Vor Edeas Hütte schluckte der Horizont die letzten rotgoldenen Sonnenstrahlen. Die vom Schicksal dieser leblosen Welt zusammengewürfelten Gefährten starrten in kollektiver Ernüchterung auf den blutigen Himmel. Hatte Lulu sie verraten? Nun, was wussten sie schon von ihr? Hatten sie sie nicht gerade erst getroffen? Wer konnte schon ahnen, was in ihr tickte? Oder den anderen, wie sie hier zusammenstanden. Der Barbar Thorbus war der Misstrauischste von allen. Die Geschichte Lulus, wie Sheila, Schatten und auch Kivos, soweit er etwas mitbekommen hatte, bestätigte seinen Eindruck vom Leben und den Menschen im Allgemeinen. Wolçar spürte zwar deutlich, dass er einer der Begnadeten sein musste, wie auch Celes, Dinera, Kivos und Esturiana…aber was konnte er schon tun, um den Mann zu halten? Jeder von uns muß seinen Weg selbst wählen. Hieß es nicht immer so im Konzil? Und vielleicht wären wir wirklich besser ohne ihn dran; er hat sich nicht unter Kontrolle, wenn die Berserkerwut mit ihm durchgeht. Aber er hat Schlimmes erlebt, auch, wenn er sich weigert, davon zu berichten. Und seine Kraft ist beeindruckend. Es wäre tragisch, solch einen Gefährten zu verlieren. Aber wer für das Recht des einzelnen auf Freiheit eintritt, kann ihn nicht daran hindern, es wahrzunehmen. Nun, wir werden sehen, wie er sich am Morgen entscheiden wird. Und ich könnte mir vorstellen, dass seine Entscheidung von Esturianas Entscheidung abhängen wird, uns zu begleiten.
Sie hatten beschlossen, sich am nächsten Morgen auf den Weg zu machen. Schatten war vollkommen genesen von Thorbus’ Angriff und weigerte sich strikt, wenn jemand anbot, sich um seine doch sicherlich vorhandenen Verletzungen zu kümmern. Wolçar selbst hatte Dank der guten Pflege von Edea und Luna nach dem Aufwachen seine beeindruckenden Selbstheilungskräfte entfesseln können und war nunmehr bereit, es erneut mit der Welt aufzunehmen. Und mit gewissen Schamaninnen, die sich darin aufhalten mochten. Aber es war bereits recht spät und Edea hatte darauf bestanden sie – und dabei speziell ihren Patienten – noch eine Nacht im Hause zu behalten.
Der Dieb Kivos, der ziemlich offensichtliche Gefühle für die Bardin Sheila zu hegen schien, hatte erläutert, dass die Stadt Hope von hier nur einige Wegstunden zu Fuß entfernt war. Sie wollten am frühen Morgen aufbrechen und konnten, so sie es denn für notwendig hielten, in dem Dörfchen Last in der dortigen Taverne eine Rast einlegen. Mit einiger Befriedigung dachte Wolçar daran, dass sie nun einen Führer hatten, der nicht nur mit den richtigen Leuten in Kontakt stand, sondern außerdem die Gegend wie seine Wesentasche kannte und nicht ständig zwischen mehreren Persönlichkeiten hin- und herwechselte wie der zweifellos brillante, aber unverläßliche Gnom. Außerdem freut es mich, dass Sheila offensichtlich ähnliche Gefühle für den Schattenelfen hegt. Ich hoffe nur, sie ist nicht wieder zu eifrig. Was die Liebe angeht, ist sie noch immer ein kleines Elfenmädchen aus der gehobenen Mittelschicht. Er musterte den Dieb, während der sprach.
Der Wirt ist selbst kein Freier, aber auch er scheint über ein Minimum an Begabung zu verfügen und er ist ein Sympathisant der Freien. Dort könnten wir insofern ohne größere Probleme und fern von Ylses Aufmerksamkeit unseren Stützpunkt einrichten. Ich verbürge mich für ihn. – Damit schneidest Du ein interessantes Thema an… meinte Bücherwurm. Wer verbürgt sich eigentlich für Dich? Kivos starrte dem Gnom in unterdrückter Wut entgegen, doch der zuckte nur die Schultern und widmete sich wieder seinem Buch. Es handelte sich um den geographischen Band, den er schon zuvor eifrigst studiert hatte.
