehte sich kurz auf den Rücken, nahm seine Kriegsaxt in die Linke, murmelte ein kurzes Stoßgebet in Richtung Nachthimmel und wußte genau, was er nun zu tun hatte.

Niemals lasse ich zu, dass dieses Ungetüm in Schwarz das Morden der Grenzlande hier her in diesen Wald trägt, nicht so nah an den Antworten auf meine fragen, lasse ich zu das die Gelehrte in seiner Knechtschaft lebt und stirbt. Gebt mir Kraft, ihr Götter, gebt mir Kraft…

Mit einem Satz sprang Thorbus aus seinem Dunkel.

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