Auf jeden Fall seine Ortskenntnis verdient unser Vertrauen; ich denke, nach Hope dürften es von hier aus etwa sieben Stunden sein. Wenn wir morgen in aller Frühe… er warf einen Seitenblick auf die ihn mit gerunzelter Stirn anstarrende Edea, schluckte und fuhr dann eifrig fort …uh, nach einem reichhaltigen, gesunden Frühstück aufbrechen, könnten wir bereits am frühen Nachmittag in Hope sein. Etwas später, wenn wir vorher in der Taverne von Last eine Pause einlegten und uns dem Wirt in den sicherlich weit geöffneten Rachen werfen. bei diesen Worten sandte er wieder einen misstrauischen Blick zu Kivos, der spöttisch eine Augenbraue hob. Nur keine Sorge, Alterchen. Lars ist ein guter Mann und kein Freund von SYSTEM, das kann ich Dir versichern. – Was Deine Versicherungen wert sind, wird sich noch herausstellen müssen, Schattenelf. knurrte der Berserker, der ohne große Begeisterung neben Esturiana am Tisch saß und der Unterhaltung mit größter Aufmerksamkeit folgte, während er Gleichmut zur Schau stellte.
Schatten schlich neben Kivos und legte ihm eine riesige, knochige Hand auf die Schulter. Es gibt keinen Grund, Kivos zu misstrauen. – Abgesehen davon, dass er ein verdammter Schattenelf ist, meinst Du, Schattenwesen? bemerkte Thorbus ungnädig. Im übrigen bist Du nicht unbedingt die beste Wahl als Fürsprecher. Schattens Hand schloß sich fester um Kivos Schulter. Dem Gesicht des Diebes war zu entnehmen, dass der harte Griff seines Guardian ihn schmerzte. Schattens Augen blitzten goldgelb unter seiner Kapuze auf, als er seinen und Kivos’ Ankläger fixierte. Seine zischende Stimme kroch durch die Nacht wie ein Schlangenlaut Ebensowenig gibt es einen Grund, MIR zu misstrauen. Berserker Thorbus. ICH habe bisher darauf verzichtet, unprovoziert einen Kameraden anzugreifen. Wie steht’s mit Dir? Esturiana fühlte sich veranlaßt, Partei für den Berserker zu ergreifen. Es steckte keine ABSICHT dahinter. Er dachte, Du wolltest uns angreifen. Beziehungsweise, dass wir Deine Gefangenen wären. Außerdem konnte er sich nicht zurückhalten. So geht es jenen, die vom Geist des Zornes besessen sind. Er übernimmt sie, sobald er Gelegenheit dazu bekommt. – Ungefähr so wie bei der KI-Energie? murmelte Bücherwurm leise und erntete darauf einen bösen Blick von allen Vier Beteiligten dieser Diskussion.
Sheila seufzte und Dinera schüttelte den hübschen Kopf. Nun, wir sind ein eine Gruppe Verirrter auf der Suche nach dem Weg nach Hause… grübelte die Bardin. Es wird sicherlich einige Zeit dauern, aber irgendwann werden sie sich schon zusammenraufen. Ansonsten…gilt meine Loyalität Wolçar. Und ich werde Kivos nicht im Stich lassen. Ebensowenig wie Schatten ihn im Stich lassen wird. – Es ist wie in einem Wolfsrudel. erklang eine melodische Stimme neben ihr. Dinera blickte der Bardin in die Augen und deutete ein Lächeln an. Sheila fand es fast unheimlich, dass die Paladin gerade mit IHR sprach. Trotzdem erwiderte sie das Lächeln. Ja. raunte sie zurück Dabei gibt es hier gar kein Fleisch, um das man sich streiten könnte. Dinera zog in einem spöttischen Ausdruck die Brauen hoch und hob wieder ihre Stimme. Die Freiheit ist für jene, die Kivos „Begnadete“ nennt, ein sehr hohes Gut. Es fällt uns schwer, etwas davon abzugeben. Du und Wolçar, Ihr versteht das vermutlich nicht, denn Ihr stammt nicht von hier, richtig? Warum sagt sie niemals einen Ton? Ihre Stimme ist exquisit – und ich spüre Magie in ihr! dachte Sheila. Dann fesselte plötzlich etwas ihre Aufmerksamkeit. Nein…wie schon gesagt, wir stammen aus einem fernen Land und… Dinera winkte lächelnd ab. Ferner könnte es kaum sein, denn ihr stammt von einer anderen Welt oder? Meine Göttin hat mir davon erzählt. Sie sagt, dass ihr vollkommen anders seid als jedes Wesen, dem sie begegnet ist. Und das ihr…Seelen besitzt, die in keinster Form an das erinnern, was die Helden Exturions in sich tragen. Ich verstehe, dass ihr nicht darüber sprechen möchtet. Ich verstehe, wenn man über Dinge nicht sprechen kann. Auch ich vermag es schließlich nicht.
Damit wandte sich die Paladin von der Bardin ab und deutete auf Celes, die bedrückt auf dem Boden saß, zwischen den beiden Barbarenzwillingen, die dem Streit zwischen Schatten, Kivos, Thorbus und Bücherwurm nur sehr unaufmerksam folgten. Ihre Entscheidung stand fest, sie würden die Gefährten bis ans Ende der Welt begleiten und zurück, wenn es sein musste. Dinera wandte sich wieder an Sheila, hielt ihr Auge jedoch auf Celes. Da siehst Du jemanden, der Zuspruch benötigt. Offenbar hat Lulu ihr viel bedeutet. Ihr offensichtlicher Verrat hat das Mädchen sehr tief getroffen. Ich kann leider…mit Worten nicht umgehen, Sheila. Aber Du dafür umso besser. Könntest…Du nicht mit ihr reden? Sheila schluckte beim Anblick der Jägerin. Sie hatte den Eindruck, dass Celes SIE für Lulus Verlust verantwortlich machte, zumal sie Kivos gerettet hatten, wohingegen die Gelehrte verschwunden blieb. Die offene Zuneigung, die Dieb und Bardin auf Anhieb gezeigt hatten, musste bei dem Mädchen doch den Eindruck erwecken, Sheila habe ihre Freundin zugunsten des attraktiven Ex-Leutnants zurückgelassen. Sheila schüttelte traurig den Kopf. Ihr kastanienfarbiges Haar peitschte dabei sanft von einer Seite zur anderen.
Ich würde ihr gerne helfen…aber ich fürchte, dass ich im Moment nicht die richtige Person dafür bin. Dinera blickte sie grüblerisch an, nickte dann mit einer Weisheit im Blick, die die Bardin sehr überraschte, legte ihre Hand auf die Sheilas und signalisierte Verständnis. Ja, ich glaube ich verstehe, warum Du ihr nicht helfen kannst. Dann schwieg die Paladin wieder, ließ jedoch ihre tröstende Hand auf der der Bardin. Edea, die das leise Gespräch der beiden verfolgt hatte, erhob sich und lächelte die neuen Freundinnen an. Ich werde mit ihr reden, einverstanden? Sie ging auf Celes zu und half der jungen Jägerin auf. Als sie dastand warf sie Sheila einen Ausruck tiefempfundenen Hasses zu, der der sonst so schlagfertigen Bardin Tränen in die Augen trieb und sie schnell den Blick abwenden ließ. Edea führte Celes von der Hütte fort. Sheila bemerkte noch, wie die Heilerin mit dem Finger auf sie deutete, den anderen Arm dem Mädchen auf die Schulter legte und dann sanft ihren Kopf schüttelte.
Neben ihr tauchte Wolçar auf, der von dem Streit der vier Gefährten genug hatte und beabsichtigte, die Auseinandersetzung zu beenden. Er sah zu Sheila, blickte auf Dinera, wandte sich dann hinüber dorthin, wo Edea mit der einsichtig nickenden Celes sprach, bückte sich zu Sheila hinunter und legte seine verbliebene Linke väterlich unter das Kinn seiner alten Freundin. Sie ist jung und zornig, Sheila. Aber sie wird sich beruhigen. Edea wird schon dafür sorgen. Sie ist eine wirklich bemerkenswerte Frau. Ich wünsche, sie könnte uns ebenfalls begleiten…aber ihre Verpflichtungen liegen woanders. Auf jeden Fall wird sie die Dinge mit Celes klären, da bin ich sicher. Mit einem Lächeln erhob sich der Hüter, schenkte den Zwillingen und der Paladin ein um Mitgefühl ringendes Stirnrunzeln und steuerte dann auf Kivos zu, der den Hüter und die Bardin mit einigem Misstrauen beobachtet hatte. Sheila wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und lächelte dem Dieb gefühlvoll zu, was den zu versöhnen schien.
Die Versöhnung von Bücherwurm, Thorbus und Schatten ging leider weniger gut voran. Des verwandelten Wandlers Geduld hing an einem seidenen Faden und der Berserker Thorbus hatte die Hand bereits fest um den Griff seiner Axt geschlungen. Bücherwurm hüpfte zwischen den beiden hin und her und heizte die Stimmung nach Kräften an. Mit Deiner Axt kannst Du mir überhaupt nichts anhaben, Berserker Thorbus. Ich dachte, das wäre Dir bereits beim LETZTEN Mal aufgegangen. – Warum hast du beim LETZTEN Mal dann trotzdem japsend am Boden gelegen, Schatten? – Tragt es aus, Burschen! Na los, Thorbus, gib dem Biest ordentlich was auf die Mütze! Und was ist mit Dir, Guardian? Willst Du Dir die Unverschämtheiten dieses kleinen Axtschwingers einfach gefallen lassen? Kommt schon, ihr zwei! Wolçar gewann wieder den Eindruck, das ETWAS in Bücherwurm die Kontrolle über seinen Geist und seinen Körper übernommen hatte. Und in den fast blutrot leuchtenden Augen des großen Gelehrten erkannte er einen ganz eigenen Streit, einen weiteren Konflikt, der vermutlich niemals enden würde.
Esturiana saß am Tisch neben dem schäumenden Thorbus, der aufgestanden war und fast Nas’ an Nase mit Schatten stand. Die junge Magierin warf dem Hüter einen genervten Blick zu, ihn fragend, was sie denn nun unternehmen sollten. Der verwandelte Wandler schien vollkommen ruhig und gefasst; nur seinen verkrampften Händen konnte man seine Anspannung entnehmen. Kivos Versuche, den Streit zu schlichten, waren in von zwei zornigen Blicken erstickt worden, weshalb dieser jetzt mit verschränkten Armen am Tisch saß und Wolçar seinerseits in einer Mischung aus spöttischer Verzweiflung und nervlicher Anspannung ansah. Bücherwurm tanzte weiter zwischen den Kontrahenten einher und wirkte so, als hätte er seit Jahrzehnten nicht mehr soviel Spaß gehabt. Kivos schaute abwechselnd zu Esturiana, die sorgenvoll lächelte und Wolçar, der offensichtlich die Geduld zu verlieren begann. Schließlich setzte sich der Hüter an den Kopf des Tisches, stemmte den Ellbogen auf die Kante und rieb sich mit faltiger Stirn die Augen. Esturiana musste gegen ihren Willen lächeln und auch Kivos schmunzelte, während Berserker, Formwandler und Gelehrter ihr Spielchen weitertrieben.
Kivos ergriff das Wort: Zu Beginn ging es um mich, glaube ich. Bücherwurm hält mich anscheinend für einen Spion von SYSTEM und Thorbus…traut ohnehin keinem hier über den Weg – ausgenommen wohl Euch, wunderschöne Magierin. Esturiana runzelte ob der Charmeoffensive des Diebes die Stirn, grinste jedoch dann in Erwiderung. Es scheint wohl so, werter Herr Dieb. Ihr könntet ja nochmals versuchen, IHN mit Worten einzuwickeln. Oder befürchtet Ihr, er könnte Euch einen Korb verpassen? Kivos grinste zurück. Schon die zweite Frau in kurzer Zeit, die mir mehr als gewachsen ist. Scheinbar lasse ich nach! Wolçar gestattete sich ein leises Lachen, während der ehemalige Leutnant der Schattenelfen mit dem Kopf auf Thorbus deutete und dabei den Blick auf Esturiana hielt. Touché, Mademoiselle. Vermutlich muß man wirklich ein Magier sein, um diesen Kerl zur Räson zu bringen. Wie wäre es mit Euch, Lord Wolçar? Der Hüter schüttelte den Kopf Erspar uns beiden den Lord, Kivos. Hier bin ich kein Erzmagier, nur ein einfacher Priester auf einer von vielen sinnlosen Wallfahrten. Hat Sheila Dir davon…? – Sie hat mir ALLES erzählt. sagte Kivos. Und die Geschichten von Eurer…Heimat…, die sie mir zum besten gab, haben mir sehr gut gefallen. Ich glaube, ich würde sie gern einmal besuchen.
Wolçar sah Kivos erstaunt an. Tatsächlich? Nun, vermutlich kehren wir dorthin zurück, wenn wir hier eines Tages alles erledigt haben. – Guardian stammt auch von dort, nicht wahr? Gibt es dort viele so wie ihn? Wolçar nahm sich vor, ein ernstes Wort mit Sheila über Geheimidentitäten zu sprechen Ja. Und nein. Schatten…ist selbst unter seinesgleichen etwas besonders. Etwas ist mit ihm passiert und hat ihn…verändert, denke ich. Seine Art IST die Veränderung aber bei ihm…scheint es etwas festes, konstantes, unabänderliches zu geben. Und soweit ich seine Rasse verstehe, vergiftet ihn diese Konstante und macht ihn hart und unnahbar. Aber vielleicht kann sein Volk ihm eines Tages helfen. Was unser Problem mit ihm HEUTE angeht – würdest Du mir helfen, Esturiana? Die Magierin nickte erfreut. Oh, und Kivos: Ich vertraue Dir. Und auch die anderen werden das früher oder später schon noch tun. Jetzt solltest Du Dich allerdings um Sheila kümmern. Sie macht sich den Verlust Lulus zum Vorwurf. Aber so wie ich Schatten, Bücherwurm und Dich verstanden habe, hatte sie keine Chance, unserer Gefährtin zu helfen. Der Dieb erhob sich, wandte sich jedoch im Gehen noch einmal an Wolçar: Glaubst Du, sie ist noch eine Gefährtin?
Der Hüter nickte. Irgendwo tief drinnen, ja. Kivos nickte und ging dann zu Sheila und Dinera, führte die beiden von der Hütte fort zu einer blühenden Wiese, die hinter dem Haus lag. Black Tiger und Black Panther begleiteten die drei, nachdem Tiger sich mit einem kurzen Blick vergewissert hatte, dass es Celes bei Edea gutging.
Wolçar nahm Esturiana bei der Hand und beide begannen, einen gemeinsamen Zauber zu sprechen. Der auf- und abhüpfende Bücherwurm erstarrte plötzlich in der Luft und prallte unsanft zu Boden. Schattens wabernde Energien froren in ihrem Fluß ein und Torbus’ Pupillen sprangen zornig hin und her, als er feststellte, dass er sich nicht rühren konnte. Es ist genug ihr drei! donnerte Esturianas Stimme. Wolçar stimmte zu. Allerdings. Ihr zwei habt Eure Standpunkte deutlich gemacht: Ihr vertraut einander nicht. Vermutlich ist das verständlich, zumal wir alle uns erst vor kurzem über den Weg liefen. Nichtsdestotrotz einigt uns für den Moment ein gemeinsames Ziel: Hope. Ja, auch Dein Ziel liegt dort, Thorbus, denn Esturiana hat sich entschieden, uns in die Stadt zu begleiten. Und so wie ich Dich einschätze – als einen ehrenhaften Mann und mutigen Kämpfer, wirst Du sie nicht allein gehen lassen wollen. Schon gar nicht mit uns.
Schatten! Gut, Thorbus hat Dich angegriffen. Und er hat Dich verletzt, ja. Ich kann nachvollziehen, dass das für Dich ein gewisser Schlag sein muß, denn Du hältst Dich für annähernd unbesiegbar. Du bist es nicht, Schatten, und – ich weiß nicht, wie Du diese Sache betrachtest, mein Freund – ich bin der Ansicht, dass ein Mann, der mir gefährlich werden kann vielleicht doch besser mein Freund ist denn mein Feind.
Esturiana ergriff das Wort. Niemand verlangt, dass Ihr einander gernhabt. Vermutlich trennen sich unsere Wege ohnehin in Hope. Bis dahin verzichtet bitte auf weitere sinnlose Auseinandersetzungen, die nichts anderes zum Ergebnis haben als Unmut unter den Reisegefährten. Wir leben in gefährlichen Zeiten und durchreisen nicht weniger gefährliche Gegenden. Kämpfe wird es auf unserem Weg, wohin er auch führen mag, noch mehr als genug geben. Wir sollten sie nicht gegeneinander austragen. Die Magierin richtete ihren Blick auf den noch immer zweifelnden Thorbus. Bitte! sagte sie sanft. Da ließ die Erstarrung der Streithähne nach und Thorbus, nachdenklich zwinkert und wohl auch, um wieder zur Besinnung zu kommen, schenkte Esturiana einen gefühlvollen Blick. In…in Ordnung. Um Euretwillen werde ich meinen Zorn auf den Schatten mäßigen, Esturiana. Aber er soll wissen, dass ich Euch vor ihm beschützen werde, solange noch Kraft ist in diesen Armen! Esturiana lächelte erfreut und nicht minder erleichert, ergriff den muskulösen Arm des Berserkers und führte ihn vom Ort des Streites fort.
Schatten ließ sich neben Wolçar fallen und durchleuchtete ihn mit seinem brennenden Blick. Er verachtet die Magie, Wolçar ut Besço. Und insbesondere verachtet er mich. Da gibt es etwas in seiner Vergangenheit…das an ihm nagt, ihn quält. Und er bringt es mit mir in Verbindung. Wolçar brach sich ein Stück von dem Laib Brot ab, den Edea für die Gefährten bereitgestellt hatte. Und? Hattest Du etwas mit damit zutun? Die heftigen Bewegungen unter der Kapuze ließen annehmen, dass Schatten den Kopf schüttelte. Ich habe ihn niemals zuvor gesehen. Er muß mich mit jemandem verwechseln. Wolçar hob, weiter an seinem Brot nagend, die Augenbrauen. Vermutlich. Zumal Du so eine Allerweltserscheinung bist. Die Straßen WIMMELN von Leuten, die Dir bis aufs Haar ähneln. Wolçar war überrascht, als der verwandelte Wandler ihm sanft die Schulter knuffte. Sehr lustig, Wolçar ut Besço. Selbst Dir wird doch aufgefallen sein, dass die Entseelten und die Torwächter einer Kreatur wie mir nicht wenig ähneln. – Du WEISST, dass es mir aufgefallen ist.
Schatten nickte. Allerdings. Möglicherweise ist Thorbus schon einmal auf den Pfaden der Toten gewandelt. Sowas verändert einen Menschen. Und nicht nur die Menschen. Ein langer, unförmiger Arm wanderte unter die lebendige Kapuze des Schattenwesens und bewegte sich dort rhythmisch. Offenbar kratzte der Wandler sich am Kinn. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der den Korridor der Toten bewusst erlebt hat. Es heißt, nur die GMs seien dazu in der Lage, ihn willkürlich aufzusuchen. Und ich natürlich. Sehr interessant. Wolçar stellte das Kauen ein und sah Schatten erstaunt an. Denkst Du, Thorbus ist ein GM? Schatten schüttelte (vermutlich) wieder den Kopf. Nein, wohl kaum. Aber vielleicht WAR er mal einer? In einem vorherigen Zyklus. – Also quasi in einem anderen Leben? – Nein, hier gibt es kein Leben, wie wir beide mitansehen mussten. Es gibt nur das POTENTIAL dafür. Die Personen durchleben Zyklen, die sich regelmäßig wiederholen. Vielleicht gab es vor langer Zeit einen GM Thorbus, dessen Seelenessenz sich in dem Berserker Thorbus niedergeschlagen hat, der uns nun begleitet. Es ist gut, dass er uns begegnet ist, Wolçar ut Besço. Es mag schmerzhaft werden für ihn, aber wir sollten versuchen, ihn mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Vielleicht findet er sich dadurch selbst und kann die Suche nach dem Mörder seiner Frau gezielter angehen?
Wolçar hatte wieder zu kauen begonnen. Und Du schlägst mir das bestimmt nicht vor, weil Du ihn nicht leiden kannst? Ein Laut heiterer Empörung entfuhr der zischenden Kehle von Wolçars Gefährten Hm! Meine Kämpfe trage ich selbst aus, Wolçar, keine Sorge. Nein, umsonst wird man nicht zum Berserker. Der Geist des Zorns stellt eine interessante Theorie dar und in UNSERER Welt existiert er fraglos. Aber hier gibt es nichts, das nicht geplant und vorberechnet ist, Wolçar. Wenn dieser Mann ein Berserker ist, so liegt der Grund dafür in einem Faktor AUSSERHALB dieser Welt. Und den gilt es, zu erforschen. – Nun, ich habe gelernt, Deinem Urteil zu vertrauen, mein Freund. Und angesichts der Tatsache, dass Du mich beim Vornamen anredest, scheint Dir wirklich an dem zu liegen, was Du sagst. In Ordnung, wir werden Thorbus bei Gelegenheit um seine Geschichte bitten. Ohnehin hätte ich das getan – sobald er dazu bereit gewesen wäre.
Es besteht kein Grund zur Eile, Wolçar. Unsere gemeinsame Reise hat gerade erst begonnen. Die Gelegenheit, die Du suchst, wird sich noch finden.
Apropos: Es scheint, als seien unsere kleinen Scharmützel im Korridor nicht unbemerkt geblieben. Du erinnerst Dich, dass ein Fragment meinea Selbst in jeder Dimension zurückbleiben muß, die ich besuche? Nun, der Teil von mir, der im Korridor zurückblieb, hat vorgestern offenbar zwei GMs beobachet, die die Überreste unserer Opponenten untersuchten. Leider konnte es nicht verstehen, was sie gesprochen haben…doch zumindest einer von ihnen scheint ein sehr ungewöhnlicher Scherge des SYSTEM zu sein, denn er infiziert sich selbst mit KI. Ich kann mir nicht vorstellen, was er damit bezweckt…aber seine Kräfte sind beachtlich. Ein angemessener Gegner für mich. Beziehungsweise für uns zwei, Erzhüter. Wir sollten auf der Hut sein, wenn wir ein erneutes Fiasko wie mit Ylse vermeiden wollen.
Wann wirst Du mir erzählen, woher Du all Dein Wissen hast, woher Du die KI-Hexe kennst, wie Du in Kontakt mit den Freien gekommen bist, woher Deine Verletzungen kommen, was die Kreatur in Deinem Innern zu suchen hat und wieso Du die Freien und Begnadeten suchst und beschützt? Wolçar fragte direkt und ohne den Freund zu etwas zu drängen. Der seufzte sein kehliges Seufzen. Die Geschichte ist lang…und sie ist nicht sehr amüsant, Wolçar ut Besço. Wolçar riß sich ein weiteres Stück Brot ab und kaute daran. Wir haben die ganze Nacht Zeit. Oder hast Du heute noch etwas anderes vor? – Außerdem ist die Geschichte sehr schmerzhaft für mich. – Kivos kennt sie zum Teil. – Er hat erfahren, was ich ihm mitteilen musste, nicht mehr. – Und ich muß sie nicht erfahren? Der verwandelte Wandler seufzte. Ich werde Dir von mir erzählen, Wolçar. Heute Nacht, wenn die anderen schlafen. Sie…müssen es nicht erfahren. Nun, Sheila mag’s hören; sie verdient eine Erklärung, denn sie war dabei im Lager der Schattenelfen. Wolçar schmunzelte. Außerdem wird Kivos ihr früher oder später ohnehin erzählen, was er weiß.
Damit stand Wolçar auf, um Sheila und Kivos zu suchen und sie über ihr nächtliches Vorhaben zu informieren. Schatten griff mit unruhiger Hand nach dem bereitliegenden Brot und brach sich ein Stück ab. In Resignation starrte er es an, biß fest hinein, nur, um den Bissen umgehend wieder auszuspucken. Den Rest ließ er achtlos auf den Waldboden fallen. Dann sprang er von der Holzbank und schlich in die Finsternis des Waldes Ich muß seine Ruhe und seinen Frieden suchen, wenn ich diese Sache durchstehen soll. Diszipliniere Deinen Geist und verleugne Dein Herz, Raven, denn heute Nacht wirst Du beide im Griff haben müssen! Und der Schatten, der einmal der Erzmagier der Kurzmäntel Raven Arclaw gewesen war, flüchtete vor seinen Erinnerungen in den Wald.
Unterm Tisch griff Bücherwurm, dessen Erstarrung sich nunmehr auch gelöst hatte, nach dem von Schatten fallengelassenen Stück Brot und schnupperte versuchsweise daran. Schließlich warf er es fort und kroch unter dem Holztisch hervor. Genüßlich nahm er dort Platz, wo Schatten gesessen hatte, schlug erneut sein Buch auf und griff hungrig nach Brot und Käse. Dies war einer jener seltenen Momente, in dem die zwei Seelen, die nunmehr in der Brust des einstmals berühmtesten Gelehrten der Gnomen schlugen, absolut im Einklang waren. Nun, das war ja ein recht interessanter Abend.